katze mit hut

um die nacht vor der karfreitagsliturgie revue passieren zu lassen:
halb amaretto, halb gin ergibt auch in einem glas mit buntem strohhalm und eiswürfeln keinen cocktail. vielmehr ergibt es eine nahezu dr. seuss’sche erfahrung: the cat in the head.

neue mannigfaltigkeiten

heute: probe von der beredsamkeit eines nordamerikanischen wilden.*

ich rufe heute jeden weißen mann zum zeugen, ob er je in logans hütte hungrig kam, und er gab ihm nichts zu essen, ob er je kalt und nackend kam, und er bedeckte ihn nicht? während des letzten langen und blutigen krieges blieb logan müßig in seinem zelt, ein sprecher für den frieden; ja so sehr liebte er die weißen, daß seine eigne landsleute, wenn er vorbey gieng, auf ihn zeigten, und sagten: logan ist der freund der weißen menschen. ich hatte sogar den gedanken, unter euch zu leben; – aber die ungerechtigkeit eines mannes! – obrist [unleserlich], im letzten frühling, mit kaltem blut, unbeleidigt, ermordete alle verwandte logans, schonte selbst meiner frau und kinder nicht. nun läuft kein tropfen meines bluts in den adern irgend einer menschlichen kreatur. dies rief mich auf zur rache. ich habe sie gesucht. ich habe viel getödtet. ich habe meine rache völlig ersättigt. – für mein vaterland freue ich mich über die morgenröthe des friedens. aber hege nicht den gedanken, daß meine freude die freude der furcht ist. logan fühlte nie furcht. er wird nie seine ferse zeigen, sein leben zu retten. – wer wird nun einst um logan trauern? – niemand!

* beym letzten friedensschluß der provinz virginia mit den wilden nationen, hielt logan, der chef der schawanesen, diese rede an mylord [unleserlich]

»The authenticity of the speech is the subject of much controversy, however.«

der kelly-trick

nach einem echten beratungsgespräch zum thema schreibhemmung lebe nun auch ich endlich mit meiner magisterarbeit zusammen, in der es – das kommt nicht völlig überraschend – so grob um jüdische aufklärung gehen wird (das genaue thema ermüdet immer alle), was seit einiger zeit mein research interest ist. meine research interests includen außerdem kognitive linguistik, frankfurter schule, frühromantik, technikrezeption im ästhetischen diskurs, moralphilosophie, kochrezepte, begriffsgeschichte und das beobachten kleiner singvögel. zum beispiel würde ich sehr gerne mal einen pirol entdecken, aber leider wird der immer seltener und brütet ohnehin sehr hoch in den bäumen, so dass… oh. ich schweife ab.

»nun ja«*, da sind also die magisterarbeit und ich. beziehungsweise bin da momentan hauptsächlich ich, weil ich gerade noch in der phase stecke, in der man sich dreitausend bücher reinzieht und alle möglichen abseitigen texte exzerpiert, um ja keinen sicherlich überaus wichtigen aspekt des themas zu übersehen (wenn man ihn übersieht, fällt man nämlich durch).
nicht immer mag ich beim arbeiten musik, aber manchmal finde ich das ganz angenehm, weil es mich von störenden gedanken ablenkt.

die frage nur, welche musik hört man da am besten?

es darf nichts sein, das ich sonst auch höre. ich befürchte nämlich, diese musik auf immerdar mit der magisterphase zu verbinden, und ich würde mir nur ungern calexico etc. verleiden. deswegen muss es musik sein, die ich nicht unangenehm finde, der ich aber gleichgültig genug gegenüberstehe, um sie schlimmstenfalls nie wieder in meinem ganzen leben ertragen zu können.
und was bietet sich da besser an als die kelly family?
die war ziemlich trendy, als ich klein war; ich kann also schon allein deswegen was damit anfangen, weil ich einer bestimmten altersgruppe angehöre. andererseits war sie nie trendy genug (beziehungsweise war ich nicht in den entsprechenden cliquen), dass ich wirklich ein fan gewesen wäre.** und ich kann mir sehr gut vorstellen, ohne eine einzige kelly-platte im gepäck für immer auf die einsame insel zu ziehen.

ich sitze also mehrmals wöchentlich vormittags von acht bis zwölf am schreibtisch, exzerpiere lazarus bendavid und höre dabei die kelly family. und zwar hauptsächlich das wunderbare »i can’t help myself«. dabei denke ich an »das unvermögen, sich seines verstandes ohne leitung eines anderen zu bedienen«*** und finde das kreuzkomisch.

* achill in heinrich von kleist, penthesilea, vierter auftritt.

