was mir gefällt und was weniger smooth ist

nun verhält es sich ja bekanntlich so, dass da schöne und hässliche dinge auf dem erdenrund umherspazieren. sehr apart finde ich beispielsweise das wort germanistenwichserei, das man an den exakt 2,5 zentimeter breiten rand von gut sechzig prozent meiner schriftlich fixierten äußerungen kritzeln könnte. denn: »auf dem erdenrund umherspazieren«, welch schwulstmüll ist das denn bitte? das wort erdenrund haben wohl die meisten leute seit dem letzten kirchgang nicht mehr gehört, denn es verstaubt trostlos zwischen den abgegriffelten seiten der in der kirche ausleihbaren ausgaben des gotteslobs. frei von glanz ist leider auch das dasein des von mir sehr geschätzten wortes germanistenwichserei, welches im gegensatz zum erdenrund nichtmal einen eintrag im grimmschen wörterbuch vorweisen kann, geschweigedenn einen googletreffer, und auch in gottesdiensten hört man es betrüblich selten. daher dieser eintrag. er soll verstanden werden als ein feldzug gegen die ignoranz der suchmaschinen.
was sonst noch gut ist: meine entzückenden eltern werden mir ein notebook schenken. daher an dieser stelle tausend grüße. keine grüße hingegen an »alle, die mich kennen und können«, denn das ist ein beispiel für einen ganz degoutanten ausdruck, den es glücklicherweise ende der neunziger jahre zerbröselt hat; ein ende, das ich auch dem format frühstücksfernsehen wünsche. jean genet wiederum hätte ich so einen grauenhaften heimgang nicht gewünscht. auf dem weg ins badezimmer zu sterben ist wenig schillernd und einem so heftig irisierenden hirn wie dem seinen nicht geziemlich. aber ein halbsatz, den ich sehr liebe, bleibt bei uns und wirkt lindernd, daher soll er an dieser stelle zitiert werden, obwohl er neben seiner unbestreitbaren schnittigkeit auch noch den vorteil hat, bereits auf seite eins von notre-dame-des-fleurs aufzutauchen, man also das buch gar nicht komplett lesen müsste, um ihn zu entdecken: »Son beau visage multiplié par les linotypes s‹abattit sur Paris et sur la France […]«; auch in der deutschen übersetzung ganz bestrickend: »Sein schönes, von Maschinen vervielfältigtes Gesicht ging über Paris und Frankreich nieder [..]«

