drittklassaufsatz

»Am Samstag fuhr Herr Taschenbier eine Woche allein ins Gebirge. Er dachte daß das Sams zuhause war und machte sich daher darüber keine weiteren Gedanken. Er war so müde daß er es sich auf den Rücksitzen des Autos bequem machte und einschlief. Und gerade das war ein Fehler. Wenn er nämlich den Kofferraum geöffnet hätte, dann hätte er sicher bemerkt daß das Sams nicht zuhause war. Es hatte sich nähmlich in den Kofferraum gelegt, was Herr Taschenbier nicht bemerkt hatte.«
– sehr dramatisch gelesen –

über das listenwesen

»Jonathan Margin, Chefredakteur des literarischen Schnarchblatts Belles Lettres, hofft darauf, uns alle mit seiner Version der fünfundzwanzig besten Autoren Amerikas zu wecken. Laß gut sein, Margin. Wir können sie im Schlaf herbeten. Los geht’s bei Bellow und endet bei Updike, und die Zehn-zu-Eins-Wette gilt, daß Charles Bukowski es mal wieder nicht schafft. Schnarcht weiter in Frieden, oh gläubige Leser der Schönen Literatur!«
– aus charles simmons: belles lettres –

jemand wartet

menschen, die sich einsam fühlen, erzählt man ja gerne, dass irgendwo jemand auf sie wartet. in meinem fall stimmt das tatsächlich: in erlangen wartet die institutsbibliothek darauf, dass ich eine b-signatur zurückbringe. aufklärung und moderne 20, ein band über kanonbildung und kulturelle identität. es geht darin unter anderem um die abhandlung de la littérature allemande von friedrich 2, »mit der er seine inkompetenz auf dem gebiet der deutschen literatur auf peinliche weise dekuvrierte.« schöner satz!

auch schön ist aber das labyrinth oder reise durch deutschland in die schweiz 1789 von jens baggesen, das ich glücklicherweise noch nicht wieder herausrücken muss, weil es offensichtlich nie nachgefragt wird. das wiederum ist schade, denn baggesens reisebeschreibung ist nicht nur unterhaltsam und angenehm zu lesen, sondern auch ein subversives stück text.

die reise beginnt in kopenhagen. zunächst muss ein pass ausgestellt werden – dieser vorgang erstreckt sich über sechs buchseiten und dauert damit länger als beispielsweise ein aufenthalt in einer stadt wie heidelberg. nun habe ich baggesens labyrinth nicht zufällig gelesen. ich war vor allem an seiner schilderung der frankfurter judengasse interessiert, und tatsächlich war das ein glückstreffer. obwohl es beim überfliegen der einschlägigen textstellen so wirkt, als liefere baggesen eine recht konventionelle beschreibung, steckt doch mehr dahinter. auf den ersten blick unterscheidet sich baggesens text wenig von anderen zeitgenössischen darstellungen jüdischer wohnverhältnisse, wie man sie etwa in goethes dichtung und wahrheit findet. bei goethe nämlich:

»Die Enge, der Schmutz, das Gewimmel, der Akzent einer unerfreulichen Sprache, alles zusammen machte den unangenehmsten Eindruck, wenn man auch nur am Tore vorbeigehend hineinsah.«

enge, schmutz und gewimmel/wimmeln sind in diesem zusammenhang typische kollokationen. das heißt, diese wörter finden sich überdurchschnittlich oft in solchen beschreibungen und bilden, wenn man sich das menschliche gehirn bildlich vorstellt, gemeinsam mit judengasse ein denkwölkchen.

obwohl goethes text ungefähr 20 jahre älter ist als das labyrinth,* können wir davon ausgehen, dass dieses denkwölkchen auch baggesen bekannt war. man erkennt das an folgender stelle:

