country leaver #2

nach einem gespräch über den gewitzten plan, in england mit amerikanischen mentholzigaretten so richtig dicke geld zu verdienen und nachdem jeremy endlich fast seinen flug nach newcastle verpasst hatte, konnte ich mich wieder meinen alltagssorgen widmen (deo verschwunden, auf dem flughafen verlaufen, die absicht der fluggesellschaft, mich mit ständigen gateänderungen in den wahnsinn zu treiben). aber immerhin, zwischen mir und dem ostersonntagsessen bei meiner oma lagen nur noch wenige hundert kilometer luftlinie und eine kurze, aber enervierende flugzeit, die ich mit noch mehr alkohol und diversen panikanfällen (wilde turbulenzen, geruch der anderen menschen, deren deo offensichtlich auch verschwunden war, truhe mit wertvollem microwave popcorn für verloren gehalten, da halbe stunde am falschen rundlaufband gewartet) dann doch gut zu überbrücken wusste.
einige wochen später erreichte mich die frohe botschaft: jeremy begab sich mit seinen eltern auf eine europareise durch frankreich, die schweiz und deutschland und wollte die gelegenheit nutzen, um für ein paar tage bei mir abzusteigen. und bis es so weit war, beschäftigte er mich mit seinen reisevorbereitungen, was ich dazu nutzte, mit ein paar seiner vorstellungen über junge europäer im allgemeinen und mich im speziellen aufzuräumen (yes, switzerland and france border germany; no, i don’t go there all the time) und großartige ratschläge bezüglich sightseeings an den mann zu bringen (der dichter und denker nummer eins möge es mir verzeihen, ich empfahl heidelberg anstelle von frankfurt. er kann sich aber wieder beruhigen, frankfurt bekam aufgrund seines internationalen flughafens, von dem aus man super nach chicago fliegen kann, den zuschlag). glücklicherweise hatte ich der fußball-wm zu ehren sowieso fast keine seminare belegt und daher für diesen ganzen quatsch zeit.
irgendwann im juli dann der große tag, ich holte jeremy vom bahnhof ab (vorher erreichte mich ein hysterischer anruf: my ticket says Gleis eight! what the hell does Gleis mean?!). übrigens, der aufmerksame leser wird es vermutet haben, auf gleis acht. wir dann erstmal in meine wohnung, gepäck abstellen, danach in den park, wein trinken. am nächsten tag große besichtigungstour (z.b. das geburtshaus von henry kissinger morgens um acht. heute befindet sich darin ein tätowier- und fetischladen. außerdem: weihnachtskitsch bei käthe wohlfahrt, ein shoppingexzess bei h&m usw. deutsche kultur eben). danach ergab sich ein kleines problem. jeremy wollte den ganzen tag bier trinken und die unterschiede zwischen angelsächsischen und deutschen schwulenpornos diskutieren, ich aber hatte es mir bereits in meiner jugend zur lebensaufgabe gemacht, jährlich das waldfest des bund naturschutz im schmausenbuck zu besuchen, um dort colagetränke aus ökologischem anbau zu verkosten. und das waldfest war nun mal gerade jetzt. jetzt! jeremy hatte auf waldfest ungefähr so viel lust wie auf ein kaffeekränzchen mit der heilsarmee, ließ sich aber durch die aussicht auf deutsches bier aus ökologischem anbau locken. außerdem gab ich das waldfest als »really awesome forest festival with interesting bands and all that kinda stuff« aus, um der sache einen coolen anstrich zu verpassen. ein weiterer teil des deals war meine zustimmung zu einem abendlichen treffen mit seiner myspacebekanntschaft aus der region.
das waldfest verlief erwartungsgemäß größtenteils ätzend. die dort auftretenden blaskapellen und coverbands waren zwar eindeutig interesting, aber nicht im geringsten awesome. das einzige, was jeremy bewunderung abrung, war ein festredner, der über den deutschen mischwald sprach und seine worte ebenso umnachtet intonierte wie hitler.
also wieder nach hause, um vorbereitungen für die verabredung am abend zu treffen (stundenlang telefonieren, stundenlang umziehen). auf dem weg zum treffpunkt bekam jeremy in der straßenbahn einen nervenzusammenbruch, ich konnte ihn aber beruhigen, indem ich ihm meinen spezialtrick verriet, mit dem man prima aufdringliche leute los wird (in einem vertraulichen moment ganz nahe an den anderen heranschmiegen, dann ein tiefer blick in die augen und der satz: »sag mal, hattest du eigentlich mal eine zahnspange?«).
punkt neunzehn uhr standen wir vor der lorenzkirche. die verabredung lief auf uns zu und fragte: »so, what have you done today?« – »oh, we have been to a really awesome forest festival«, sagte ich. »forest festival?« wiederholte david, welcher nämlich die verabredung war, fragend. »oh yeah«, sagte jeremy, »it’s kind of cool. they worship trees.«

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