von den vermeintlich unnützen essern

bei moses mendelssohn habe ich eine passage über den arbeitsbegriff gefunden. ist zwar schon von 1782, lässt sich aber auch heute noch schön zitieren. so gut wie jedesmal, wenn ich die artikelkommentare auf der faz-seite lese, denke ich mir ungefähr das:

»Was heißt denn nach seinen Begriffen eigentlich Hervorbringer und Verzehrer? Wenn nur derjenige hervorbringet, der etwas Greifbares erzeugen hilft, oder durch seiner Hände Arbeit verbessert; so besteht ja der weit wichtigste und größte Theil des Staats aus blossen Verzehrern. Der ganze Lehr- und Wehrstand bringet, nach diesen Grundsätzen nichts hervor; wenn nicht etwa die Bücher, die von jenem geschrieben werden, eine Ausnahme machen. Beym Nehrstande selbst sind zuförderst Kaufleute, Lastträger, Land- und Wasserfahrer abzurechnen, und am Ende wird die Classe der sogenannten Hervorbringer größtenteils aus Ackerknechten und Handwerksgesellen bestehen; denn die Landeigenthümer und Meister pflegen selten mehr selbst Hand ans Werk zu legen. Sonach bestünde der Staat, außer jenem zwar achtungswerthen, aber doch geringern Theil des Volks, aus Leuten, die durch ihrer Hände Arbeit die Produkte der Natur weder befördern, noch vervollkommnen; also aus blossen Verzehrern, und wie? also auch aus unnützen Mäulern die dem Hervorbringer zur Last werden?
Hier fällt die Ungereimtheit in die Augen, und da die Folgerung richtig ist, so muß der Fehler in den Vordersätzen liegen. Und so ist es auch! Nicht bloß Machen; sondern auch Thun heißt hervorbringen. Nicht nur wer mit den Händen arbeitet; sondern überhaupt, wer nur etwas thut, befördert, veranlasset, erleichtert, das seinem Nebenmenschen zum Nutzen oder Vergnügen gereichen kann, verdient den Namen des Hervorbringers, und er verdient ihn zuweilen um desto mehr, je weniger Bewegung ihr an seinen Extremitäten gewahr werdet.«
(moses mendelssohn, in der vorrede zu marcus herz‹ übersetzung von manasseh ben israels rettung der juden.)

[nummer 807]

wie ich einmal nach dem umgang der literatur mit dem technischen fortschritt gefragt wurde, und welche antwort ich darauf gegeben habe:

Das Auftreten technischer Neuerungen ist in der Geschichte stets sowohl von ausdrücklicher Bejahung als auch von Kritik und Ablehnung begleitet. Dieses gespaltene Verhältnis zur Technik ist kein genuines Problem des modernen Menschen; es lässt sich nicht nur in der poetischen Literatur ab der beginnenden Moderne und in die Romantik hinein, sondern – kulturgeschichtlich betrachtet – auch weit darüber hinaus aufzeigen. Beispielsweise ist bereits die Einführung des Spinnrads in Europa im 13. Jahrhundert von Verboten begleitet. Die Antriebsfedern der Technik befürwortenden Seite bleiben dabei im Grunde dieselben; die Argumentation kann unter den Schlagworten Fortschritt und Arbeitserleichterung zusammengefasst werden. Die Einwände der Technikskeptiker verlagern sich im Lauf der Jahrhunderte hin zum Individuum. Zunächst wird, wie im Falle des Spinnrads, die Qualität der mechanischen Produktion angezweifelt. Für das Mittelalter und die Frühe Neuzeit muss hierbei allerdings beachtet werden, dass es sich um noch um feudale Ständegesellschaften handelt. Die Kritik, die in Quellen anhand der Verbote nachgewiesen werden kann, spiegelt somit die Interessen elitärer Gesellschaftsschichten und nicht die Interessen derjenigen wider, deren Arbeitsleistung durch das Spinnrad in Frage gestellt wird. Später, mit dem Eintritt in die arbeitsteilig organisierte Gesellschaft, werden soziale Verhältnisse zur Grundlage für Technikkritik, denn „[g]enerell muß jeder Einzelne, um sein Leben zu fristen, eine Funktion auf sich nehmen und wird gelehrt, zu danken, solange er eine hat.“ (Adorno) Die Maschinen, wie etwa der automatische Webstuhl, werden zur Konkurrenz für den Arbeiter, dessen materielle Lebensgrundlage – und daran anknüpfend seine Funktion in der Gesellschaft – nun bedroht ist; eine Entwicklung, die zur Triebkraft der britischen Maschinenstürmer wurde. Der Gedanke, der Stellenwert des Einzelnen in der Gesellschaft korrespondiere mit dessen Arbeitskraft, wird in der heutigen Zeit zusätzlich mit dem Begriff der Würde gekoppelt, wodurch auch eine Anschlussstelle für eine ethische Dimension der Technikkritik geöffnet wird.
Da es sich bei Literatur zwar um ein spezifisch ästhetisches, keineswegs aber um ein von anderen Kräften abgekoppeltes Diskurssystem handelt, positionieren sich poetische Texte zwangsläufig im Spannungsfeld zwischen Affirmation und Kritik. Eine einheitliche inhaltliche Ausrichtung sucht man vergebens – in jeder Epoche lassen sich sowohl Skeptiker als auch Befürworter ausmachen. So steht in der Romantik etwa die Ablehnung der Technik durch August Wilhelm Schlegel, der einwendet, „mit Mechanik, mit Manufakturen, mit Land- und Staatswirtschaft mach[e] man keine Gedichte“, einem Novalis gegenüber, der ungefähr zur selben Zeit notiert, „[a]uch Geschäftsarbeiten [könne] man poetisch behandeln.“
Interessanter als diese Auseinandersetzung auf der Inhaltsebene erscheint darum die Frage nach der Interaktion zwischen Technik und Literatur auf struktureller Ebene; inwiefern also technische Denkfiguren in andere Diskurssysteme einwandern und dort nutzbar gemacht werden. Diese Linie lässt sich anhand der Geschichte der Schreibautomaten und Sprachgeneratoren verfolgen, weil diese jeweils auf dem technischen Stand ihrer Zeit die Fragen nach Autorschaft und der Genese von Text und Textbedeutung verhandeln.

