wie man nicht wie karl may schreibt

»Schnuckiherz! Ich bin hier, um dich vor der Einsamkeit zu retten!« sagte Winnetou, als er sich nachts so gegen kurz vor zwei auf meiner Couch materialisierte. Ich legte eine Platte von Kinky Friedman auf. Der überaus attraktive Häuptling der Apachen räkelte sich genüßlich auf dem Sofa und begann, mir aus einem zufällig gut sichtbar auf dem Couchtisch drapierten Band Derrida vorzulesen. Nach drei Seiten unterbrach er die Lesung und sah auf seine topstylische Esprit-Uhr. »Der Zeitplan sieht vor, dass wir jetzt schnuckeln«, informierte er mich.

Winnetou und Old Shatterhand standen so rum. Zwei Stunden später standen sie immer noch da. Kein Wind. Schweigen. Drei Stunden später immer noch nichts.

Während Winnetou einarmige Liegestützen machte und 27 Orks enthauptete, sinnierte er über seine Laktoseintoleranz. Würde er nie wieder Earl Grey mit Milch trinken können? Er zückte das Smartphone, von dem er sich als moderner, christianisierter Häuptling nie trennte, um seine Haushälterin anzurufen. Für Miss Winterbottom, die seit mehr als dreißig Jahren auf dem Stammgut seiner Familie arbeitete, wäre es sicher ein Kinderspiel, geschmacklich akzeptable Sojamilch zu besorgen. Sie war auch die einzige, die von der Geheimidentität des oberhammerst schmucken Mannes wusste, seitdem sie ihn dabei erwischt hatte, wie er blutüberströmt und mit zwölf Elbenleichen in den Armen aus seinem günstig über ebay erstandenen viktorianischen Kleiderschrank gestiefelt war. Denn obwohl Winnetou dem englischen Landadel angehörte, waren über die Jahrhunderte hinweg nur wenige der kostbaren Antiquitäten erhalten geblieben. Seine Vorfahren, die weitaus weniger edel und integer waren als er, hatten so gut wie alles versoffen.

das aktuelle »freizeitvergnügen«

freizeit gibt es nicht (siehe sechster august), geschenkt. aber es gibt diese mußeminütchen am kopierer, in denen ich durchschnaufe und versuche, mich tiefenintensiv zu entspannen, damit ich nicht ausflippe, weil das scheißding sich mal wieder für mich unvermittelt auf 142% gestellt hat. eigentlich wollte ich anlässlich dieser zermürbenden erfahrung was technikpessimistisches von august wilhelm schlegel zitieren, aber es fällt mir gerade nicht ein.
(und jetzt, wo ich den rest des eintrags schreibe, immer noch nicht.)
deswegen sei nur erwähnt, dass aw gerne »glacéhandschuh« getragen hat. das berichtet¹ jedenfalls heinrich heine und macht sich darüber lustig, obwohl er selbst angibt, bei dieser begegnung eine »rote mütze« und einen »weißen flauschrock« getragen zu haben. zwar ausdrücklich »keine handschuhe«, aber trotzdem klingt das ähnlich beknackt.
(heines verhältnis zu weißen flauschröcken bleibt mir übrigens ein rätsel. im dritten teil der reisebilder schreibt er nämlich über einen musiker, der sowas trägt. die passage ist stark korrigiert, und in einer der verworfenen fassungen heißt es, der musiker trüge besagten weißen flauschrock »vielleicht aus ironie oder armuth«. warum diese flauschröcke? warum armut? ist das eine anspielung auf das voß-gedicht? weiß beloved henri nicht, dass man auf weißen klamotten jeden dreck sieht?)
dem freizeitvergnügen aber spielen die nachtseiten der technik in die hände. der kopierer nämlich ist nicht nur zu mir gemein, sondern konfrontiert so gut wie alle, die ihn benutzen, mit seinem grundlegend widerborstigen naturell, weswegen seine peripherie üblicherweise von sorgsam geknüllten fehlkopien geziert wird. was für andere wie eine trendy kunstinstallation aussieht, ist für mich ein versprechen.

¹in heinrich heine: die romantische schule