magazin + maschine

ich habe die PM des 18. jahrhunderts entdeckt. und zwar handelt es sich dabei um peter moosleitners interessantes das hannoverische magazin, von mir auch gerne das magazin für kuriosen kram genannt. die herausgeber, das intelligenz-comptoir* von a.c. von wüllen, nennen es ein magazin, »worin kleine Abhandlungen, einzelne Gedanken, Nachrichten, Vorschläge und Erfahrungen, so die Verbesserung des Nahrungs-Standes, die Land- und Stadt-Wirthschaft, Handlung, Manufacturen und Künste, die Physik, die Sittenlehre und angenehmen Wissenschaften betreffen, gesamlet und aufbewahret sind«. ich bleibe trotzdem beim kuriosen kram. erschienen ist es von 1763 bis 1790 als zeitungsbeilage als wöchentliche zeitungsbeilage in, überraschung!, hannover. nach 1790 wurde es dann unter mehreren anderen namen bis 1850 weitergeführt.

das magazin ist so gut, dass ich mir sogar eine ausgabe gekauft habe.

wie ihr erkennen könnt, geht es in dieser ausgabe um die »Beschreibung einer Maschine, vermittelst deren man den Kindern die Buchstaben und das Lesen nicht nur weit leichter, sondern auch geschwinder als auf die herkömmliche Weise beybringen kann«.

wie sieht die maschine aus?
»Diese Maschine ist als ein flaches, Eines Fusses lang, nach der Vielheit der Stäbe aber ungefehr 6 bis 8 Zoll breites, und beynahe einen Zoll dickes viereckiges Kästgen gestaltet, welches auf ein dazu gepaßtes Pult gelegt, und den Kindern durch die hintere Höhe näher zu Gesicht gebracht werden kan. Es besteht aus einer willkührlichen Anzahl Stäbe, nachdem man eine lange Zeile, oder auch das lateinische Alphabet und die Zahlen dabey haben will. Auf den ersten dieser Stäbe ist das grosse, auf jedem der folgenden aber, das kleine Alphabet vollkommen nebst allen Zeichen, als: Puncten, Frage- Ausrufungszeichen etc.** mit gedruckten Lettern aufgesetzt. Zwischen einem jeden Buchstaben bleibt ein kleiner Zwischenraum, der mit einer Linie, so man will, abgetheilt wird, damit just in den leeren Raum der Buchstabe mit seiner Linie oben und unten passe, und der nächstfolgende nicht gesehen werden könne. Desgleichen kan auch wol mit dem lateinischen Alphabet und einer aufs sauberste geschriebenen deutsch und lateinischen Litteratur, als einer Vorschrift zum Schreiben, die so oft, als man der vorigen müde ist, durch Zusammenziehung anderer Wörter vielfältig verändert werden kan, auch geschriebenes fertig lesen zu lernen, auf eben die Art verfahren werden. Diese Stäbe liegen ohne Zwischenraum in jenem viereckigten Behälter dich an einander. Jedes Stäbchen ist kaum so breit, als der breiteste Buchstab Raum einnimt; dessen Hähe einen halben Zoll ausmacht, die Länge aber mit seinem Behälter gleich ist. Unten an jedem Stäbchen ist ein gedrehter Knopf, bey welchem man dasselbe herausziehen kan, und bey demselben eine Feder, welche die Stäbchen fest in ihrem Kasten hält. An jedem Stäbchen oben ist ein kurzer Absatz, der in der obern Decke des Kästgens läuft, damit die Schrift beym Ziehen wohl lieget, und nicht gescheuert werden kan; auch zugleich dazu dienet, damit die Stäbchen, wenn sie bis ans Ende gezogen werden, in ihrem Behälter sitzen bleiben. Ãœber denen Köpfgen der Stäbe ist in dem Kasten, noch nicht ganz am Ende, eine von beyden Seiten einwärts geschärfte einen halben Zoll breite Fuge, so mit einem Schieber bedeckt wird, das weisse Papier vor dem auffallenden Staube zu verwahren. In dieser Fuge lassen sich die gezogenen Buchstaben sehen; ausser dem Zuge eines Stäbchens aber ist die ganze Fuge weiß. Unterwärts des Kästgens bedecket die Stäbe bey deren Herausziehen eine etwas erhabene Decke. Die Materie, woraus diese Maschine besteht, ist gutes gesottenes Apfel- oder Birnbaumholz. Kostbarer, dauerhafter, und weit besser ist sie von Messing. Denn diese Stäbe können sich nicht werfen oder quellen. Stählerne können es auch seyn, wenn sie nicht zu leicht vom Roste angegriffen würden. Man kann sie auch von Knochen machen lassen; welche fast eben so gut, als die meßingenen sind. Dieses wäre die ungefehre Beschaffenheit der Maschine.«

