aus dem nähkästchen

beziehungsweise aus dem geheimforum der liturgiefarbenkritikerszene, das keineswegs ein nähkästchen ist, denn es heißt ja »liturgiefarbenkritikerszene« und nicht »liturgiefarbenkritikerszene und stolanähkreis«, wobei denjenigen, die die liturgiefarbenkritikerszene nun als destruktive nörgler herabsetzen wollen, gesagt sein soll, dass hegel angeblich mal irgendwo geschrieben hat, er müsse kein schuster sein, um herauszufinden, ob ihm ein schuh passe.
aber nun soll endlich frisch herausgeplaudert werden, was sich aktuell in der liturgiefarbenkritikerszene zuträgt.

ich so zum thema grün:
»spätestens seit den fünfzigern nicht mehr tragbar (vgl. lodenmäntel).«

fünf monate später, d. so zum selben thema:
»Tja, aber das erklär den »feinen Herrschaften« mal. Da redest Du gegen eine Wand.«

eigentlich schrieb gadamer lebensberatungsbücher

in einer stunde über gadamers »wahrheit und methode« sprachen wir heute nicht nur über den memorial-charakter des reformiert-lutheranischen abendmahls, sondern auch über urlaubsziele (an deutschen universitäten lernt man allen unkenrufen zum trotze in der tat etwas praktisches fürs leben, nämlich dieses: wenn der eine in die berge fahren will, der andere aber ans meer, sollte man sich unbedingt darüber verständigen, was genau man unter berge und meer versteht, denn vielleicht wollen beide partner die lofoten bereisen und unterliegen lediglich einem verständnisproblem, das durch intensive gadamer-lektüre ausgeräumt werden kann. und tatsächlich lösten sich, nachdem dieser umstand erschöpfend geklärt war, alle beziehungsprobleme aller anwesenden in luft auf, ich konnte sie regelrecht verpuffen hören. oder vielleicht war das auch das stöhnen meiner banknachbarn, weil wir für nächste woche schon wieder so irre viel lesen müssen).
bei partnerschaftskrisen jeglicher art also einfach mal knapp tausend seiten gadamer lesen, dann erledigt sich alles von selbst. wenn man glück hat, erledigt sich sogar die gesamte beziehung aufgrund von akutem zeitmangel [an dieser stelle eine kleine linguistische serviceleistung: aufgrund mit genitiv, aufgrund von mit dativ].

