anglizismus des jahres

nur einen klick weiter wird im sprachlog von anatol stefanowitsch der anglizismus des jahres 2010 gewählt. neben der jury-entscheidung gibt es auch eine publikumsbefragung, an der man sich HIER (klickbar!) beteiligen kann.

mein favorit ist entfrienden/unfrienden. ein verb, das eigentlich den klick bezeichnet, mit dem man eine »freundschaft« in sozialen netzwerken beendet. auf deutsch könnte man das zwar mit »jemandem die freundschaft kündigen« beschreiben, aber ich meine, dass entfrienden doch etwas anderes ist. denn im gegensatz zum herkömmlichen aufkündigen einer freundschaft, dem ja meistens irgendeine form von zwistigkeit vorausgeht, erfährt der arme, entfriendete wurm nicht zwangsläufig davon, dass der kontakt nun nicht mehr besteht. es gibt freilich scripte wie den unfriend finder, durch die man sich über entfriendungen informieren lassen kann, vorgesehen ist das (zumindest bei facebook) von seiten des anbieters aber nicht. entfrienden entspricht meiner meinung nach eher dem schleichenden prozess, wenn man einander nicht mehr anruft, sich über längere zeit nicht mehr miteinander trifft, also das interesse am anderen verliert beziehungsweise verloren hat. manchmal findet man dann in seinem horrorpapiergedöns auf dem schreibtisch oder in der krusch-schublade doch noch eine visitenkarte oder einen bierdeckel mit telefonnummer, fragt sich, zu wem der name und die nummer darauf gehören könnte und merkt dann: oh, diese person habe ich wohl im laufe der zeit entfreundet. oder auf beziehungs-deutsch: wir haben uns auseinandergelebt. gut, sowas passiert. aber, wie gesagt, sowas passiert, soll heißen, es geschieht mit einem, und ist nichts, was man mit einer tatsächlichen handlung einleitet oder konstatiert. durch das wort entfrienden wird uns hier nicht nur ein verb geschenkt, mit dem man ausdrücken kann, dass man diesen vorgang bewusst wahrnimmt oder vielleicht sogar durch untätigkeit in freundschaftsdingen forciert hat. dazu könnte man sagen: ich lasse die freundschaft einschlafen oder ich werde die freundschaft einschlafen lassen. aber entfrienden bringt diesen prozess auf einen ganz konkreten punkt, steht also irgendwo zwischen freundschaft kündigen und freundschaft einschlafen lassen.
so zumindest meine interpretation der bedeutung von entfrienden.

Ein Gedanke zu “anglizismus des jahres

  1. Ich mag solche anglizistischen Verballhornungen auch ganz gerne. Da stecken oft Differenzierungen drin, die im »reinen« Deutsch nicht so leicht und locker zu haben sind. Aber hier stolper ich bei deiner Interpretation … Entfrieden beschreibt einen Vorgang, der wirklich weniger dramatisch ist als das hoch tragische »Freundschaft aufkündigen«, ist aber mit dem Wegdämmern einer Verbindung auch nicht richtig vergleichbar. Es ist ja vor allem eine Aktion, eine Entscheidung – klick, weg mit dem oder der. Dabei ist die Aktion der Stempel darauf, dass die Freundschaft nie vorhanden war. Dass alle Formen von Nicht-Freundschaften als Freundschaften bezeichnet werden, gehört zu den Infantilitäten des Internets. »Entfrienden« ist der umgekehrte Vorgang und ist von daher fast jedesmal so etwas wie der Versuch, wieder normal zu werden und sich nicht aus Renommiersucht (»Ich habe 3.899 Freunde!«) Unmengen an »Freunden« ans Bein zu binden, die man gar nicht kennt, die man blöd findet oder die einem manchmal geradezu lästig sind. Entfriendet werden ist daher für manche tief frustrierend: Nicht weil man einen wichtigen Menschen verliert, sondern weil man zu spüren bekommt, dass jemand einen so blöd findet, dass er mit einem nicht einmal mehr seine Freundeszahlen nach oben bringen möchte. Der aktiv Entfriendende setzt seinem Narzissmus eine Geschmacksgrenze, der Entfriendete wird narzistisch gekränkt … Aber egal, Hauptsache die Sprachpuristen neben einem diese abstrusen, ekelhaften Neu-Worte nicht weg 😉

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