insiderbericht

nehmen wir für einen augenblick an, ich sei dankbares objekt der ehrenwerten fürsorge diverser einrichtungen der begabtenförderung, hätte ergo einblick in gewisse seilschaften. dort hätte man mir eingeschärft, möglichst als zweiter kandidat in eine prüfung zu gehen, denn beim ersten prüfling wird die notenskala noch nicht ausgeschöpft, man kriegt ergo keine eins, und mit jedem späteren termin steigt die wahrscheinlichkeit, dass ein besserer vor einem dran war. nicht, dass das was helfen würde, wenn von einer sehr langen reihe sehr toter germanisten der ältere und der jüngere stephanie, auerbach und hölderlin (wieland und freytag wären auch möglich) komplett durchgeprüft werden. da kann man eigentlich nur scheitern, und dann schnappt das historische fangeisen, das obligatorisches requisit jeder einzelnen radikalprüfung ist, zu, und es steigt ein geruch auf, der ein bisschen an den eines auf einem edelstahltopf scheuernden stahlschwämmchens erinnert. in diesem stilvollen ambiente muss ich dann den unterschied zwischen objektiv und agentiv in einer ziemlich speziellen grammatiktheorie erklären. wenn ich versage, wird mir die kantinenkarte entzogen, und ich werde nie wieder in der palmeria essen können. obwohl ich die frage im wachzustand beantworten könnte, zerbreche ich an dieser drohkulisse.

jahresrückblick 2/12

januar.
komme schnell darüber hinweg, die neujahrsansprache der bundeskanzlerin verpasst zu haben. stelle außerdem fest, dass die epoche der romantik an sich ein einziger coming-of-age-roman ist. und ich fahre mit einem bus nach erlangen, es ist die linie 30, was mich übellaunig stimmt, denn sie unterbricht die fahrt an jeder haltestelle, um weitere reisende aufzunehmen, deren ausgeatmete luft ich inhalieren muss; diese fahrt erscheint mir ewig. in die beschlagene Scheibe hat jemand mit einem harten gegenstand, vielleicht mit einem schlüssel, »KILL« eingeritzt. vielleicht war es ein abgebrochener fahrradschlüssel; seinen besitzer haben die umstände der busfahrt ebenso verbittert wie mich; viel lieber wäre er mit dem rad nach erlangen gefahren, wobei er sich unsagbar frei gefühlt hätte, vielleicht ein romantiker, doch die zu energische bewegung beim aufsperren des schlosses hat dies verhindert. die gespräche der anderen reisenden fressen sich in meinen gehörgang; wäre mein mp3player funktionsfähig, das heißt, hätte ich daran gedacht, den akku aufzuladen, könnte ich mich diesen gesprächen entziehen und ein hörspiel hören, »vermisste kids und killerpflanzen« beispielsweise böte sich an. die schlagzeile der bildzeitung des bemützten mir schräg gegenüber informiert mich über den gesundheitszustand petra schürmanns. das sprechen ist ihr inzwischen unmöglich, ein schicksal, welches theoretisch auch jeden meiner mitreisenden ereilen könnte. dieser gedanke stimmt mich weniger traurig, als das sittlich-moralische empfinden und meine ausbildung in moralphilosophie auf m.a.-niveau es mir nahelegen. der umstand hingegen, mich nicht in der linie 30E zu befinden, grämt mich sehr, denn die linie 30E hätte mir inzwischen drei minuten dieser busfahrt erspart, welche nun noch vierzehn minuten andauern wird. später im januar ereignet sich in erlangen »die« szene mit hildegard. ich war aber nicht dabei, denn ich habe zuhause im schlafanzug einen tausendwörterbrief über den geschmack von gin verfasst. und abgeschickt. als antwort erhalte ich eine ähnlich lange epistel, die größtenteils aus schmähkritik an meinem idol rufus wainwright besteht.

