something old

über geschichtsfälschung: „Der König David Bericht“ von Stefan Heym.

Der Roman handelt vom Schreiber Ethan, einer Intellektuellenfigur, die an den Hof des Königs Salomo bestellt wird, um dort als Mitglied einer Kommission einen „Bericht über den Erstaunlichen Aufstieg und so fort“ König Davids, des Vaters Salomos zu verfassen. Was sich zunächst als Gnade Salomos gegenüber Ethan darstellt, erweist sich als tückisch, denn das Ziel des Berichts ist es, Salomos Legitimation als Herrscher sicherzustellen. Dieser baut seinen Machtanspruch darauf, von David erwählt worden zu sein, der wiederum der Legende nach von Gott selbst als König über Israel ausgewählt wurde. Doch würde dieser Status Davids angezweifelt, wäre dadurch freilich auch die Rechtmäßigkeit der Herrschaft Salomos in Frage gestellt. Dass die Davidserzählung faktisch nicht korrekt sein kann, zeigt sich an zahlreichen Details. Allein darüber, wie David an den Hof seines Vorgängers Saul gelangte, gibt es zwei miteinander konkurrierende Geschichten. Die Erzählung vom Sänger (1. Sam 16,14ff) und die vom Bezwinger des Riesen Goliath (1. Sam 17) schließen einander eindeutig aus, denn „in beiden Überlieferungen begegnen David und Saul einander zum ersten Mal“, und so wird an zwischen den beiden Geschichten die knappe Bemerkung eingefügt, David habe Saul wieder verlassen, um die Schafe seines Vaters zu hüten. Hierbei ist die Darstellung der Belege für die Goliathgeschichte besonders interessant. Da es weder Augenzeugen des Ereignisses noch Aufzeichnungen darüber gibt, werden drei Geschichtenerzähler eingeladen, um die Faktizität des Kampfes gegen den Riesen durch Rückgriff auf die mündliche Überlieferung zu fundieren. Als die drei erzählten Geschichten einander auf das Wort gleichen, werden sie in den Status einer historischen Tatsache erhoben, wobei allerdings bewusst unterschlagen wird, dass es sich bei ihnen, wenn man von der eindeutigen zeitlichen Kontextualisierung absieht, sowohl dem Inhalt als auch der Struktur nach um ein typisches Volksmärchen handelt. Und steht das Volksmärchen zwar in Korrespondenz mit der faktischen Außenwelt, so verbürgt es sich dennoch nicht für historische Tatsachen.

noch einmal von den körpern

»Im Frühling 1770 war ich, seit bald zwey Jahren, in der allertiefsten Schwermuth; tiefer in dieselbe versunken, als vielleicht kein Gefangener in dem engsten unterirdischen Kerker. Man verlangte viel von mir, und meine Gesundheit war vernichtet. Ich konnte nie ohne Todesangst und Todesgefahr in einer aufrechten Lage meines Körpers essen. […] Ich wäre damals lieber an den Tod gegangen, als bey jemand zum Essen.«

»Dieses sind meine mit dem Purgierkraut gemachten Versuche. Gerne wolte ich daß ich solche weiter fortsetzen, und einige davon ein Paar mal repetiren könte. Allein ich merke daß ich allgemach des Evacuirens müde werde, zumal da meine Diät so beschaffen ist, daß ich niemals Evacuantia nöthig habe. Diese sechs mal habe ich für das Publikum purgirt, und so viel kan für dieses mal genug seyn.«

