der freiherr und ich

vor zwei tagen von einem entspannten österlichen aufenthalt bei meiner oma zurückgekehrt, der ganz im zeichen von kirchenbesuchen, ausgedehnten spaziergängen, lektüre und massenweise obstbiskwittorte stand. die verdauung letzterer konnte ich mir dann allerdings nicht so gemütlich einrichten, denn ich fand mich bei meiner heimkehr um neun uhr abends gefangen in der schrecklichen situation, in knapp zwanzig stunden eine arbeit über die strukturalistischen ansätze in der texthermeneutik paul ricoeurs abgeben zu sollen. und natürlich hatte ich das deckblatt noch nicht hübschformatiert, geschweigedenn einen auch nur einzigen satz geschrieben. ich bin zwar einerseits »außergewöhnlich begabt«, so schrieb es zumindest der doktor, der mir inzwischen das bereits erwähnte gutachten ausgestellt hat, andererseits aber eine echte knalltüte, wenn es um zeitmanagement geht. nachtschicht einlegen war also angesagt, und ich wandte mich gerade abwärts »zu der heiligen, unaussprechlichen, geheimnißvollen nacht«, als der freiherr, der mir von der wand über dem sofa stets über die rechte schulter blickt, während ich am rechner tippe, aufmerksamkeitsheischend hüstelte; genau so, wie er es gerade im moment tut, weil ich ihn in diesem satz ohne quellenangabe zitiert habe, weswegen ich die geklaute passage schnell noch in anführungszeichen setze, denn er kann unerträglich sein, wenn er verstimmt ist. »was gibts, hardenberg?«, fragte ich ihn, und er blinzelte zweimal, ehe er mit einer gegenfrage antwortete: »dieser strukturalismus, was ist das?« oh mann. da hing er nun schon mehrere monate lang da oben über der couch, hatte mich weiß gott wie viele texte lesen und exzerpieren sehen, unzählige meiner telefonate belauscht, aber immer nicht die einfachsten grundlagen verstanden. ich guckte kurz genervt, warf dann aber doch die wikipedia an, schließlich hatte ich vor, meine wohnung noch einige zeit mit ihm zu teilen und wollte ihn nicht verstimmen. »kannst du das von da aus lesen?«, fragte ich, »oder soll ich vortragen?« da raschelte es hinter mir leise, und seine stimme war näher an meinem ohr als zuvor, als er sagte: »warte, ich sehe es mir selbst an.« sprachs, drängte mich zur seite, setzte sich neben mich auf die truhe und vertiefte sich in den artikel über den strukturalismus. während er so saß und las, versuchte ich, meine nervosität zu kontrollieren, denn ich schwärme sehr für den freiherrn. »was hältst du unter deinem mantel, das mir unsichtbar kräftig an die seele geht?«, dachte ich mir, und jetzt hüstelt er wieder. nach einer kleinen ewigkeit hatte er den eintrag endlich gelesen, und sein »ernstes antlitz [sah] ich froh erschrocken«, und wenn er noch einmal hüstelt, dann rolle ich das poster zusammen und stopfe es tief unter mein bett. »so weit seid ihr gekommen in der wissenschaft?« erkundigte er sich erstaunt, »aber was hat das mit der hermeneutik zu tun? liest man heute noch schleiermacher? liest man etwa sogar mich?« ja nun, was sollte ich sagen? ich versuchte es wieder mit einem zitat: »zu ende neigte die alte welt sich«, erklärte ich ihm, »du wirst schon noch gelesen, aber vielleicht ein bisschen anders, als du dir das vorgestellt hast. der autor ist tot, you know? und die thoren verkennen dich, sie fühlen dich nicht in der goldnen flut der trauben.« ich kann nicht behaupten, dass er über meine eröffnung glücklich war. stattdessen tadelte er mich dafür, ein zitat aus dem zusammenhang gerissen zu haben. aber auch da konnte ich kontern. »deine wuth und dein toben ist vergebens«, neckte ich ihn, »wir leben in der postmoderne, da ist anything goes angesagt. was das bedeutet, erkläre ich dir morgen. über der gegend schwebt ein entbundner neugeborener geist. damit musst du dich abfinden, ob du willst oder nicht. gern will ich rühmen deines glanzes volle pracht, aber zuerst muss ich die hausarbeit schreiben.« der freiherr nickte langsam und seufzte: »und jede pein wird einst ein stachel der wollust seyn. warlich ich war, eh du warst. und ich lebe bei tagen voll glauben und muth. aber jetzt kümmere dich weiter um deine arbeit, ich schaue von oben herunter nach dir.« und so ließ mich der herrliche fremdling mit den sinnvollen augen, dem schwebenden gange, und den zartgeschlossenen, tonreichen lippen allein mit meiner hausarbeit, und mir blieb nur noch eines zu sagen, ehe er wieder ins poster verschwand: »gern will ich die fleißigen hände rühren, aber sag mal, findest du das hübsch, wie ich mir die haare hochgesteckt habe?«

3 Gedanken zu „der freiherr und ich

  1. Ich haett gern noch ein Bild vom Seitenprofil. 😉 Von oben schauts ganz gut aus, was hast du dir ins Haar gesteckt? Staebchen? 😀

  2. ja, das sind stäbchen. die waren bei meinem wok dabei, aber da ich nicht mit stäbchen essen kann (also ich weiß, wie es theoretisch geht, bin aber so langsam, dass ich während dem essen verhungern würde), hab ich sie nie benutzt und dachte, ich könnte ja auch mal was sinnvolles damit anstellen.

  3. Zitat: »während dem essen« TSTSTSTS!!!!!

    Wie oft musste ich, liebes Kind, von Deinem Großvater hören:
    »Während regiert den GENITIV!!!!!«

    Aber nun ja, machen wir Herrn Sick nicht arbeitslos …

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