zum gebrauch der maschine alsbald mehr in der fortsetzung!

* heute nennt man das Redaktion
** mir rundem r (klickbar!) geschrieben

in the flesh?

nach einem anstrengenden tag im lesesaal des grauens, an dem ich unter anderem schriftlich dargelegt habe, dass sich im werther genau bei wort 22 (»hier«) diskurswelt und textwelt überlagern, hatte ich gestern eigentlich vor, mir zur entspannung abends ein bisschen gestellten und verzerrend zusammengeschnittenen übelschrott im fernsehen reinzuziehen. hat leider nicht funktioniert.
da in der sendung war also eine frau, die als it-girl arbeitet und für eine woche mit einer anderen frau tauschen sollte, die in metzgerei arbeitet. nun weigert sich die it-girl-arbeiterin, die metzgerei zu betreten, weil sie vegetarierin ist. ein paar szenen weiter vorne wurde die it-girl-arbeiterin allerdings dabei gefilmt, wie sie eine krokodiljacke kauft (ich dachte, es gäbe dafür ein handelsverbot, aber vielleicht war die jacke nicht echt), den geschmack von sushi lobt und austern in sich hineinsaugt.
warum dieser schein-vegetarismus?
hm nun. in der europäischen kulturgeschichte ist der verzicht auf säugetierfleisch bei gleichzeitigem verzehr von fischfleisch keine seltenheit. in röm 14,21 schreibt paulus: »Es ist gut, kein Fleisch zu essen, noch Wein zu trinken […]«. der fleischverzicht (nicht aber der fischfleischverzicht) findet sich infolgedessen bei zahlreichen mittelalterlichen mönchsorden, etwa den benediktinern und den zisterziensern, hat dort aber religiös-asketischen und nicht ethischen hintergrund (unter »ethisch« fasse ich hier alle argumentationen, die wertvorstellungen nicht von göttlichen gesetzen ableiten: die herleitung der menschenrechte aus der gottesebenbildlichkeit ist in meinen begriffen also eine religiöse argumentation; beruft man sich stattdessen auf die menschenwürde, so ist es eine ethische argumentation), was sich bei paulus auch am nebeneinander von fleischverzicht und alkoholabstinenz zeigt. es ist verlockend, mit der zweiten satzhälfte eine brücke zur ethischen argumentation zu schlagen, denn es geht weiter mit: »[…] noch etwas zu tun, worin dein Bruder sich stößt oder sich ärgert oder schwach ist.« verlockend, aber auch trügerisch, weil bereits kurz vorher (röm 14,17) eindeutig klargestellt wurde, dass es hier nicht primär um die frage geht, wie gutes leben und glück anderer gewährleistet werden kann, sondern um das demütige leben als gläubiger: »Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken […]«. einen asketischen eindruck macht die it-girl-arbeiterin allerdings nicht im geringsten.
eine weitere erklärung für das verhalten der it-girl-arbeiterin wäre ein (eventuell veraltetes) pathozentrisches weltbild. der pathozentrismus, eine position aus dem bereich der naturethik (ursprünglich zurückgehend auf den utilitaristen bentham), misst allen empfindungsfähigen lebewesen einen intrinsischen wert zu, das bedeutet, einen wert, den sie um ihrer selbst willen inne haben. innerhalb des pathozentrischen weltbilds ist es also moralisch geboten, beim eigenen handeln nicht nur die interessen anderer menschen, sondern auch die interessen zumindest von denjenigen tieren zu berücksichtigen, die schmerzen/leid empfinden können (hier wird der bezug zum utilitarismus deutlich). innerhalb