** der leser wird sich jetzt fragen, was um himmels willen ich in meiner jugend gehört habe. kelly-fan war ich nicht, gothic war ich, wie man einem da unlängst erschienen eintrag entnehmen kann, ja auch nicht. was bleibt da bitte noch übrig?! naja, hier die antwort: der rebell in mir hat bad religion, nirvana und arbeiterlieder gehört, der innere intelligenzler hat auf woodstock-kram und ältere sachen geschworen, meine angepasste freizeitpersönlichkeit mochte unter anderem das modul und charly lownoise & mental theo (denn wonderful days belong to the best! // to the past, hat man mir gerade gesteckt; thank god auch das!). zugegeben, letzteres ist ziemlich hart, tut mir aber noch mehr weh als euch. und da ich normalerweise nicht darüber spreche, dachte ich mir, ich tippe es einfach mal ins internet. außerdem habe ich trotz alledem (also trotz hosen von pash, schuhen von airwalk und shirts von bad&mad) würde bewahrt: nie chemische drogen, nie love parade.

*** kant, das zitat, das wir alle irgendwo schon mal gehört haben.

gezuckerte mollusca

antwort auf die frage, wie man formidable schnecken ohne große mühe verfertigen könne.

zunächst bereitet man den vorzüglichen quark-öl-teig für kleingebäck.
dazu rührt man 150 gramm mageren quark (eventuell in einem geschirrtuch abtropfen lassen, wenn er zu wässrig ist), ein halbes glas milch und 100 ml neutrales öl (also kein olivenöl oder sowas; ich persönlich schwöre auf mazola, aber sonnenblumenöl geht auch sehr gut) in einer schüssel zusammen, so dass es eine himmlische flüssigmasse ergibt. sodann reichert man ebendiese mit 100 gramm feinem zucker und einem packerl vanillezucker an, worauf man eine verlockend-süße flüssigmasse erhält. nun verwirbelt man ein packerl backpulver mit 300 gramm mehl in einer anderen schüssel (so verhindert man, dass es später eklige backpulverklumpen im teig gibt) und fügt das unter stetigem rühren dem inhalt von schüssel eins hinzu.
dieser teig wird auf einer gut bemehlten arbeitsfläche rechteckförmig ausgerollt (vorsicht, der teig könnte klebrig sein; falls die arbeitsfläche nicht groß genug ist: erstmal nur eine hälfte ausrollen, später die andere hälfte genauso verarbeiten).

die teigfläche wird jetzt mit delikatem matsch aus 200 gramm gemahlenen haselnüssen, zucker nach geschmack (50 bis 100 gramm sind okay) und flüssigkeit nach gefühl (es sollte eben eine pampe sein) bestrichen.
jetzt wird der teig eingerollt (nochmal mit mehl bestäuben, falls er klebt). diese rolle schneidet man in einladende scheiben, in denen man bereits jetzt die formidablen schnecken erkennen kann, welche nach 20 minuten backzeit bei 160 bis 180 grad entstehen werden.
(die temperatur ist vom herd abhängig. bei umluftherden eher 160 grad wählen. alte herde sind gerne mal widerborstig, da muss man’s einfach ausprobieren.)

das ergebnis kann hell glasiert werden, wenn man böckchen darauf hat (oder wenn man eine unattraktive farbe vertuschen will), dazu empfehle ich 100 gramm puderzucker mit wenigen esslöffeln flüssigkeit (die man wirklich löffelweise reinrühren sollte, wenn man wenig erfahrung hat – ich habe beim ersten versuch zuviel genommen).

[ich weigere mich, fragen zu beantworten, die ungefähr in die richtung von »darf ich die gemahlenen haselnüsse durch mandeln ersetzen?« gehen. solange man nur mit genießbaren zutaten herumspielt, darf man in der küche grundsätzlich ALLES. phantasiebegabte zeitgenossen dürfen die füllung sogar mit zimt anreichern oder gar mohnschnecken backen.]

oh schwöre nicht beim mond

abgesehen von der handschuhsache hätte das aber ein prima kurzurlaub werden können, denn »von der ganz unglaublichen menge aberglaubens und geheimer künste, womit man sich itzt so innig und herzlich herumträgt, hat berlin, wie man von einer so großen stadt denken kann, einen nicht kleinen theil in sich.«
wer hätte das gedacht? der berliner als solcher ist also eine fragwürdige existenz. wenn das nicht mal aufregend und vielversprechend klingt! da musste ich natürlich hinfahren, denn mit fragwürdigen existenzen habe ich es ein bisschen (ein umstand, für den mein freundeskreis sich jederzeit verbürgen würde).

ergo reiste ich eines nachts nach preußen hinauf (zu einem abscheulichen schandmal moderner architektur, das sie dort einen »hauptbahnhof« nennen), ganz aufgewühlt und in freudiger erwartung der dinge, die dort geschehen würden, denn es wird einiges an werbung dafür gemacht:
»wer in den jahren 1780 und 1781 in berlin war, hörte gewiß auch von den wunderkuren eines mannes reden, der vorzüglich und anfangs einzig brüche, hernach aber auch andre krankheiten, durch mondschein und gebet unfehlbar heilte; den personen jedes geschlechts und jedes standes haufenweise besuchten; und der viel glauben fand, zuletzt auch bei leuten, die ihn nie gesehn noch weniger geprüft hatten, oder hätten prüfen können.«