»Georg Nevil, ein Bruder des großen Grafen von Warwick, gab im Jahr 1470, bei seiner Installation als Erzbischof von York, ein solch ungeheures Gastgebot, daß man sich wundern muß, wie seine Proviantmeister eine solche Mannigfaltigkeit ersinnen und sie herbeischaffen konten. Folgendes war sein Küchenzettel: 300 Quart Weizen, 330 Tonnen Ale, 104 Tonnen Wein, eine Pipe Gewürzwein, 80 fette Ochsen, 6 wilde Stiere, 1004 Schöpfe, 300 Schweine, 300 Kälber, 300 Gänse, 3000 Karpaunen, 300 Ferkel, 100 Pfauen, 200 Kraniche, 200 junge Ziegenböcke, 2000 junge Hüner, 4000 Tauben, 4000 Kaninchen, 204 Rohrdommel, 4000 Enten, 200 Phasanen, 500 Rebhüner, 4000 Schnepfen, 400 Wasserhüner, 100 Krumschnäbel oder Wasserschnepfen, 100 Wachteln, 1000 Wasserreiger, 200 Rehe, über 400 Hirsche, Hirschkühe und Böcke, 1506 Wildprenpasteten, 1400 Schüsseln gebrochene Gelee, 4000 Schüsseln ganze Gelee, 4000 kalte Custards und 2000 warme Custards*, 300 Hechte, 300 Brahsen, 8 Robben, 4 Delphine oder Taumler, und 400 Torten.«

* Ein Gericht von Milch, dem Gelben vom Ey, Zucker und Gewürz. In Hamburg heißt es Ristard.

anglizismus des jahres

nur einen klick weiter wird im sprachlog von anatol stefanowitsch der anglizismus des jahres 2010 gewählt. neben der jury-entscheidung gibt es auch eine publikumsbefragung, an der man sich HIER (klickbar!) beteiligen kann.

mein favorit ist entfrienden/unfrienden. ein verb, das eigentlich den klick bezeichnet, mit dem man eine »freundschaft« in sozialen netzwerken beendet. auf deutsch könnte man das zwar mit »jemandem die freundschaft kündigen« beschreiben, aber ich meine, dass entfrienden doch etwas anderes ist. denn im gegensatz zum herkömmlichen aufkündigen einer freundschaft, dem ja meistens irgendeine form von zwistigkeit vorausgeht, erfährt der arme, entfriendete wurm nicht zwangsläufig davon, dass der kontakt nun nicht mehr besteht. es gibt freilich scripte wie den unfriend finder, durch die man sich über entfriendungen informieren lassen kann, vorgesehen ist das (zumindest bei facebook) von seiten des anbieters aber nicht. entfrienden entspricht meiner meinung nach eher dem schleichenden prozess, wenn man einander nicht mehr anruft, sich über längere zeit nicht mehr miteinander trifft, also das interesse am anderen verliert beziehungsweise verloren hat. manchmal findet man dann in seinem horrorpapiergedöns auf dem schreibtisch oder in der krusch-schublade doch noch eine visitenkarte oder einen bierdeckel mit telefonnummer, fragt sich, zu wem der name und die nummer darauf gehören könnte und merkt dann: oh, diese person habe ich wohl im laufe der zeit entfreundet. oder auf beziehungs-deutsch: wir haben uns auseinandergelebt. gut, sowas passiert. aber, wie gesagt, sowas passiert, soll heißen, es geschieht mit einem, und ist nichts, was man mit einer tatsächlichen handlung einleitet oder konstatiert. durch das wort entfrienden wird uns hier nicht nur ein verb geschenkt, mit dem man ausdrücken kann, dass man diesen vorgang bewusst wahrnimmt oder vielleicht sogar durch untätigkeit in freundschaftsdingen forciert hat. dazu könnte man sagen: ich lasse die freundschaft einschlafen oder ich werde die freundschaft einschlafen lassen. aber entfrienden bringt diesen prozess auf einen ganz konkreten punkt, steht also irgendwo zwischen freundschaft kündigen und freundschaft einschlafen lassen.
so zumindest meine interpretation der bedeutung von entfrienden.

motivationsliste für schwache stunden

wenn ich die magisterarbeit abgegeben habe:

#1 werde ich zuerst mein tschechisch aufpolieren und dann mit dem fahrrad (und zwar mit dem todschicken tourentauglichen vsf-rad, das ich bis dahin hoffentlich habe, HALLO MAMI!!!) auf dem paneuropa-radweg nach prag fahren. dort werde ich so lange entkräftet herumhängen, bis ich mich dazu aufraffen kann, zugtickets zu lösen und überaus wichtige fantaghiro-drehorte zu besichtigen. burg bouzov muss unbedingt sein; burg pernštejn, burg kokořín und burg helfštýn vielleicht auch. soll heißen: ich werde zwei wochen lang urlaub nach meinem geschmack machen.