des pathozentrismus gibt es unterschiedliche abstufungen: eine spielart vertritt eine gleichrangigkeit der interessen von tieren und menschen, eine andere (der nicht-egalitäre pathozentrismus) stellt die interessen des menschen im zweifelsfall über die interessen von tieren. ich glaube, dass viele menschen ungefähr aus diesem grund vegetarier werden: sie wollen es vermeiden, tieren leid zuzufügen. die frage ist nun: können fische schmerz empfinden? ein nirvana-songtext sagt: »it’s okay to eat fish, cause they don’t have any feelings«, und tatsächlich war diese position früher relativ gängig. heute, nachdem man schmerzrezeptoren in fischen gefunden hat, ist das anders. unstrittig ist, dass fische schmerzen wahrnehmen können und darauf reagieren. umstritten ist, ob fische schmerzen so verarbeiten, wie menschen es tun (eine zusammenfassung unterschiedlicher forschungspositionen findet man hier: http://www.catch-release.de/print.php?id=11 (klickbar!)). aber wie auch immer das mit den fischen ausgehen mag: ich gehe davon aus, dass die it-girl-arbeiterin sich nicht für sowas interessiert.
stattdessen unterstelle ich der it-girl-arbeiterin, dass sie sich einfach angesagt wirken und sich grünwaschen (klickbar!) möchte.
da kann man jetzt auch wieder abwägen: einerseits ist vegetarismus sicher nicht die schlechteste sache, deretwegen man als hip und moralbewusst angesehen werden kann. und es freut mich, dass vegetarische ernährung so weit »in der gesellschaft angekommen« ist, dass leute überhaupt in erwägung ziehen, das als modern zu empfinden. vor zehn jahren noch wurde ich dann und wann schräg angesehen, wenn ich nach vegetarischem essen gefragt habe. und manchmal wussten leute, die mich eingeladen hatten, nicht, was sie für mich kochen sollten. das immer größer werdende angebot an »vegetarierbedarf« in normalen supermärkten und zahlreiche vegetarische rezepte in zeitschriften haben dazu geführt, dass ich mich wesentlich seltener wie ein außerirdischer fühle, als ich es früher getan habe.
(und immer diese frage: was isst du denn dann?! na was werde ich wohl essen? schmackhafte nahrung! ein auszug aus meinen selbst zubereiteten mahlzeiten der letzten wochen: walnußbrot mit ziegenfrischkäse und waldhonig, kokoskuchen, wirsingquiche, kastanienrisotto, feldsalat mit granatapfeldressing, gebackener ziegenkäse, spinatpizza, kartoffelgulasch, birnentarte, saure linsen, zwiebelkuchen, nußschnecken, hirsotto, haferbrei mit obst, pilzpfanne mit dinkel, ofenkartoffeln, nudeln mit lauchgemüse, linsencurry mit reis, scones, tortilla usw usw)
andererseits ärgert es mich tierisch volle möhre, dass den rtl2-zusehern ausgerechnet eine inkonsequente modevegetarierin, die sich aufgrund ihres berufs als it-girl für etwas besseres hält, als prototyp des vegetariers von heute präsentiert wird. wo es doch so viel besseres gibt! (klickbar!)

apropos flüssig

zu den dingen, die mich traurig stimmen, deretwegen ich also einen fluß heulen könnte, gehören nicht nur krieg, artensterben und liebeskummer, sondern auch menschen, die sich in internetforen danach erkundigen, ob man auch mal obst in den haferbrei reinschnipseln könnte, weil es sie reizt (oder »reizen würde«), das mal mit einer birne auszuprobieren. wäre schön, wenn espen lind mal ein lied darüber schreiben könnte.