offener brief zum wiegenfeste

teuerster daniel r.,

jedes jahr wird es schwieriger, angemessene geburtstagswünsche für dich zu finden.
nach wie vor verfügst du über einen interessanten studiengang, ein umwerfendes äußeres, eine angenehme persönlichkeit, einen rückenkratzer und alles, was man sonst noch braucht; dass sich inzwischen hinreißende hüte, eine gemütliche wohnung und eine funktionsfähige waschmaschine zum kreise deiner lieben sieben sachen hinzugesellt haben, macht die glückwunschkiste hier nicht einfacher. zumal du ja sogar dinge besitzt, die meiner bescheidenen meinung nach kein mensch braucht (z.b. diverse platten von deerhoof). nun könnte ich dir gutes gelingen beim vorsatz, dich von anderen dingen, die kein mensch braucht, fernzuhalten, wünschen, aber siehe, die platte von bon jovi bist du geschickt losgeworden, so dass ich dir nicht einmal mehr die bekanntschaft mit einem nervtötenden fangirl wünschen brauche, welches dir besagtes artefakt abkaufen würde. denn auch das ist bereits geschehen.
daniel r., du siehst mich hilflos. ([x] 56 – und schon wieder einfach nicht mehr weiterwissen.)
auch meine reichen und schönen freunde, die ebenfalls schon alles haben, konnten mir nicht helfen. wenn es nach denen ginge, würde ich dir einen gutschein für die teilnahme an einer vom bund deutscher radfahrer organisierten achtwöchigen nacktradeltour durch die schönsten deutschen mischwälder schenken. aber erstens gibt es sowas leider nicht, zweitens würde da, falls es das gäbe, garantiert rudolf scharping mitfahren, drittens hast du das radfahren vergleichsweise spät gelernt und solltest dich nicht so horrenden strapazen aussetzen. mit den alternativvorschlägen (mitgliedschaft im christlich-fundamentalistischen flügel der zentrumspartei, gartenkralle gold, dekorative jade-elefanten, die man überall in seiner wohnung verstecken kann) war ich auch nicht so zufrieden.
ich muss also zum äußersten greifen.
lieber daniel, ich wünsche dir, dass du vorerst nicht berühmt und hochangesehen wirst. lieber wäre mir sogar, du wärst nicht so ein verdammt wohlgelittener und tonangebender typ, wie du es eben bist. ich wünsche dir, dass die bewunderung deiner mitmenschen für dich zurückgeht, deine popularität nachlässt und dein stern schleunigst sinkt. mögest du innerhalb des nächsten jahres keinen heißbegehrten roman verfassen. mögest du keine vergötterte lifestyleikone werden. mögest du keine erstklassige modelinie entwerfen und kein angesagter designer werden.
vielleicht denkst du jetzt, ich wünsche dir nicht das beste. aber da irrst du dich, meine diesjährigen wünsche haben einen ernsthaften hintergrund. denn der ganze aufwand würde sich ja gar nicht mehr lohnen, jetzt wo die vanity fair eingestellt wird. vermutlich müsstest du mangels vernünftiger podien für ausgeflippte prominente sogar wettpate bei hariboschalk werden oder bei anne will neben walter mixa sitzen (und da sei gott davor). aber das ist gar nicht das schlimmste daran. viel schwerwiegender ist das, was mit tollen menschen geschieht, wenn sie 27 sind. also sei bitte ein bisschen weniger super, okay?

sei umarmt von
deiner anna r.

knietief in tacos, ta- ta- ta- tacos

dass der aktuelle kinkykrimi, der gefangene der vandam street (the prisoner of vandam street), an anderen stellen nicht so positiv besprochen wurde, kann ich halbwegs nachvollziehen, denn die handlung ist verglichen mit des kinksters früheren werken (a case of lone star usw.) tatsächlich nicht so tragend, wie möbelpacker es bei umzügen von konzertpianisten sind, wenn vier klaviere in den großen flügelsaal im obergeschoss einer luxusvilla ohne aufzug geschleppt werden wollen. dafür aber findet man in diesen luxusvillen naturgemäß ausladende treppenaufgänge und stuckdecken, die einem wahrhaft das herz aufreißen; und auch am aktuellen kinky lässt sich mannigfaltig freude haben, wenn man ihn mit liebhaberauge betrachtet. zunächst weisen die kinkykrimis ja heftige anzeichen einer autobiographie auf, autor, erzähler und protagonist tragen den gleichen namen. bei einer tatsächlichen autobiographie könnte man nun annehmen, sie seien nicht nur dem namen nach, sondern auch »in echt« identisch, aber bei einem kinkykrimi glaubt man dem autor natürlich kein wort, vermutet trotz der namensgleichheit einen fiktionalen text, zweifelt also die verlässlichkeit des autors in diesem punkt an. das gilt auch für den gefangenen der vandam street, dem man wohl kaum ernsthaft abnehmen wird, autor-kinky hätte wirklich mal an malaria laboriert. durch diese krankeit, also genauer durch den fieberwahn, durch den der protagonisten-kinky sich seitenlang hindurchdeliriert, und dessentwegen viele kritiker recht angenervt waren (zugegeben, der katzenscheißewitz ist irgendwann abgenutzt), werden aber auch die anderen kinkys unzuverlässig. man weiß zunächst nicht (und das gilt sowohl für den leser als auch für die freunde des kinksters, die village irregulars), ob kinky sich das geschehen am fenster gegenüber nur einbildet oder ob da tatsächlich dinge vor sich gehen, die der untersuchung eines detektivs bedürfen. das spiel mit wahrheit und nicht-wahrheit wird also von der empirischen auf die fiktionale ebene übertragen, und das spezielle häubchen sahne extra ist dann, wenn ratso kinky beruhigt, er könne gar nicht sterben, denn sie befänden sich ja erst im vierten kapitel. nochmals zugegeben, es ist viel altherrenlarmoyanz dabei, und erneut zugegeben, es wirkt zwischendurch ein bisschen zu aufgesetzt (der tote autor in kapitel drei; viele literaturwissenschaftler mögen das aber), doch insgesamt sehe ich das so wie kinkys übersetzer: der gefangene der vandam street ist ein gutes buch. und wer das anzweifelt, besteht aus katzenscheiße.

