bachmann-special

heute morgen gegen acht anstrengende odyssee durch münchen unternommen. zweck: meinem zauberhaften gastgeber halstabletten versorgen, darüberhinaus einkauf von dreihundert taschentüchern, salbeitee und orangensaft. außerdem achtundzwanzig pfandflaschen zurückgebracht, um hier etwas mehr raum zu gewinnen. unterbreche meine aufzeichnungen, um bettlägerigem gastgeber erkältungstee zuzubereiten. nun aber wieder äußerst konzentriert an seinem imac, an dessen tastatur ich mich schon fast gewöhnt habe, denn einige beobachtungen, die wir während des ingeborg-bachmann-vorlesewettbewerbs gemacht haben, drängen danach, berichtet zu werden.

1. der schweizer semiotiker mit den großen ohren empfiehlt zum besseren textverständnis ein buch namens »hölderlin als hirnforscher«, welches er offensichtlich äußerst hip findet. überlege mir, selbst ernsthaft schriftstellerisch tätig zu werden. arbeitstitel meines hauptwerks: »brentano als astrophysiker«. werde ihn später eventuell ändern in »eichendorff als stahlarbeiter«.
anleitung zum basteln eines buchtitels: [beliebiger deutscher romantiker] als [beliebiger, möglichst abseitiger beruf]

2. sehr interessant der hemdenwechsel der juroren. während herr seltsamer vorname a punkt mangold tagelang in einem rosafarbenen, zur hälfte aufgeknöpften hemd erschien, wechselte frau strigl »konsequent« zwischen hemdchen in welkem grün, krankenhausgelb und mausbraun-mausgrau-kariert. meinen zauberhaften gastgeber erinnert sie ein wenig an herta däubler-gmelin. herr google corino, musilexperte, reichte das weiße hemd, in welches er sich am donnerstag hüllte, vermutlich weiter an herrn ebel. dieser schläft offensichtlich in seinen hemden. verdächtigen herrn ebel, sich heute morgen im schrank geirrt zu haben und ein jackerl von herrn nüchtern erwischt zu haben, welcher bisher auf sich aufmerksam machte durch eine gymnasiastenhaft gestreifte sportjacke und ein hawaiihemd, das einerseits zusammen mit dem an die wand geklatschten flickenteppich von ikea eine kombination bildet, die disharmonischer erscheint als ein stück von schönberg, andererseits aber, und dazu gehört ja einiges, fast so exaltiert wirkt wie die gesten von frau radisch. diese zieht sich mit jedem tag besser an. hat sich eventuell was von frau rakusa ausgeliehen. frau märzens liebster rotton ist zwar relativ geschmacklos, dafür aber »konsequent« von lippenstift über bluse bis hin zum nagellack durchgehalten. traut sich wohl nicht an fremde schränke.

3. die texte.
erster tag. dank bernd stehen uns ausführliche videoaufzeichnungen zur verfügung.
erstens: jagoda marinic. schreibt über regale, regale, regale und regale mit büchern. findet plots doof, mag aber buslinie einhundertsiebenundvierzig. semiotiker will mit ihr »kaffee trinken«. rest findet text eher unspektakulär. diskussion über nörgelprosa und berlin. frau märz versteht nicht, warum man regen im kaffee nicht schön findet. kaffee war ja ohnehin zu stark. vorgeschlagen von herrn ebel. findet den text »konsequent«.
zweitens: christian bernhardt. schreibt ermüdend detailliert über den kauf von haarshampoo und begegnungen mit terroristen. rutscht nervös auf seinem stuhl herum. endlich so etwas ähnliches wie ein plot. zauberhafter gastgeber bezeichnet ihn als ein wenig attraktiv (gastgeber ist allerdings, wie schon erwähnt, erkrankt). vorgeschlagen von herrn nüchtern.
drittens: jochen schmidt. der kosmonautentext. guter, stimmiger text mit plot und intelligentem ost-west-konflikt. lustig. unser favorit. herr corino fühlt sich, einigermaßen zu recht, an eine novelle erinnert (unerhörte begebenheit. wir werden das später nochmal hören). bis auf ebel allgemeine anerkennung mit kleinen nörgeleien. sieht ein bisschen aus wie der tanzlehrer aus meinem tschechischkurs. vorgeschlagen von frau märz.
viertens: andrea grill. vorgeschlagen von strigl. belangloser dialogischer text, den man sofort vergisst. corino findet ihn völlig uninteressant. möchte mit der autorin lieber über eichhörnchen reden. recht hat er. endlich pause.

fünftens: jörg albrecht. schriller slamtext. trotz deleuze und guattari eher langweilig. liest von riesigen blättern und wirft sie herum. überzieht die dreißig minuten lesezeit. schweizer semiotiker würde den text gerne langsamer hören. vorgeschlagen von frau rakusa. klick.
sechstens: fridolin schley. sieht ganz gut aus. text langweilig, spulen das videoband vor. jury mäßig begeistert. vorgeschlagen von mangold.
siebtens: lutz seiler. angeblich hochinteressanter text über zugfahren und kulturellen austausch. leider ist es uns unmöglich, auch nur einem satz konzentriert zu lauschen. mögliche ursache: unser abendgast frau f. oder vortragsweise des autors. jury ist hin und weg. vorgeschlagen von rakusa.
erster tag vorbei. warten angetrunken auf den nächsten morgen.

