wie man einen leser neugierig macht

A n z e i g e n
Es ist den 6ten Mai ein Schreiben von einem Ungenannten mit der Chorener Post an mich eingegangen. Bis jetzo ist meine Mühe, den Absender dieses ohne Namen und Ort an mich gerichteten Schreibens zu erfahren vergeblich gewesen. Ich wähle dahero die öffentlichen Blätter, um dem Absender des an mich gerichteten Schreibens, welcher sich im Dunkeln zu verbergen sucht, hiermit zu antworten, und ihn aufzufordern, sich bei mir in Rakschütz bei Neumarkt in Niederschlesien schriftlich mit Bekanntmachung seines Namens und Wohnortes, oder persönlich zu melden, wo ich ihm das Gegentheil seiner unergründlichen Vermuthungen beweisen werde. Sollte er das Licht scheuen, so erkläre ich hiermit den Inhalt seines Schreibens für das was er ist, für Erdichtung. Rakschütz den 10ten Junii 1802.
von Debschitz
– aus den berlinischen nachrichten von staats- und gelehrten sachen, no. 78. donnerstag, den 1sten julii 1802 –

wie man über andere zeitungen schreibt

Paris, vom 22. Junius

Zuförderst wollen wir bemerken, daß in den neuesten Pariser Zeitungen bis zu obenstehendem Datum, namentlich in dem Amtsblatt der Regierung, dem Moniteur, der in Nantes erschienenen Unterhandlungen des General Leclerc mit Touissant noch mit keinem Worte erwähnt wird, wodurch wir jedoch die Zuverlässigkeit oder auch nur die Wahrscheinlichkeit desselben keineswegs verdächtig machen wollen. Aber auch außerdem enthalten jene neuesten Berichte aus Paris durchaus nichts für das Ausland Merkwürdiges.

– aus den berlinischen nachrichten von staats- und gelehrten sachen, no. 78. donnerstag, den 1sten julii 1802 –

bekenntnisse

verstörend, wie sehr dieser augustinus mich ansaugt. die lektüre der confessiones gleicht einer gehirnwäsche. noch bin ich agnostisch, aber wenn ich so weiterlese, wird in einiger zeit eine epiphanie eintreten. das liegt am satzbau. augustinus ist immer im flow, aber der flow ist an vielen stellen rastlos. er wirft mich beim lesen hin und her, weil widersprüchliche bilder aufgerufen, oft sogar genau benannt werden (süßigkeit wandelt sich in bitterkeit); ruhe tritt nur dann ein, wenn es um gott geht (sein gesetz ist die wahrheit). das ist gut ausgearbeitet, aber logisch: der typ war ja rhetoriker und kann das. er hat keine freundlichen augen, die mich erkennen, aber er fasst meine verlangende hand (zitat intended, vgl. satz 1).

»Das liebt man an den Freunden, und so sehr liebt man es, daß unser Gewissen sich Vorwürfe macht, wenn es den Wiederliebenden nicht liebt und den Liebenden nicht wiederliebt, ohne von ihm irgend etwas mehr zu verlangen als nur Zeichen seines Wohlwollens. Hierauf gründet sich jene Trauer, wenn ein Freund stirbt, und die finstere Nacht der Schmerzen und das blutende Herz, wenn die Süßigkeit sich in Bitterkeit gewandelt hat und der Tod der Lebenden durch den Verlust des Lebens der Sterbenden. Selig, wer dich liebt und den Freund in dir und den Freund um derentwillen. Der allein verliert keinen teuern Freund, dem sie alle teuer sind in dem, der nie verlorengeht. Das aber ist unser Gott, der Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat und sie erfüllt, weil er ihnen das Dasein gab, indem er sie erfüllte Dich kann nur der verlieren, der dich verläßt, und wer dich verläßt, wohin geht er, wohin flieht er denn als nur von dir, dem Liebevollen, zu dir, dem Zornigen? Wo stößt der Fliehende nicht auf dein Gesetz in seiner Strafe? Und dein Gesetz ist die Wahrheit und die Wahrheit bist du!«

– augustinus: confessiones. buch 4, kapitel 9 –

wie man sich richtig unterhält

»Darauf gingen wir in die Fakultät für Sprachen, wo drei Professoren darüber berieten, die Sprache ihres eigenen Landes zu verbessern. Das erste Projekt bestand darin, die Rede dadurch abzukürzen, daß man vielsilbige Wörter zu einsilbigen beschneidet und Verben und Partizipien ausläßt, da alle vorstellbaren Dinge in Wirklichkeit ja doch nur Hauptwörter seien. Das zweite Projekt war ein Plan zur völligen Abschaffung aller Wörter überhaupt, und man machte geltend, daß das außerordentlich gesundheitsfördernd und zeitsparend wäre. Denn es ist klar, daß jedes Wort, das wir sprechen, in gewissem Maße eine Verkleinerung unserer Lungen durch Abnutzung bedeutet und folglich zur Verkürzung unseres Lebens beiträgt.«
– aus jonathan swift: gullivers reisen –