»sprachkritik«

übellaunig werde ich immer dann, wenn ich in wissenschaftlichen aufsätzen einen mitreißenden punkt entdecke, der aber nur halbschräg angekratzt wird, weil weitere ausführungen »den rahmen sprengen würden.« erstens, weil’s halt einfach unbefriedigend ist, und zweitens, weil ich schon alleine die formulierung missbillige. ehrlicher wäre es doch, würde man stattdessen schreiben, weitere ausführungen spare man sich an dieser stelle aus lustlosigkeit am digressieren oder, noch ehrlicher, weil man sonst wegen nicht eingehaltener zeichenbegrenzung gerügt würde. blöder als »den rahmen sprengen« klänge das auch nicht.

»alle« reden von metalepsen

an der neuen s-bahn nach erlangen gefallen mir am besten die gespräche der mitreisenden. heute zum beispiel, gerade hatte ich angefangen, über einen satz bei lars gustafsson nachzudenken (»Sie hatte sogar eine Rarität wie Norman Spinrads The Iron Dream in der Originalausgabe, ein bizarrer Roman, der von einer Welt handelt, in der Hitler als junger Mann nach dem Fiasko an der Wiener Kunstakademie nach New York emigriert, Science-fiction-Autor wird und den Roman The Iron Dream schreibt, der den deutschen Nationalsozialismus als Science-fiction schildert.« – Ich meine, der Roman, den der fiktionale Hitler schreibt, heißt nicht The Iron Dream, sondern Lord of the Swastika, aber vielleicht ist das in der Erstausgabe anders?), wurde ich »unfreiwillig« (kann aber auch sein, dass ich stielohren gemacht habe) zeuge einer herzensenttäuschung. aufmerksam wurde ich auf die beiden zuckerherzchen durch gesprächsfetzen über einen gewissen shakla khan, der wohl ein berühmtes spiegelkabinett gebaut haben muss. sehr spannend! das gespräch, hauptsächlich bestritten von zuckerherzchen1_w, ging dann weiter mit ausführungen über den postmodernen roman (»mit metalepsen und so«), und zuckerherzchen2_m schien auch schwer beeindruckt davon zu sein, wie ich seinem ausruf »wow, das ist ja geil!« entnehmen konnte. und die augen von zuckerherzchen1_w werden groß und machen glitzibling, und alles ist sehr romantisch, bis dann zuckerherzchen2_m so: »dieses schild da draußen! harley parking only! echt geil!« aber mal ehrlich, unter uns sportsfreunden, das schild ist wirklich gut.

in good condition?

hier eine liste mit kram, der in der schweiz verfassungsrang hat:

Der Einsatz darf 5 Franken nicht übersteigen.
(aus der übergangsbestimmung zum artikel 106, glücksspiele)

Moore und Moorlandschaften von besonderer Schönheit und gesamtschweizerischer Bedeutung sind geschützt.
(aus artikel 78, natur- und heimatschutz)

Der Bund legt Grundsätze über Fuss- und Wanderwegnetze fest.
(aus artikel 88, fuß- und wanderwege)

Die Transitstrassen-Kapazität im Alpengebiet darf nicht erhöht werden.
(aus artikel 84, alpenquerender transitverkehr)

die ub und ich (folge 1)

ein nachbericht.

am mittwoch (3. november) habe ich in der UB ein buch über fernleihe bestellt. am freitag (5. november) habe ich die nachricht bekommen, der von mir benötigte aufsatz sei in einem sammelband in erlangen erhältlich. eigentlich sehr gut. allerdings ist das buch nicht im OPAC gelistet. am montag (8. november) habe ich die signatur aus dem bandkatalog herausgewühlt und das betreffende buch mittels gelbem zettel angefordert. am dienstag (9. november) hätte es im lesesaal bereitliegen sollen. natürlich war auch abends noch nichts da. am mittwoch, 10. november, immer noch nicht. auch im handschriften-lesesaal nicht. das buch ist nicht mehr im magazin. auch der gelbe zettel ist verschwunden. mich zerbröselte es ein wenig. am 11. november ist das buch schließlich aufgetaucht. hätte ich eine digitalkamera eingepackt, hätte ich einzelne seiten daraus fotografieren dürfen. später kam es dann sogar dazu.

i have other news also to tell you

»i have other news also to tell you. we have a brave new ship, a royal galleon, the like, they say, did never spread sail upon salt water, take her true and well compacted symmetry, with all dimensions, together: for her burden, she hath as many tuns as there were years since the incarnation, when she was built, which are 1636; she is in length 127 feet, her greatest breadth within the planks is 46 feet, and six inches; her depth from the breadth is 19 feet, and four inches: she carrieth 100 pieces of ordnance wanting four, whereof she hath three tyre; half a score of men may stand in her lanthorn [..].« (james howell, epistolae ho-elianae)

blöde nuss

eigentlich wollte ich heute ein fragment aus dem wunderbaren hannoverischen magazin vom jahre 1787 präsentieren, in dem es um das schachspiel und seine ähnlichkeit mit der musik geht; eine verbindung, die durch einen verweis auf den namensgeber der philidor-verteidigung unterstrichen wird, denn der ist »von allen franzosen unstreitig der größte tonkünstler.« nachdem das aber ja, ich zitierte es eben, unstreitig ist und daher keiner weiteren erklärung bedarf, präsentiere ich nun etwas anderes, nämlich das von mir eben entdeckte nussrätsel.