»Ich habe Jerusalem niemals gesehen; doch – ob es nun von den geschmacklosen Häusern, den engen Straßen, dem großen Schmutz und den vielen Juden kommt, von denen es hier wimmelt, oder was immer die Ursache sein mag – gewiß ist, daß mir der Gedanke nicht aus dem Kopf will, Judas berühmte Hauptstadt müsse dieser Stadt sehr ähnlich gewesen sein […].«

hier wird also die gängige beschreibung einer judengasse auf das historische jerusalem übertragen. das bild ist natürlich schief, denn »judas berühmte hauptstadt« ist die königsstadt davids und salomos, in der es häuser aus zedernholz und mehrere tausend stellplätze für die wagenpferde des königs gegeben haben soll. im ersten buch der könige lässt sich nachlesen, wie prachtvoll dieses jerusalem war. andererseits aber ist das bild so schief vielleicht doch nicht. denn baggesen beschreibt hier gar nicht seinen eindruck von der frankfurter judengasse, sondern die stadt hamburg. das aber ist, hier die nächste wende, auch wieder falsch, weil es in hamburg kein ghetto gab, das mit dem frankfurter vergleichbar gewesen wäre. mir scheint es, als wäre es absicht, dass das negative jerusalembild bei baggesen nicht funktioniert, denn so lässt sich zeigen, wie unbegründet die zeitgenössische ansichten über juden sind. während in anderen texten aus dieser zeit behauptet wird, der zustand zum beispiel der frankfurter judengasse entspräche einem ›jüdischen naturell‹, wird das hier mit anderen gedanken kontrastiert, nämlich der historischen blüte des antiken judentums und dem schmutz der (christlichen!) handelsstadt hamburg. eine faszinierende, doppelbödige stelle innerhalb der reisebeschreibung, die ästhetisch gesehen interessanter ist als diejenigen, an denen baggesen offen partei ergreift. ich zitiere nun trotzdem aus einem dieser politisch-programmatischen abschnitte, weil baggesen da einige gedanken bringt, die man gar nicht oft genug lesen kann:

»Ist es möglich, daß man noch in unserem Jahrhundert – dem achtzehnten seit der Verkündung der Gesetze der allgemeinen, menschenbrüderlichen Liebe Jesu Christi – ein ganzes Volk, in Generationen von Generationen, mit all seinen geborenen und ungeborenen Individuen, für der menschlichen Gesellschaft nicht zugehörig ansehen kann? Ist es möglich, daß man noch in unserem Zeitalter eine Nation, welche physische und moralische Existenz mit allen anderen gemeinsam hat, für politisch nicht existent und zu ewigen Verbannung bestimmt ansehen kann?

nun aber doch noch zu baggesens eindruck von der frankfurter judengasse. um typische kollokationen ging es ja gerade schon. neben denen, die ich vorhin genannt habe, gibt es noch eine andere besonderheit, die in solchen beschreibungen gehäuft auftritt: die tiermetapher. tiermetaphern sind übrigens nicht grundsätzlich negativ. wer mal etwas über metaphern gelernt hat, wird sich vielleicht an den in der literatur gerne verwendeten beispielsatz achilles ist ein löwe erinnern. dass wir diese metapher als positiv empfinden, liegt an den attributen, die dem löwen zugeschrieben werden. er ist stark, mutig und majestätisch – metaphorisch zusammengefasst: der löwe ist der könig der tiere. im zusammenhang mit juden findet man aber ganz andere tiermetaphern. der bösartigste schnitt der deutschen filmgeschichte: ein fliegenschwarm am fenster. schon zu baggesens zeit: immer tiere, die im kollektiv auftreten. immer tiere, die beschwerlich fallen. ungeziefer. wer diese metaphern benutzt, will bewusst dehumanisieren.

baggesen aber ist ein echter fuchs. er hält sich an gewisse standards der gängigen tiermetaphorik und unterläuft sie gleichzeitig, indem er andere insekten wählt:

»Der entsetzliche Eingang zu diesem Frankfurter Gosen, den ich nicht besser als mit dem Flugloch eines Bienenkorbs zu vergleichen weiß – man betrachte ein solches recht genau und stelle sich die ein- und ausschwärmenden Bienen zu Husarenstaturen vergrößert vor!«

