der agent und ich

besonders motiviert, endlich mit meiner hausarbeit über die studien zum autoritären charakter zu beginnen, war ich nicht gerade. da ich aber schon einige zeit darauf vertrödelt hatte, verschiedene bücher und kopien dekorativ auf meinem bett zu verteilen (mein heim mag kein schloss sein, mein schlafplatz aber ist definitiv ein zweiter schreibtisch) und eigentlich der bibliothek ein weiteres mal einen kleinen besuch abstatten wollte, schien mir das energische klingeln an der tür zeitlich ein wenig unpassend. aber wenigstens war ich, immerhin wollte ich ja gerade nach erlangen fahren, vollständig und tageslichttauglich bekleidet. mein versuch, eine ausrede zu erdenken, warum ich gerade jetzt in diesem moment die tür nicht öffnen konnte, wurde von einem weiteren klingeln unterbrochen, das dem ersten in intensität an nichts nachstand. ich ergab mich dem feind und öffnete die tür. »na endlich«, sagte der mann, schob mich ein wenig zur seite, betrat mein zimmer, setzte sich auf die couch und legte seine füße, die in schnittigen motorradstiefeln steckten, auf meinem kreisrunden weißen wohnzimmertisch ab. das adventsgesteck, das ich seit monaten dort stehengelassen hatte, schob er ebenso zur seite, wie er es vorher mit mir getan hatte. »äh«, sagte ich. die drei fragen, die ich ihm hatte stellen wollen (wer bist du? was machst du hier? gefällt dir das gesteck nicht?), unterbrach er mit einem ungeduldigen zungenschnalzen. »agent gideon. hast du was zu trinken?« ich nickte, holte ihm eine coke zero aus dem kühlschrank und setzte mich auf das andere sofa. »und was soll das?«, fragte ich. »ich fahre den porsche«, antwortete er. »aber das geht nicht«, sagte ich, »ich habe gar kein auto. außerdem muss ich in die bibliothek«. der verrückte rollte mit den augen. »ich bin eingeweiht«, sagte er, »für deine hausarbeit habe ich eine gliederung mitgebracht, um den rest kümmern wir uns später. können wir jetzt bitte die mission besprechen?« er kramte ein blatt papier aus seinem agentenkoffer und reichte es mir. ein blick darauf genügte, es war wirklich eine gliederung für meine hausarbeit, sie war sehr gut und ich ein wenig zufriedener mit der welt, aber nicht weniger irritiert. »agent gideon«, murmelte ich, »bist du vom fbi?« der agent sah mich an, als hätte ich ihm h-milch zu seiner cola angeboten. »nein«, sagte er, »scotland yard. bist DU überhaupt eingeweiht?« nun, ich war eindeutig nicht eingeweiht in die dinge, die sich gerade in meiner wohnung abspielten. »nein«, erwiderte ich, »und außerdem… du bist brite? ich verstehe kein britisches englisch!« agent gideon warf mir einen lasziven blick zu, leckte sich über die oberlippe und raunte: »ist das so? ich muss kein brite sein, wenn dir das nicht gefällt. es ist dein traum. wie hättest du mich gerne?« – »lass das«, befahl ich dem verrückten, »das ist keiner von diesen träumen. und jetzt hör auf mit dem unsinn, wir müssen eine hausarbeit schreiben«. der agent schnaubte ein wenig. »ja, machen wir noch. aber erstmal kümmern wir uns um die mission, die ist brandgefährlich«. ich musste ein wenig schmunzeln. »haha«, schmunzelte ich also, »gefählich? so gefährlich wird die schon nicht sein, man kann im traum gar nicht sterben. jedenfalls nicht richtig. menschliches bewusstsein und so, du weißt schon«. den agent beeindruckte das aber gar nicht. »genau«, stimmte er mir zu, »du kannst im traum nicht sterben. deswegen bin ich ja hier. und jetzt zieh dir schuhe an, wir müssen hier raus. ich habe den porsche nur für 24 stunden gemietet, und wir müssen heute nacht noch einen altar zerstören«.
nachdem wir das erledigt hatten, hatten wir den porsche noch für drei stunden. agent gideon fuhr mich zur bibliothek, half mir beim kopieren und bastelte mir die formatvorlage für die hausarbeit hübsch, vor der ich gerade sitze. schade, dass er keine zeit mehr hatte, mir die einleitung zu schreiben, in soziologischer theorie war er gar nicht so übel.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.