an das schach-musik-fragmet schließt sich ein artikel an, in dem heinrich wilhelm rotermund »ueber die titulaturen« spöttelt und erzählt, »die stadthalter einer asiatischen provinz haben schon seit undenklichen zeiten her den sonderbaren und lächerlichen titel, die muskete des trostes, und die rose des vergnügens.« sonderbar indeed! denke ich mir und will natürlich mehr darüber herausfinden.
ich entdeckte eine weitere belegstelle im vierten band der österreichischen zeitschrift feierstunden für freunde der kunst, wissenschaft und literatur von 1834. dort heißt es, »ein sophi von persien führte nach dem berichte des engländers howel folgende titel: das hohe und mächtige gestirn, dessen haupt mit der sonne bedeckt ist; der herr der gebirge caucasus und taurus, der flüsse euphrat, tigris, araxes und indus; der abglanz der ehre, der spiegel der tugend, die rose des vergnügens, die muskatnuß des trostes. so schmolz der gewaltige herr aus einem sterne in eine nuß zusammen.« aber moment mal? warum denn eine nuss? war es nicht eigentlich eine muskete gewesen? irgendwas stimmt da nicht!
als nächstes wühle ich die intercepted letters von thomas moore hervor. dort nämlich findet man im sechsten brief die zeilen »nutmeg of comfort! rose of pleasure!«, und dann – endlich – auch diesen ominösen engländer, welcher james howell heißt und im 17. jahrhundert gelebt hat. außerdem hat er 1645 bis 1655 die epistolae ho-elianae verfasst, in dem es den einen, besagten brief mit der muskatnuss gibt, den ich irgendwann vielleicht noch ganz zitieren werde, weil er so ist, wie er eben ist. damit die geschätzen faulbären unter den lesern sich das nicht reinziehen müssen (und ich das nicht komplett tippen muss), kommt aber hier schon die auflösung zur nuss: james howell schreibt vom sophy of persia, dessen titel da lautet »the star high and mighty, whose head is cover‹d with the sun, whose motion is comparable to the ethereal firmament, lord of the mountains caucasus and taurus, of the four rivers, euphrates, tigris, araxis, and indus; bud of honour, the mirror of vertue, rose of delight, and nutmeg of comfort. it is a huge descent, methinks, to begin with a star and end in a nutmeg.« sogar den witz am ende haben die österreicher also geklaut!

es scheint mir also erwiesen, dass es sich bei der muskete des trostes um einen fehler handelt. selbst, wenn die englische quelle, in der von »the nutmeg of comfort« die rede ist, nicht aufzufinden gewesen wäre; es ist historisch ziemlich unwahrscheinlich, dass sich »the sophy of persia« eine muskete des trostes nennt, denn die muskete ist eine europäische waffe der frühen neuzeit und passt im gegensatz zur rose nicht in das metaphernkonvolut persiens (eine these, die ich freilich wage, ohne hier nähere informationen zu besitzen). einen übersetzungsfehler kann man aber wohl ausschließen, da die worte NUTMEG und MUSKET einander nicht sonderlich ähneln. die worte MUSKAT und MUSKETE aber sehr wohl, daher könnte der fehler bei einer zitation einer deutschen übersetzung entstanden sein. aber wo? wusste da jemand nicht, was muskat ist? kann ich mir kaum vorstellen.

und wer ist eigentlich »the sophy of persia«? in den texten, die ich hier erwähnt habe, ist das sowohl »ein stadthalter einer asiatischen provinz«, »ein sophi von persien« als eben auch »the sophy of persia«. man findet den titel »rose of delight« aber auch dem »king of persia« (israel disraeli in curiosities of literatur, 1835) und dem »gouvernor of shiras« (encyclopaedia britannica, 1823; weitere belegstellen 1813 und 1839) zugeordnet, und im philosophischen wörterbuch von voltaire (1764) etwas vage »et tel gouverneur de province qui s’intitule muscade de consolation et rose de plaisir […]«.

soso, MUSCADE also (die muskete wäre im französischen le MOUSQUET). und ist es nicht interessant, dass rotermund genau die titel angibt, die man bei voltaire findet, den restlichen rattenschwanz, der ja nicht minder schräg klingt, aber gar nicht erwähnt?
könnte sein, dass hier der hund begraben ist! es gibt nämlich noch eine übereinstimmung zwischen rotermund und voltaire. beide erwähnen den marquis von louvois. voltaire schreibt: »on conte qu’un vieil officier qui savait peu le protocole de la vanité, ayant écrit au marquis de louvois: monsieur, et n’ayant point eu de réponse […]«, und bei rotermund liest sich die geschichte so: »eben so nahm es der marquis von louvois einem erfahrnen officier sehr übel, daß er ihn nur als monsieur tituliret […].«

aber welche quelle hat voltaire benutzt? er kennt anscheinend nicht alle titel und ordnet sie keiner genauen person zu. ach du wunderbares nussrätsel!