zweiter tag. verbringen den tag in der stadt und greifen wieder auf videogott bernd zurück.
moderatorin inzwischen in ordentlichem fummel. trug gestern einen verstörenden gelben fetzen.
achtens: silke scheuermann. liest furchtbaren mädchentagebuchtext über patchworkfamily, schreibt aber angeblich großartige lyrik. können das leider nicht beurteilen. zu großen teilen erkennt die jury die sprachlichen mängel des textes nicht. corino muss auf falsche konjunktive hinweisen. ebel verteidigt alles mit der angeblichen »konsequenz« des textes. hält den text zudem für eine novelle (unerhörtes ereignis, siehe oben). verschweigt leider, warum der text dadurch besser werden sollten. corino verweist auf posttraumatische belastungsstörung und flashbacks. möglicher hintergrund dafür seine eigene biographie (war vor fünfzehn jahren schon mal juror). vorgeschlagen von frau märz, vermutlich wegen der gemeinsamen neigung zu roter kleidung.
neuntens: ronald reng. fußballreporter. overacted wie blöd. liest ebenfalls text über familie. inhalt: ein langweiliger familienausflug mit gestörter mutter. relevanz des textes nur verständlich durch anschließende erläuterung der weiteren romanhandlung durch ebel (mutter stirbt). kann sich als einziger für den text erwärmen, hat ihn auch vorgeschlagen.
zehntens: dieter zwicky. liest text mit lustigen sätzen über afrika. können der handlung aufgrund schweizer akzent des autors nur schwer folgen. nur der semiotiker, herr heiz, versteht den text ohne manuskript. alle anderen lesen konzentriert mit. wir haben leider kein manuskript, dennoch durch fragmente gewisse erheiterung. heiz erklärt im anschluss die gesamte schweiz und langweilt damit jeden. hat den text vermutlich nicht nur vorgeschlagen, sondern auch auswendig gelernt.
elftens: michael stavaric. leider nicht in gänze auf dem band vorhanden. las text, in dem es auch um sex ging. mangold findet das interessant. intelligente gender-einwürfe von frau radisch. vorgeschlagen von strigl.
lassen pause ausfallen und gehen gleich zum zweiten band über.
zwölftens: milena oda. gutgelaunte tschechin. sitzt in hotelzimmer, ist verschiedene autoren (kafka etc.) und schreibt sich briefe. verstehe den text als satire aufs deutschtum. mein gastgeber findet ihn unerträglich. jury ist ungemein enttäuscht. frau oda am ende auch. heiz hat sie vorgeschlagen, aber vergessen, warum.
dreizehntens: kurt oesterle. liest aus einem roman. stilistisch sehr ordentlich, inhaltlich eher langweilig. text handelt von deutschland in den sechzigern und einzelnkindern oder so ähnlich. ebel wird misstrauisch zurückgelassen. manchmal machen ihn vorträge übrigens auch argwöhnlich. meistens handelt es sich dabei um gute texte. nüchtern sagt irgendwas wirres über das heideggersche raunen. vermuten, er will darauf hinweisen, dass er auch mal was gelesen hat. vorgeschlagen von corino.
vierzehntens: peter licht. will sein gesicht nicht zeigen. mehrmals einblendung des satzes »will sein gesicht nicht zeigen«, damit es jeder begreift. vergleiche deleuze: gesicht. text ist angeblich lustig, die apokalypse ist ein nicht vorhandenes sofa. jury ist restlos begeistert (sogar ebel), wir verstehen nicht ganz, wieso. vermutung: peter licht wollte auch seine stimme verbergen, in der fernsehübertragung wurde ein anderer text eingespielt. corino will nichts über den text sagen, findet gehabe des autoren vermutlich affig. aussage des semiotikers wie immer unverständlich (»text will sich affirmativ in die welt setzen«). auch frau märz äußert sich nicht. außerdem wird lichts pseudonym für dämliche wortspiele verwendet (vergleiche goethe: mehr licht). vorgeschlagen von radisch.
gucken ein idiotisches feature mit einem experten, dem es peinlich ist, im fernsehen zu rauchen. erzählt großen unsinn über adorno und nutten, bezeichnet handke als ersten autoren der postmoderne. sind schwer verstört und schlafen durch bis tag drei.

dritter tag. adrian schwer erkrankt. leidet eventuell unter bachmann-allergie oder hat die aussagen über die kritische theorie nicht verkraftet. bedienen den videorekoder ausnahmsweise selbst. bereite im akkord salbeitee zu.
fünfzehntens: jan böttcher. adrian pennt ständig ein. sieht gar nicht gut aus. bericht vorerst ausgesetzt.