[nummer 803]

heute mal wieder einen nicht unbeträchtlichen teil des tages in öffentlichen verkehrsmitteln. dabei st. petri-schnee von leo perutz gelesen. ein roman, in dem zwar nur von berlin nach osnabrück gereist wird (zumindest ist das der unstrittige teil der reise), den ich aber trotzdem zur reiseliteratur im weiteren sinne zählen möchte, weil danach mindestens durch chloroformwolken weitergereist wird. außerdem: »Reisende in Maschinen, in Winterartikeln, in Reißverschlüssen und in Porzellanwaren wurden gesucht«, und das rechtfertigt ja alles.

und, kurz noch, eine religiöse extase wird heraufbeschworen, aber dann passiert das hier:
»Ja, die Glocken läuten, aber sie läuten Sturm und die Bauern singen, aber nicht Marienlieder, sondern die Internationale.«
interessant, weil 1938, fünf jahre nach der veröffentlichung von st. petri-schnee, voegelins politischen religionen erscheinen. natürlich ist die sozialistische idee dem wesen nach keine totalitäre; trotzdem gibt es parallelen zwischen den wirkungsmechanismen von massenbewegungen aller art, insofern auch eine politische ideologie doch immer über sich selbst hinausweist. deus lo vult!

[nummer 801]

entschieden GUT finde ich spambots, die mir namen wie quarnstrom schockley auftischen wollen. wäre eine von quarnstrom schockleys besiedelte welt nicht etwas streichelzart erquickliches?
(und ich muss an squornshellous zeta denken, so irgendwie.)

wanderer, kommst du nach fra…

bei diesem kieseritzky findet sich schon ganz am anfang eine bedenkenswerte stelle, nämlich: »Unterwegs lese ich immer Reisebücher, was soll man sonst auf Reisen tun, wenn man einen Zug benutzt (..).«
gute idee, dachte ich mir, und so saß ich heute in der acht (ich reiste immerhin ans andere ende der stadt), in yoricks reise des herzens von sterne schmökernd. und auch da gleich am anfang etwas lustiges, von dem ich zunächst dachte, es sei ein ausgedachtes kuriosum, aber es ist mehr oder weniger wahr und soll hier erzählt werden: »Hab und Gut von Fremden (Schweizern und Schotten ausgenommen), die in Frankreich sterben, wird kraft dieses Gesetzes beschlagnahmt, auch wenn der Erbe zur Stelle ist. Da diese zufälligen Einkünfte verpachtet sind, ist an Wiederherausgabe nicht zu denken.«
aber nun keine sorge, »da die Französische Nationalversammlung das Droit d‹Aubaine ganz aufgehoben und für eine Schande der Menschheit erklärt hat« (justus möser 1791 in der berlinischen monatsschrift), lässt es sich in frankreich inzwischen wieder gemütlich dahinscheiden.

das kryptogramm

14 minuten, nachdem ich the book of prefaces bezahlt hatte, bekam ich, das war, als der bus an der dritten haltestelle vorbeifuhr, durch ein hemd, das jemand auf seinen balkon gehängt hatte, den letzten hinweis. wir haben also den folgenden code: rosa – blau – weiß – weiß – rosa. außerdem gehört die 18 dazu, denn ich habe aus ungeduld selbst beschlossen, dass keine weiteren hinweise folgen.

hm, ich glaube, es ist einfach eine anweisung.
the order: do it yourself

(wegen rbwwr, verschlüsselt mit 14/3/18, und dann in die richtige reihenfolge)

i will do some magic now

falls man sich nach den 30 minuten film ärgert, weil es nur eine teure beutelschneiderei war (disclaimer: achten Sie auf das »falls«. wir befinden uns in der zauberwelt des potentialis. ich habe nie behauptet, dass man sich tatsächlich ärgern wird), könnte der kurs funktioniert haben, wäre also doch jeden cent wert (auch hier: ich habe nie etwas gesagt. kaufen Sie doch, was Sie wollen). dann aber müsste man ja wiederum die stufe zum kritischen denker erklommen haben und bemerken, dass man gerade echt viel geld für einen dreißigminütigen film ausgegeben hat. wow, welch fortwährende umwälzung der gedanken. es herrscht permanente revolution in der zauberwelt der möglichkeiten.