ärgerlich, ich war wohl um 230 jahre zu spät. es heißt zwar »der monddoktor ist übrigens wahrscheinlich noch hier, und treibt, wie mehrere wahrsager und prophetinnen hier, seine kunst noch fort […]«, aber ich habe ihn nicht mehr angetroffen und ihn also auch nicht prüfen können.

eigentlich großer bockmist, aber thank god hat marcus herz, dem ich durch den weltgeistâ„¢ verbunden bin und der hier die funktion meines gewährsmannes übernehmen soll, ihn damals besucht und »diesen abscheulichen auftritt« 1783 in der berlinischen monatsschrift (aus der alle zitate stammen) aufgezeichnet.

marcus herz, der selbst arzt ist, scheint für astralmedizin wenig übrig zu haben und erklärt den hang bestimmter bevölkerungsschichten (hier: strumpfwirker – der eigentliche beruf des monddoktors) zum aberglauben mit deren profession: »ihre beschäftigung ist die einfachste […], ihr müßiger geist, der zu nichts erheblichem fähig ist, schweift daher in einbildungen und visionen aus, worin er noch durch das beständige singen geistlicher lieder während der arbeit unterhalten wird.« diese erklärung fügt sich ganz gut in die milieutheorie der aufklärungszeit ein, die davon ausgeht, das wesen der menschen sei allein durch ihre umwelt bedingt; die gesellschaftsform und die berufe also die schräubchen, an denen man drehen muss, um gute menschen zu produzieren.
aber sei’s drum, der neugierige herr herz findet sich also eines sommertages in der kommandantenstraße/ecke jakobstraße ein, wo aus allen querstraßen bereits elende drängeln, die kuriert werden möchten. das haus des monddoktors (welches herr herz ein elendes bierhause der untersten klasse nennt) befindet sich in einer straße, die »seitwärts aus der jakobstraße läuft«, und die damals hasenhegergasse hieß (und heute wohl irgendwie anders). es ist knackevoll mit leuten, die über ihre krankheiten und sagenhafte wunderkuren reden, und da sich der monddoktor an diesem tag um fünf stunden verspätet, geht marcus herz irgendwann wieder heim.
natürlich kommt er einen monat wieder und findet »flur und hof und stube mit einer erstaunlichen menge menschen angefüllt, die weit enger in einander standen, als bei der ersten brockmannischen vorstellung des hamlets« (johann franz brockmann that is), und alle leute sind ziemlich schnieke angezogen. schließlich kommt herr herz dann mit elf anderen an die reihe (einlass ist immer zu zwölft gegen eine spende von jeweils nicht unter zwei groschen), weil er so tut, als hätte er sich was gebrochen, und er ist vor spannung bis zum äußersten gezwirbelt, und er erwartet zauberkreise, magische figuren und gaukeleien, doch dann ist da ist nur dieser raum »ohne alle umschweife, maschinerien oder blendwerke« und »ein großer tisch in der mitte, und ein paar schemmel an der wand machte alles meuble aus.« jetzt wird marcus herz zeuge der wunderheilungen mit handauflegen, mond anmurmeln, knaben entkleiden und allerlei schnickschnack, nur bei ihm selbst funktioniert es nicht so recht, denn: »das kann ich nicht kuriren, sagte er (also der monddoktor); die leute denken auch, ich kann alles.« und dann schaut der monddoktor durchs fenster nach draußen und windet sich: »nun müssen wir einhalten, es ist wirklich eine streife über dem mond«, aber marcus herz sieht nichts dergleichen und hat sich um das fernere schicksal des doktors nie wieder bekümmert. zumindest behauptet er das, aber für diesen bericht hat es ja glücklicherweise trotzdem gereicht.

moses wessely what have i done to you?!

ärgerlich, dass ich nie eine gothic-phase durchlebt habe, denn dann besäße ich sicher noch diverse garnituren samthandschuhe und hätte am vorigen wochenende – angetan mit eben diesen samthandschuhen und zusätzlich ausgerüstet mit etwas glück, einem kreidesnack für mich und einem edelschokoladensnack für das diensthabende personal – unter strenger aufsicht in augenschein nehmen können, was ich dringend erwarte: moses wessely, hinterlassene schriften, 1798.
leider bin ich nicht aw schlegel, ergo befinden sich keine handschuh und nicht die neuste pariser mode an mir, und dass das buch so selten ist, wusste ich bis vor ein paar stunden auch noch nicht. blöd gelaufen.