oh schwöre nicht beim mond

abgesehen von der handschuhsache hätte das aber ein prima kurzurlaub werden können, denn »von der ganz unglaublichen menge aberglaubens und geheimer künste, womit man sich itzt so innig und herzlich herumträgt, hat berlin, wie man von einer so großen stadt denken kann, einen nicht kleinen theil in sich.«
wer hätte das gedacht? der berliner als solcher ist also eine fragwürdige existenz. wenn das nicht mal aufregend und vielversprechend klingt! da musste ich natürlich hinfahren, denn mit fragwürdigen existenzen habe ich es ein bisschen (ein umstand, für den mein freundeskreis sich jederzeit verbürgen würde).

ergo reiste ich eines nachts nach preußen hinauf (zu einem abscheulichen schandmal moderner architektur, das sie dort einen »hauptbahnhof« nennen), ganz aufgewühlt und in freudiger erwartung der dinge, die dort geschehen würden, denn es wird einiges an werbung dafür gemacht:
»wer in den jahren 1780 und 1781 in berlin war, hörte gewiß auch von den wunderkuren eines mannes reden, der vorzüglich und anfangs einzig brüche, hernach aber auch andre krankheiten, durch mondschein und gebet unfehlbar heilte; den personen jedes geschlechts und jedes standes haufenweise besuchten; und der viel glauben fand, zuletzt auch bei leuten, die ihn nie gesehn noch weniger geprüft hatten, oder hätten prüfen können.«

ärgerlich, ich war wohl um 230 jahre zu spät. es heißt zwar »der monddoktor ist übrigens wahrscheinlich noch hier, und treibt, wie mehrere wahrsager und prophetinnen hier, seine kunst noch fort […]«, aber ich habe ihn nicht mehr angetroffen und ihn also auch nicht prüfen können.

eigentlich großer bockmist, aber thank god hat marcus herz, dem ich durch den weltgeist™ verbunden bin und der hier die funktion meines gewährsmannes übernehmen soll, ihn damals besucht und »diesen abscheulichen auftritt« 1783 in der berlinischen monatsschrift (aus der alle zitate stammen) aufgezeichnet.

marcus herz, der selbst arzt ist, scheint für astralmedizin wenig übrig zu haben und erklärt den hang bestimmter bevölkerungsschichten (hier: strumpfwirker – der eigentliche beruf des monddoktors) zum aberglauben mit deren profession: »ihre beschäftigung ist die einfachste […], ihr müßiger geist, der zu nichts erheblichem fähig ist, schweift daher in einbildungen und visionen aus, worin er noch durch das beständige singen geistlicher lieder während der arbeit unterhalten wird.« diese erklärung fügt sich ganz gut in die milieutheorie der aufklärungszeit ein, die davon ausgeht, das wesen der menschen sei allein durch ihre umwelt bedingt; die gesellschaftsform und die berufe also die schräubchen, an denen man drehen muss, um gute menschen zu produzieren.
aber sei’s drum, der neugierige herr herz findet sich also eines sommertages in der kommandantenstraße/ecke jakobstraße ein, wo aus allen querstraßen bereits elende drängeln, die kuriert werden möchten. das haus des monddoktors (welches herr herz ein elendes bierhause der untersten klasse nennt) befindet sich in einer straße, die »seitwärts aus der jakobstraße läuft«, und die damals hasenhegergasse hieß (und heute wohl irgendwie anders). es ist knackevoll mit leuten, die über ihre krankheiten und sagenhafte wunderkuren reden, und da sich der monddoktor an diesem tag um fünf stunden verspätet, geht marcus herz irgendwann wieder heim.
natürlich kommt er einen monat wieder und findet »flur und hof und stube mit einer erstaunlichen menge menschen angefüllt, die weit enger in einander standen, als bei der ersten brockmannischen vorstellung des hamlets« (johann franz brockmann that is), und alle leute sind ziemlich schnieke angezogen. schließlich kommt herr herz dann mit elf anderen an die reihe (einlass ist immer zu zwölft gegen eine spende von jeweils nicht unter zwei groschen), weil er so tut, als hätte er sich was gebrochen, und er ist vor spannung bis zum äußersten gezwirbelt, und er erwartet zauberkreise, magische figuren und gaukeleien, doch dann ist da ist nur dieser raum »ohne alle umschweife, maschinerien oder blendwerke« und »ein großer tisch in der mitte, und ein paar schemmel an der wand machte alles meuble aus.« jetzt wird marcus herz zeuge der wunderheilungen mit handauflegen, mond anmurmeln, knaben entkleiden und allerlei schnickschnack, nur bei ihm selbst funktioniert es nicht so recht, denn: »das kann ich nicht kuriren, sagte er (also der monddoktor); die leute denken auch, ich kann alles.« und dann schaut der monddoktor durchs fenster nach draußen und windet sich: »nun müssen wir einhalten, es ist wirklich eine streife über dem mond«, aber marcus herz sieht nichts dergleichen und hat sich um das fernere schicksal des doktors nie wieder bekümmert. zumindest behauptet er das, aber für diesen bericht hat es ja glücklicherweise trotzdem gereicht.

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