wie funktioniert diese metapher?
es gibt eine bestimmte quelldomäne, nämlich den bienenkorb oder, allgemeiner, bienen. dann gibt es die zieldomäne, die dadurch beschrieben werden soll, hier natürlich die judengasse oder, wieder allgemeiner, juden. der leser weiß über bienen, dass sie staatenbildende insekten sind. die naheliegendste eigenschaft der bienen ist ihr fleiß. sie werden »vom menschen gewartet« (so in adelungs wörterbuch) und sind dadurch nutztiere. das unterscheidet sich nicht nur gewaltig von der in vielen anderen texten üblichen ungeziefer-metapher; die bienen-metapher spielt gleichzeitig auf die zu dieser zeit öffentlich geführte diskussion über die rechtliche gleichstellung der jüdischen bevölkerung an. der bienenkorb des imkers entspricht in diesem bild der fürsorgepflicht des schützenden staates, der für alle untertanen verantwortlich ist. trotz dieser positiven richtung ist die bienen-metapher nicht vollkommen entfernt von bestimmten aspekten der negativmetaphern, denn auch bienen leben in schwärmen, sie brummeln, surren und wimmeln. daher muss ein unaufmerksamer leser sich an dieser stelle nicht stoßen. er kann darüber hinweglesen und dabei im günstigsten fall wohlwollende assoziationen aufschnappen, die vielleicht in seinem bewusstsein verbleiben.

und nun komme ich endlich zur conclusio: lest baggesen, leute! ER WARTET AUF EUCH!

* als dichtung und wahrheit veröffentlicht wurde, gab es die frankfurter judengasse nicht mehr (der ghettozwang wurde nach dem brand 1796 aufgehoben). goethe erzählt hier eine jugenderinnerung, die unter anderem von der lektüre der jüdischen merckwürdigkeiten johann jacob schudts geprägt sein könnte (die ich hier nicht verlinke, obwohl darin unter anderem erklärt wird, wie man drachenblut verwendet).

cupido nicht okay

letzte woche habe ich eine stunde zeit in meine karriere im investigativen journalismus investiert und mich bei einem portal angemeldet, auf das ich durch twitter aufmerksam wurde, und das sich »okcupid« nennt.*

doch was hat meine recherche ergeben? hinter okcupid steckt eine maschine, die einerseits vorzüglich schmeichelt, denn ich soll knapp doppelt so nett sein, wie der durchschnittsmaschinennutzer es ist. andererseits hat sie sich gehörig im ton vergriffen. die maschine hat mir nämlich vorgeschlagen, mich mit genau denjenigen leuten zu treffen, für die ich an der uni immer nur ein müdes lächeln übrig hatte. damit meine leser sich etwas darunter vorstellen können, nenne ich diese leute mal »nerds, die optisch und sozial betrachtet echt hilfe brauchen und keine erfahrungen mit alkohol haben.« wer an einer philosophischen fakultät eingeschrieben war oder ist, wird wissen, welchen typus person ich meine. ist nicht schön.

wie aber kommt die maschine auf diesen schrägen trichter? die sache funktioniert so: man beantwortet fragen, und die eigenen antworten werden nach irgendeinem system mit den antworten anderer leute abgeglichen. so will die maschine feststellen, ob man romantisch oder freundschaftsmäßig miteinander harmoniert. das problem dabei ist, dass die fragen nichts taugen. sie lassen sich in drei gruppen einteilen:

#1 die erste gruppe fragen dient dazu, rassisten, homosexuellenhasser und andere miesmenschen auszusortieren. dafür aber brauche ich keine maschine, das schaffe ich auch selbst ganz gut. der trick dabei ist, sich auf partys nicht nur darüber zu unterhalten, dass man !als so ziemlich einziger mensch in der region! radiohead gut findet, um dadurch individuell zu wirken.

#2 durch die zweite sorte fragen lässt sich ermitteln, wer ebenfalls der katholischen sexualmoral folgt. weil das in die rubrik »dinge, die ich über leute nicht wissen will« fällt, habe ich diese fragen recht bald übersprungen.

#3 die restlichen fragen aber sind die schlimmsten. es sind fragen wie zum beispiel »folter durch den staat – ja oder nein?«, die ich nicht mit einem klick beantworten kann, weil man da verschiedene rechtsgüter gegeneinander abwägen und sich entscheiden muss, ob man moralisch oder juristisch argumentieren möchte. aber andererseits: nähme man die frage wörtlich, müsste man auf [ja] klicken. denn genau das ist ja die definition von folter (nach der UN), nämlich (verkürzt formuliert) quälen durch staatliche organe.
wenn also der staat nicht foltert, wer soll es bitte dann tun? ob das portal okcupid diese aufgabe übernehmen kann, werden zukünftige forschungen zeigen.

