jahresrückblick 2/12

januar.
komme schnell darüber hinweg, die neujahrsansprache der bundeskanzlerin verpasst zu haben. stelle außerdem fest, dass die epoche der romantik an sich ein einziger coming-of-age-roman ist. und ich fahre mit einem bus nach erlangen, es ist die linie 30, was mich übellaunig stimmt, denn sie unterbricht die fahrt an jeder haltestelle, um weitere reisende aufzunehmen, deren ausgeatmete luft ich inhalieren muss; diese fahrt erscheint mir ewig. in die beschlagene Scheibe hat jemand mit einem harten gegenstand, vielleicht mit einem schlüssel, »KILL« eingeritzt. vielleicht war es ein abgebrochener fahrradschlüssel; seinen besitzer haben die umstände der busfahrt ebenso verbittert wie mich; viel lieber wäre er mit dem rad nach erlangen gefahren, wobei er sich unsagbar frei gefühlt hätte, vielleicht ein romantiker, doch die zu energische bewegung beim aufsperren des schlosses hat dies verhindert. die gespräche der anderen reisenden fressen sich in meinen gehörgang; wäre mein mp3player funktionsfähig, das heißt, hätte ich daran gedacht, den akku aufzuladen, könnte ich mich diesen gesprächen entziehen und ein hörspiel hören, »vermisste kids und killerpflanzen« beispielsweise böte sich an. die schlagzeile der bildzeitung des bemützten mir schräg gegenüber informiert mich über den gesundheitszustand petra schürmanns. das sprechen ist ihr inzwischen unmöglich, ein schicksal, welches theoretisch auch jeden meiner mitreisenden ereilen könnte. dieser gedanke stimmt mich weniger traurig, als das sittlich-moralische empfinden und meine ausbildung in moralphilosophie auf m.a.-niveau es mir nahelegen. der umstand hingegen, mich nicht in der linie 30E zu befinden, grämt mich sehr, denn die linie 30E hätte mir inzwischen drei minuten dieser busfahrt erspart, welche nun noch vierzehn minuten andauern wird. später im januar ereignet sich in erlangen »die« szene mit hildegard. ich war aber nicht dabei, denn ich habe zuhause im schlafanzug einen tausendwörterbrief über den geschmack von gin verfasst. und abgeschickt. als antwort erhalte ich eine ähnlich lange epistel, die größtenteils aus schmähkritik an meinem idol rufus wainwright besteht.

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