#2 werde ich an einem wildkräuterseminar teilnehmen. es darf aber nicht esoterisch sein.

#3 werde ich das hebraicum machen. also vielleicht, falls ich zeit für den kurs freischaufeln kann.

#4 werde ich eine wilde party schmeißen, mit marillensekt, bunten partyhütchen und hübschen germanisten. meine gäste werden über herder debattieren, und ich werde ihr prinz sein.

keeps on turning :(

auf twitter verlinkt @astefanowitsch einen lesetipp (klickbar!), den ich mir natürlich sofort reinschmökere. es handelt sich dabei um einen artikel in der berliner zeitung (klickbar), in dem eine studie von naika foroutan angekündigt wird, die sich mit den statistiken im sarrazin-buch auseinandersetzt. das klingt vielversprechend, und tatsächlich finde ich im artikel dann auch die ein oder andere interessante passage.
besonders hinweisen möchte ich auf diese hier:

Sarrazin behauptet: »In Berlin werden 20 Prozent aller Gewalttaten von nur 1000 türkischen und arabischen jugendlichen Tätern begangen.«

ohne das sarrazin-buch gelesen zu haben, leuchtet mir ein, warum man diese these überprüfen muss, wirken so runde zahlen doch immer dubios. naika foroutan hat beim polizeipräsidenten nachgehakt, und siehe:

8,7 Prozent der Gewaltkriminalität in der Polizeilichen Kriminalstatistik wurden im Jahr 2009 von Tatverdächtigen begangen, die entweder türkischer Nationalität oder dem arabischen Raum zuzuordnen waren.

bezieht man zusätzlich die fälle ein, bei denen die nationalität der täter nicht bekannt ist, kommt man auf einen maximale prozentsatz von 13,3. selbst wenn also all diese täter türken oder araber wären, scheint mir sarrazins these damit widerlegt zu sein.

warum mich das thema »fingierte statistiken« momentan so interessiert, wird vielleicht deutlich, wenn ich eine geschichte aus der deutschen spätaufklärung erzähle. in den jahren 1781 und 1783 hat ein gewisser herr von dohm eine zweibändige programmschrift vorgelegt, in der er für die judenemanzipation eintritt und darzulegen versucht, warum der preußische staat profitieren würde, würde man den juden das bürgerrecht zuerkennen. ich will die argumentation hier nicht en detail ausführen (der schinken ist ziemlich lang, ihr müsst mir einfach glauben, dass die argumentation gut ist), es geht mir vielmehr darum, dass die schrift eine breite diskussion in verschiedenen zeitschriften ausgelöst hat, und natürlich ist dohm nicht nur auf offene ohren gestoßen. vor allem eine negative rezension, nämlich die des göttinger orientalisten michaelis, ist an dieser stelle erwähnenswert. ich zitiere jetzt einen text, den ich vor kurzem darüber geschrieben habe, und dann mag sich jeder seinen teil über alte miese tricks von pseudoaufklärern denken.

Die gesamte Rezension ist mit Schmähungen durchsetzt, die anknüpfend an die politische Arithmetik empirisch wirken sollen, aber vom Autor nicht weiter belegt werden, so beispielsweise die Behauptung, „vielleicht die Hälfte der zu den Diebesbanden gehörigen, oder doch um sie wissenden, sind Juden, und schwerlich machen die Juden den fünfundzwanzigsten Theil der Einwohner Deutschlands aus“, womit belegt werden soll, „daß die Juden […] 25 oder noch mehr mahl lasterhafter sind, als andere Einwohner Deutschlands«; oder auch die These, „die deutschen Bürger möchten gar beim Zunehmen der neuen Jüdischen abnehmen, und verdrängt werden, denn unsre Handwerkspursche und Bauren heyrathen nicht so früh als Juden“.

disclaimer: ich will hier nicht nahelegen, herr sarrazin sei antisemit oder was auch immer. ich möchte vielmehr zeigen, dass gewisse spielchen eine unschöne tradition haben.