sun is the same in a relative way

es gibt leute, die nie lernen werden, was gut für sie ist. anscheinend gehöre auch ich dazu, denn ich habe mich gestern allen widerständen zum trotz durch ein in der innenstadt lokalisiertes bekleidungsgeschäft »bewegt«, um mich dort an der zunächst kürzesten, zwei minuten nach meinem eintreffen allerdings bereits längsten schlange für ein schwarzes hemd im warenwert von fünfzehn euro (materialwert geschätzt zwei euro; eigentlich habe ich davon aber keine ahnung, also bitte einfach irgendeine in diesem zusammenhang irrwitzig wirkende zahl ausdenken) anzustellen. ehrlich gesagt hatte ich bereits keinen nerv mehr, weiter in diesem moloch auszuharren, als die schlange noch nicht die allerlängste schlange geworden war, und lediglich bösartigkeit und nichtgönnenwollen haben mich davon abgehalten, meinen warteplatz aufzugeben. auf freudegeräusche von aufatmendem menschenfleisch hinter mir, das häppchenweise eins weiter vor rückt, hatte ich noch weniger lust. und letztlich war es doch ein ganz schönes erlebnis, denn schräg vor mir stand ein mädchen, das offensichtlich auch schwerstens über gefühle von lust und unlust am sinnieren war. ich weiß, dass das kackstmieses deutsch ist, aber ich gönne mir sowas zwischendurch gerne als stilmittel. dafür bin ich nicht gern gesehener stammkunde in den ohnehin spärlich verteilten pommesbuden dieser stadt. nachdem das also geklärt ist, weiter mit dem mädchen. das sagte nämlich folgendes: »irgendwie krass. wenn man keinen bock auf weihnachten hat, geht es voll schnell. und wenn man voll bock drauf hat, geht es echt langsam.« faszinierend! obwohl ich schon sehr viel gesehen habe, zum beispiel technikphilosophen, und auch personen, die einander beim radfahren herzen, umarmen und küssen, bin ich noch nie zuvor zeuge geworden, wie jemand die subjektivität der zeitlichen erfahrung entdeckt hat. aber ich will das öfter erleben. es war wunderschön.

jahresrückblick

juni.
verliere meinen arbeitsplatz, weil »der flow nicht mehr stimmt«. darf, ausgleichende gerechtigkeit, exorbitantes schnittchenbuffet niedermachen, frage im rahmen dieses gelages einen leibnizpreisträger, ob er townes van zandt auch so tierisch geil findet. erhalte negative antwort (»Sie halten mich jetzt für einen schlechten menschen, aber ich konnte da nie einen zugang finden«). scheitere außerdem am versuch, die rechenleistung meines gehirns zu bestimmen. kann also nur vermuten, ganz vorne mit dabei zu sein. schreibe zum trost eine fanfiction über novalis. feiere mit der ganzen familie mühlentag. beginne lektüre von peyrefittes alexander und stelle dabei fest, dass die geißelung der epheben nicht zu meinen lieblingsritualen gehört. plane große monographie über den unterschied zwischen glaukon und glaukom, auf welche die fachwelt bis heute warten muss. schreibe stattdessen zumindest im traum eine arbeit über kasusgrammatik, in der ich den unterschied zwischen »kämpfen mit dem messer« und »kämpfen mit dem feind« erläutere. unterschiedliche semantische rollen können im gleichen kasus realisiert werden. ärgerlicherweise kommt es nicht zur veröffentlichung, weil der drucker in der psychiatrischen einrichtung, in der ich lebe, nur gestreiftes endlospapier ausspuckt. schwänze trotz freikarte das größte gartenfest europas, weil ich lieber im schlafanzug in adrians drei quadratmeter großem wohnheimszimmer herumhänge und tagelang mit ihm fernsehe. seine bratkartoffeln sind bis heute ungeschlagen, ob er einen zugang zu townes finden konnte, bleibt ungeklärt.