[nummer 794]

vor ein paar tagen war ich mal wieder genau so, wie ich nie sein wollte, nämlich technikpessimistisch und fortschrittsverdrossen. eigentlich sehe ich das thema gar nicht so verbiestert (schließlich ist das aufblühen der antiken philosophie ohne die ZAHL nicht zu denken), aber jetzt habe ich doch sorge, dass die neue jugend nie wieder weinend über dem shelley zusammenbrechen wird.
der technische fortschritt hat nämlich, wie ich durch inquisitorisches ausquetschen meiner kleinen schwester erfahren habe, dazu geführt, dass heutzutage morgens um halb acht nicht mehr seitenlange, rasend schwermütige briefe von backfisch zu backfisch getauscht werden. stattdessen schreiben die sich jetzt sms mit zeichenbegrenzung. für mich, die sich an unzählige mit dem briefeschreiben verbrachte nachmittage erinnern kann, ist das eine höchst irritierende und missmutig stimmende angelegenheit. denn brennt einem, wenn man den werther liest (die kenntnis des waldbruders setze ich ja gar nicht mehr voraus!), nicht eine unbändige lust in den adern, es ihm gleichzutun und alles, was einen bewegt, genüsslich aufs papier zu kotzen, ganz ungeachtet dessen, dass man – im gegensatz zum literarischen vorbild – die adressatin am nächsten tag ohnehin sieht?