les mots sont mes seuls amis

geschafft. vor mir auf dem bett liegt eine ausgabe der heimlichen freundschaften, die zwar gewöhnungsbedürftig, aber nicht nach highlanderbuch aussieht. keiner meiner freunde hat sich zu einem valentinsgruß bequemt, aber, peyrefitte sei’s gedankt, das ist mir inzwischen scheißegal, denn ich habe ja das buch.

deutschland denken

in dem moment, in dem ich in einem öffentlichen verkehrsmittel in dieser ganz gewissen weise angezischelt werde, werden mein vermeintlicher und mein tatsächlicher ethnischer hintergrund irrelevant. in diesem moment zählt nur noch, dass ich gerade einem rassistischen arschloch begegnet bin.

dem volk aufs maul

(natürlich nur geschaut. wir sind ja keine freunde der gewalt. obwohl ich beim am ende geschilderten erlebnis kurz davor war, meine einstellung tatkräftig zu revidieren.)

schnoberte mich letztens durch einen ganz besonderen gebrauchtbuchladen, dessen charme hauptsächlich durch höllenturmartige regale ausgelöst wird, die scheinbar wahllos mit schmökern aller art bestückt wurden. da alphabetische ordnung in diesem geschäft augenscheinlich als teufelszeug betrachtet wird, muss man recht aufmerksam schatzsuchen; wahrscheinlich liegt es aber genau daran, dass ich dort schon fänge eingesackelt habe, die mir auch bei retrospektiver betrachtung noch ein gewisses prickeln in tast- und sehnerven bescheren. zum beispiel die arbeitslosen von marienthal für vierzig cent. noch herausragender sind aber manche buchtitel, die man durch einen augenwinkel einsaugt, und die teils herausragend grauenhaft sind (»liebe wild und gefährlich«), teils den forschergeist wecken, herauszufinden, worum es sich da eigentlich handelt. »alles fleisch ist wie gras«, ein satz der sich ob seiner finesse geradezu in die synapsen ätzt (wer es nicht glaubt, kann bei brahms nachhören).
ein weiteres mal übelst die hirnrinde abgebeizt bekam ich anfang der woche in der s-bahn, als ich mich gezwungen sah, die lektüre eines ganz passablen viehzuchtuniversitätscampusromans zu unterbrechen, weil die unterhaltung des paars schräg hinter mir mein bewusstsein massakrierte. und dann, nach einem zügellosen jaulen, das ungefähr so klang wie »ich lieeeeebe dich«, sagte sie, ihre stimme schlagartig mit einem nüchternen tonfall versehen, zu ihm: »ich hatte wirklich angst, dass deine frisur so bleibt, als ich dich mir gesichert habe.«

qu’il ne faut pas savoir

verspürte angeregt vom genuss wabensüßer früchte lasziver physis an meinem gaumen, getränkt vom saft ihres fleisches, der sich, klebrig aus ihnen prallen knospen ergossen, an meine finger haftete, drängendes begehren aufwallen, meiner STOP HIER! schau nieder auf die umschlagbilder der romane roger peyrefittes und frage dir mit mir: warum zum teufel sehen die aus wie highlanderbücher?
solange die nicht seriöser gestaltet werden, mag ich dem begehren, meiner kleinstbibliothek die heimlichen freundschaften einzuverleiben, nicht so recht nachkommen.