path loser

information am rande: begeht man jeden tag eine schwachsinnige tat (zum beispiel dozenten nach sternzeichen fragen), so trägt das ungemein zur steigerung des wohlbefindens der mitmenschen in der näheren umgebung bei, zumindest falls diese mitmenschen durch besagte schwachsinnige tat nicht verletzt werden.

straßenbahngesprächsfetzen des tages: »meine eltern haben schon zwanzigtausend euro gespart für meine hochzeit.«
heiratet sie am nordpol? gibt es tischkärtchen aus von blinden tibetischen mönchen hangeschöpftem büttenpapier? muss erst die kaution für den brautvater bezahlt werden? oder sind hochzeiten heutzutage wirklich so teuer?

zu gast an deutschen tischen

erlangen, ein akademisches viertel nach zwei, hermeneutik-seminar. der referent hat abgesagt, nach den weihnachtsferien ist niemand besonders gut auf den zu besprechenden text¹ vorbereitet. auf anregung einer kommilitonin simulieren wir ein wenig praktische arbeit und gucken uns nochmal einen schon vor einigen wochen besprochenen text² an und spielen einen interpretationsprozess durch, in dem wir den latenten sinn einer interaktionssequenz (es handelt sich dabei um ein tischgespräch einer familie, daran beteiligt sind auch zwei beobachter) rekonstruieren wollen. wir diskutieren mögliche fragestellungen (ein vorschlag hierzu ist, ob sich familien am tisch anders verhalten, wenn gäste anwesend sind. der dozent gibt eine anleitung, wie man das in soziologensprache umformulieren kann: »gastlichkeitsrituale in familiärer interaktion«), betrachten dann die erste vorliegende zeile des protokolls. diese lautet:

47 K[6] 7: danke ebenfalls, ’n guten appetit
(affektiert, nachahmend)

jetzt entwickeln wir reihum verschiedene interpretationen. wir erkennen, dass dieser aussage vermutlich eine andere vorausgegangen ist, welche wir aber nicht kennen. der erste vorschlag interpretiert die zeile als äußerung einer multiplen persönlichkeit, die mit sich selbst (bzw mit eines teils ihrer selbst) spricht. weitere vorschläge: es handelt sich um einen sehr einsamen menschen, der sich selbst einen guten appetit wünscht, um gesellschaft zu simulieren; jemandem wurde in der u-bahn aufs bein gekotzt³, der betreffende ironisiert die situation; es handelt sich um ein tischgespräch, bei dem ein teilnehmer ein höflichkeitsritual in ironisch gebrochener weise zitiert; das essen schmeckt nicht, die person tut durch den affektierten tonfall ihr missfallen kund; es handelt sich um eine theaterprobe; die sprecherin ist nach sieben jahren aus einem mädchenpensionat nach hause zurückgekehrt und spöttelt über die dortigen konversationsregeln; die äußerung ist ein filmzitat oder insider-scherz; jemand erzählte vorher am tisch von einem als eklig empfundenen artikel über kannibalismus; der sprecher ist als gast bei außerirdischen, die zwar deutsch sprechen, aber kamelhaare mit erdnuss-soße servieren; die person ironisiert das tischritual, weil sie sich in einem hungerstreik befindet usw.
nach dieser interpretationssammlung betrachten wir die zweite vorliegende zeile:

48 M 16: mehm

wir erkennen: es gibt mindestens einen interaktionspartner, damit sind die interpretationen »multipel« und »einsam« ausgeschlossen. nach kurzen exkursen zu den themen »rechtschreibfehler« und »ziege am tisch« und einbeziehung unseres vorwissens über den kontext, was »theaterprobe«, »u-bahn« und »außerirdische« ausschließt, machen wir weiter in der interpretation. die vorschläge lauten im einzelnen: unwirsche äußerung der mutter, die längst resigniert hat; mutter ist in gedanken und hat nicht zugehört; mutter kann nach unfall nicht mehr sprechen; es handelt sich um eine neuartige erziehungsmethode; mutter wollte eigentlich etwas anderes sagen (nämlich »mehr hast du wohl nicht zu sagen, du rotzblag«), bricht diese äußerung ab und repariert sie zu »mhm« (hinweis auf gespaltene motivlage). in der dritten zeile dann der vater:

49 V 10: Mampf, mampf

[und ab da lag ich dann mitsamt der hälfte des seminars lachend unterm tisch.]

¹ keller, reiner (2003): der müll der gesellschaft. eine wissenssoziologische diskursanalyse, in: ders., e.a. (hg.), handbuch sozialwissenschaftliche diskursanalyse, band 2, forschungspraxis, opladen: leske und budrich, s. 197-233.
² oevermann, ulrich, tilman allert, elisabeth kronau, jürgen krambeck (1979): die methodologie einer »objektiven hermeneutik« und ihre allgemeine forschungslogische bedeutung in den sozialwissenschaften, in: hans georg soeffner (hg.), interpretative verfahren in den sozial- und textwissenschaften, stuttgart: metzler, s. 352-434.
³ vorschlag des dozenten