* mein account ist inzwischen wieder gelöscht.

geronimo #4

»Once again, our nation’s native people were categorized as terrorists. The time has never been more appropriate and necessary for you to issue an apology to Native America.« (Mitchell Cypress, Chairman of the Seminole Tribe)

»In the spirit of bringing about that type of unity once again, we must address the use of an American Indian icon’s name, Geronimo, as the code name for Osama bin Laden. It is critically important that an historical figure like Geronimo, who for generations has served as an inspiration and hero to millions of American Indians and non-Indians alike, not be associated for all of history with one of the world’s most heinous villains.« (Ray Halbritter, Representative of the Oneida Indian Nation)

»Geronimo was fighting against the invasion of his country and the oppression of his people. He did not invade the United States. Rather, Spain, Mexico, and then the United States invaded the Apache Territory and the territories of hundreds of other Indigenous nations.« (Steven Newcomb, Indigenous Law Institute)

geronimo #3

»The Native American Journalists Association (NAJA) is very grateful and proud that the United States government has captured one of the biggest terrorists known to mankind. However, in doing so, the U.S. government has contributed to the stereotyping of Native Americans by utilizing a historical Native icon such as Geronimo, to set the scene for American ridicule by comparing him to the capturing and killing of Osama Bin Laden. […] We ask the Federal Government could there not have been another name used in reference to this attack? Could we not have used another infamous enemy in reference to Bin Laden perhaps, Custer or Columbus? […] It is unacceptable for the U.S. to equate Geronimo with Osama bin Laden. Geronimo stood up for his people, their traditions, and the land they lived upon. Geronimo was no terrorist. He was a member of North America’s homeland security, and Native North Americans will never forget that.« (Rhonda LeValdo, President der Native American Journalists Association)

geronimo #2

“As the leader of the largest Indian nation in America, I am appalled and disappointed that United States Military leaders would dishonor the legacy of war leader—Geronimo and the Apache tribes. […] Today, I ask President Obama and the Pentagon to change the operation code name ‘Geronimo’ from this day forward. So that U.S. history books will not continue to portray negative stereotypes of Native Americans and that America’s youth will remember Geronimo as one of our greatest war heroes.« (Ben Shelly, Navajo Nation President)

geronimo

»We are quite certain that the use of the name Geronimo as a code for Osama bin Laden was based on misunderstood and misconceived historical perspectives of Geronimo and his armed struggle against the United States and Mexican governments. However to equate Geronimo or any other Native American figure with Osama bin Laden, a mass murderer and cowardly terrorist, is painful and offensive to our Tribe and to all native Americans.« (Jeff Houser, Chairman des Fort Sill Apache Tribe in einem Brief an Präsident Barack Obama)

»Geronimo bravely and heroically defended his homeland and his people, eventually surrendering and living out the rest of his days peacefully, if in captivity, passing away at Fort Sill, Oklahoma in 1909. To compare him to Osama Bin Laden is illogical and insulting. The name Geronimo is arguably the most recognized Native American name in the world, and this comparison only serves to perpetuate negative stereotypes about our peoples. The U.S. military leadership should have known better.« (Onondaga Nation Council of Chiefs)

“To associate a Native warrior with bin Laden is not an accurate reflection of history and it undermines the military service of Native people. It’s critical that military leaders and operational standards honor the service of those who protect our freedom.” (National Congress of American Indians)

engagement

»Oft erledigen Praktikanten aber auch kostengünstig die Arbeit, die eigentlich von Festangestellten gemacht werden sollte. Dahinter muss nicht immer böser Wille zur Ausbeutung stehen. Denn manch engagierter Kleinverlag wäre wohl anders gar nicht überlebensfähig.« (das ist aus dem spon.)

engagierte kleinverlage in allen ehren, aber es muss eigentlich heißen:
Manch engagierter Kleinverlag wie beispielsweise das Goethe-Institut wäre ohne Subventionierung durch die Eltern der dort »praktizierenden« Mittzwanziger gar nicht überlebensfähig.