nächtliche groteske

unseren traktor hatten wir direkt vor dem klementinum geparkt; groß und grün war er, und wir saßen mindestens zu zehnt darauf und scherzten. der hof um uns herum war bedeckt von tiefrotem weinlaub, es hatte ungefähr die farbe von korrekturtinte; und eigentlich hätten wir es aufkehren sollen, die unmengen an losen blättern aufschlichten zu vielen kleinen roten tintenhügeln. aber wir waren jung und pausierten lieber, rauchten gemeinsam die ein oder andere heimliche zigarette, bis schließlich der feueralarm den ernst der lage und damit die katastrophe auslöste. in alle richtungen stoben wir auseinander, rannten gehetzt aus dem dorf, neben mir lief hans, der stets lederne kleidung trug, wir eilten durch die straßen; und als wir am anschlagbrett des dorfes vorbeihasteten, an dem das veröffentlicht wurde, was man damals für wichtige mitteilungen hielt, fiel es mir wieder ein. das war kein echter feueralarm. es war nur ein probealarm, auf den wir während der wirren der tintenweinlese vergessen hatten. obwohl für mich durch meine erinnerung nun keine direkte gefahr mehr bestand, wurde ich weiter von den flüchtenden menschen durch die engen gassen der altstadt getrieben, sie zogen mich mit sich, treppauf, treppab; und während ich nun in windeseile eine verwinkelte treppe des architektonisch komplizierten kathedralenhofs hinabstieg, erblickte ich einen blonden mann. sein pferdeschwanz hüpfte jede treppenstufe mit, er war in einen feingesponnenen rokokomantel gekleidet und führte an einem dünnen lederband eine verhärmte menschliche katze. die menschliche katze war mindestens siebzig jahre alt, ihr kleiner frauenkopf war zu einer hässlichen schnauze verwachsen, und sie ging auf einem arm, einem bein, ihrem rattenschwanz und einer doppelten krücke. ihr zweites bein benutzte sie als greifschwanz, ihren zweiten arm, der zu lang gewachsen war, bildete einen greifrüssel. während ich immer noch weiterrannte, konnte ich meinen blick nicht von der erbärmlichen kreatur lassen, was schließlich auch hans bemerkte. er erklärte mir, dass die zucht menschlicher tiere eine art freizeitbelustigung der hiesigen oberschicht darstellte, die umständlichen missbildungen seien erwünscht, die katze müsse auf einer krücke gehen, denn eine menschliche katze ohne greifrüssel sei praktisch wertlos, und die vertauschung von bein und schwanz sei ein besonderer kniff, den nur besonders reiche, alteingesessene adelsfamilien beherrschten. obwohl auch er von diesem hobby abgestoßen war, schien es mir, als könne er eine gewisse begeisterung nur schwer verbergen. und während ich die glitzerndern funken der faszination beobachtete, die aus hans‹; rede in die luft blitzten, erschien mir der blonde mann immer mehr als der inbegriff des bösen. als ich endlich am fuß der treppe angelangt war, eilte ich auf kürzestem weg in mein studierzimmer unter der burg. dort wälzte ich nächtelang bücher. durch eine glückliche fügung hatte ich vor längerer zeit einmal einen geheimgang entdeckt, der mich direkt in die palastbibliothek führte, so dass ich uneingeschränkten zugriff auf alle papierernen schätze des reiches hatte. natürlich war mir das eigentlich nicht gestattet, denn ich war kein mitglied einer der herrschenden familien. schlimmer noch, ich hatte in meinem traumland gar keine näheren angehörigen, nur einen mentoren, und auch diesen hatte ich noch nie gesehen. er verständigte sich mit mir nur durch botschaften und hatte die fäden meines schicksals schon einige male im richtigen moment gezogen, so dass sie wieder in die richtigen schlaufen und maschen fanden. nur einmal hatte ich seine mutter in einer zwielichtigen kneipe getroffen. sie war eine bekannte trinkerin, und unbedarft wie ich war, hatte ich sie auf ein glas weißwein eingeladen, was dazu geführt hatte, dass ich mit einer rechnung von über hundert euro in einem lokal saß, das ich mit etwas mehr erfahrung nie freiwillig betreten hätte. meinem mentoren aber gelang es durch geschicktes taktieren, mich auszulösen und die rechnung so zu verändern, dass ich am ende noch etwas geld herausbekam. bei meinen nächtlichen besuchen in der bibliothek aber durfte ich mich nicht erwischen lassen, denn das wort meines mentoren schien zwar einiges an gewicht zu haben, ob es aber ausreichte, um mich vor dem zorn des herrschenden hauses zu retten, war mir nicht klar, und auf einen versuch ließ ich es lieber nicht ankommen. nur in meinem geheimen studierzimmer war ich vollkommen sicher, denn das existierte nur in meiner persönlichen traumwelt, niemand sonst außer mir hatte kenntnis davon. durch diese widrigkeiten wurden meine studien sehr erschwert, und es kostete mich unzählige nächte, all die informationen zu besorgen, die für mein vorhaben nötig waren. diverse male war ich gezwungen, meine lektüre zu unterbrechen, da ich draußen vor der tür die schritte der palastwache hörte; stiefelabsätze, die so laut auf dem boden trommelten, als wollten sie dämonen beschwören. stiefelspitzen, die über den boden scharrten, so laut wie ein ganzer stall voll hühner, aufgeregt, weil sie zum schlachtstein geführt werden sollten, wo das silbermesser des alchemisten sie erwartete (tatsächlich war ich der einzige alchemist meiner zeit, der erkannt hatte, dass sich frisches hühnerblut durch den pflanzlichen sud des hahnenfuß ersetzen ließ, ja, dass man damit sogar oftmals bessere resultate erzielte. oder vielleicht war ich der einzige, der das erkennen wollte; ich hatte mehr als einem kollegen in vertraulichen gesprächen von meinen forschungsergebnissen berichtet, dass ich mich als erntehelfer verdingen musste, kam nicht von ungefähr). stiefelschäfte, die knirschten und quietschen wie brechende knochen und verdrehte sehnen. einmal sogar erschreckten mich diese geräusche so sehr, dass ich mein tintenfläschchen umwarf, und die verschüttete flüssigkeit eine lange übersetzung aus dem koptischen völlig unbrauchbar machte. als ich endlich in vielen kleinen schritten und quälend kurzen nächten aus zahlreichen büchern alles zusammengerafft hatte, was ich für meine arbeit brauchte, machte ich mich daran, meine hastig dahingekritzelten notizen im studierzimmer zu ordnen und verschiedene formeln zu entwerfen, mit deren hilfe es möglich sein sollte, einen tiermenschen in seine ursprüngliche form zurückzuverwandeln. die erste arbeitsphase bestand nur aus dem festlegen der basiszutaten und einigen daraus folgenden berechnungen. als grundlage wollte ich einen leichten salbeisud verwenden. für eine wandlungsformel war das zwar eher ungewöhnlich, aber bei rothenfels, den ich wegen seiner grundlegenden erkenntnisse über die verarbeitung der kupfernen weidenrinde hoch schätzte, hatte ich einen hinweis auf eine altägyptische schrift über hautwandlung gefunden. obwohl diese als verschollen galt, entdeckte ich in der palastbibliothek eine kopie, die wohl vor knapp zweihundert jahren von ossip angefertigt worden war. die übersetzung kostete mich eine komplette woche, das studium der abschrift eine weitere, führte mich aber zu einsichten, die ich so nie für möglich gehalten hätte. es schien, als wäre es möglich, den anwendungsbereich des salbeisudes durch hinzufügen weiterer komponenten zu erweitern, als wäre es möglich, den fragilen sud, von dem es eigentlich hieß, jede weitere zutat verdürbe ihn, durch ein pulver zu stabilisieren. leider machte ossip nur ungenaue angaben über die genaue beschaffenheit des pulvers. ob das original lückenhaft war oder ossip sich der gefahr, die die abschrift des vollständigen rezeptes für ihn bedeutet hätte, nicht aussetzen wollte, vermochte ich nicht zu bestimmen. ihm zufolge sollte es sich um ein weißes pulver handeln, durch geschicktes kombinieren mit den ausführungen rothenfels‹ konnte ich immerhin ausmachen, dass die substanz eine neutrale spannung aufweisen musste. der tatsache, dass zumindest ossip vor einer exakten bennenung zurückschreckte, war für mich ein versteckter hinweis auf weißes gold, kein anderer stoff war so gefährlich für einen forscher seines ranges, um diese lücke zu rechtfertigen. dank rothenfels konnte ich zumindest silber und elfenbein ausschließen, da diese eine positive spannung aufwiesen. meine berechnungen, die unter anderem auch salz ausschlossen, da von diesem eine zu große menge nötig gewesen wäre, die schließlich die ätherische wirkung des salbeis neutralisiert und damit den trank ruiniert hätte, ließen nur noch zwei möglichkeiten offen, nämlich pulverisierten marmor und kreide.