annäherung an mich selbst

endlich konnten kluge zeitschriftenpsychologen meine entzückende persönlichkeitsstruktur vollends entschlüsseln. weil das sicher für all meine mitmenschen von größtem interesse ist, hier die ergebnisse:
ich bin geistreich, dunkelhaarig, sartre, sprachgewandt wie shakespeare, ganz nett, leidenschaftlich wie das leben selbst; bin zu jeder tageszeit voll der anteilnahme an jedermanns schicksal, sei es noch so belanglos; sollte soldat, komponist und punkrocker werden, in alaska leben, meinen urlaub in paris verbringen; ich schmecke nach kaffee und muschelsuppe, kann in der wildnis überleben, bin ruhig und ausgeglichen wie ein dunkelblauer buntstift, werde dich beim ersten date nicht küssen und hasse es, wenn du dabei die initiative ergreifst; ich bin verschwenderisch wie august der starke, illuminiere meine wohnung trotzdem nur mit kerzen; meine augen sind violett, meine aura golden, meine muttersprache isländisch; ich habe einen latenten hang zu hochmut und zorn, liebe aufmerksamkeit genauso wie das große drama und lebe dennoch zurückgezogen und bin realistischer als ein roman von stifter.

hilferuf

bis vor ganz kurzem dachte ich, ich litte an einer herbstdepression. nun rief heute ein freund an und korrigierte mich; es handele sich nicht um eine herbst-, sondern um eine winterdepression. danach sollte es um mein privates gehen, ich versuchte, auf gadamer abzulenken, nur gibt dessen privatleben genausowenig her wie meins. das liegt in erster linie daran, dass gadamer tot ist. ich hingegen bin so leidlich am leben und krieche auf dem zahnfleisch, und zwar die immergleiche strecke: hausbar – bett – badezimmer – hausbar – bett et cetera, wo ich relativ wahllos texte über dramenanalyse und thomas mann lese, der mir natürlich auch nicht helfen kann. ein teufelskreis.

die braut haut ins auge

unterlag als kind einmal einem verstörenden missverständnis. und zwar spielte ich beim essen auf eine recht wilde art mit dem besteck herum, worauf mich ein der tischgesellschaft zugehöriger herr darauf hinwies, diese sache könne ins auge gehen. dachte eine weile darüber nach, ich hätte mir tatsächlich mit der gabel ins auge gestochen und es würde jetzt auslaufen. fand das ordentlich erschreckend und fragte zögerlich, wie man sich denn im falle eines falles zu verhalten habe. das beste sei es, erklärte mir mein tischherr, man nähme eine kartoffel oder ein stück brot und tunke es ein, die flüssigkeit aufzusaugen. war einen kurzen moment äußert schockiert und angeekelt, bis ich bemerkte, dass die tischgesellschaft sich gar nicht mehr über mein ungebührliches verhalten am mittagstische, sondern über die nahezu unermessliche menge an wohl übrigbleibender soße unterhielt.