was man über ursachen wissen kann

vor wenigen tagen habe ich einige langärmlige kleidungsstücke in herbstfarben erworben. nun gehe ich sozusagen in laub gekleidet. am beginn dieser handlungsekette, die jetzt aber nicht en detail nachvollzogen werden soll, stand der vom deutschen wetterdienst angekündigte wetterumschwung. den meteorologen sei an dieser stelle für die anregung zur erweiterung meiner garderobe herzlich gedankt. weil ich also in einen kaufrausch verfallen war, besuchte ich außerdem meine drei liebsten buchsecondhandläden, um die neueingänge zu überprüfen. es ist anzunehmen, dass jemand in erlangen sich eine schöne voltaire-werkausgabe zugelegt hat, denn ich fand die insel-ausgabe von candide im regal. zack! gekauft und sogleich in der s-bahn gelesen. das buch ist, soweit ich das beurteilen kann, ziemlich gut, allerdings kam ich vorerst nur bis seite 11 (= textseite 3). auf der ersten seite passiert eigentlich noch gar nichts. in recht konventionellem und märchenonkelhaften ton wird dem leser dort der titelgebende protagonist vorgestellt: »er war arglosen gemütes und hatte gesunden menschenverstand, und aus diesem grunde wurde er wohl auch candide genannt.« das ist nicht gerade neu, aber trotzdem ziemlich gut und vor allem traditionsreich. man erinnert sich natürlich sofort an gottfried: »nu heizet triste triure, und von der âventiure sô wart daz kint tristan genant, tristan getoufet al zehant.« super gemacht, voltaire! eine der besten mittelhochdeutschen dichtungen einfach mal en passant anzitieren, gefällt mir! dies waren meine gedanken von erlangen bahnhof bis eltersdorf. irgendwo zwischen eltersdorf und vach blätterte ich um auf textseite 2, wo meine durch den tristanstoff sehr hochgeschraubten erwartungen vollkommen erfüllt wurden. zunächst wird candides familie vorgestellt. das ist nicht so interessant, aber immerhin lustig, und bereitet vor allem überhaupt nicht auf den unglaublich starken satz vor, der sich von textseite 2 auf textseite 3 hinüberschlängelt. der wichtigste teil dieses satzes ist dieser: »er wies in vortrefflicher weise nach, dass es keine wirkung ohne ursache gäbe […].« tief erschüttert dachte ich bis nürnberg hauptbahnhof über meinen agnostizismus nach. es ist nämlich so, dass es tatsächlich keine wirkung ohne ursache geben kann, weil es (so wie geschichte das ist, was geschehen ist) der wirkung an sich bereits inhärent ist, dass sie, aus welchen gründen jetzt auch immer, bewirkt wurde. allerdings ist nihil fit sine cause nur solange richtig, wie es, weil sich die ursachen üblicher- und logischerweise vor den wirkungen ereignen, so etwas wie zeit überhaupt gibt. falls nun der urknall tatsächlich der beginn von zeit und raum ist, wird man die schöpfungsfrage überhaupt nicht lösen können. und tatsächlich geht es im ersten kapitel von candide um den satz vom zureichenden grund. nürnberg hauptbahnhof. fahrgäste bitte alle aussteigen.

4 Gedanken zu “was man über ursachen wissen kann

  1. Tiefschürfende Erkenntnisse. Was soll man auch sonst machen in Vach, um Vach und um Vach herum?

  2. Bitte vielmals um Verzeihung, aber das ist doch nur eine Sprachspielerei: »es ist nämlich so, dass es tatsächlich keine wirkung ohne ursache geben kann, weil es … der wirkung an sich bereits inhärent ist, dass sie … bewirkt wurde.« Die Frage scheint mir zu sein, ob sich etwas ohne zwingenden Grund ereignen kann. Logisch möchte man das natürlich sofort ausschließen, auch weil einem damit das ganze Apriori der Logik zerfällt. Es gäbe dann ja etwas nicht Folgerichtiges in der Welt. Das wäre, glaube ich, der Gipfel des Unheimlichen. Der pure Horror, weswegen wir immer erst beruhigt sind, wenn wir uns eine Erklärung zurechtgeschnitzt haben.
    Ich bin mir trotzdem nicht sicher, ob es Ereignisse ohne determinierenden Grund nicht doch geben kann. Möglicherweise befindet sich im menschlichen Kopf ein Beispiel für so etwas Paradoxes wie eine perfekte, tatsächliche Zufallsmaschine, die teilweise (!) nicht determinierte Ereignisse hervorbringt im magischen Magnetfeld zwischen Geist und Materie/Biochemie? Aufklärung darüber erwarte ich aber nicht mehr von der Philosophie … ein Philosophie, die die Folgerichtigkeit nicht folgerichtiger Ereignisse beweisen könnte … geht wohl nicht.

  3. Fritz, natürlich ist das nur eine Sprachspielerei! Nichts anderes wollte ich behaupten!
    Ich meine aber, sie ist treffend für die Weise, wie Denken und Wahrnehmung funktionierten. Man kategorisiert Ereignisse ja nach einem bestimmten Schema, das sich mittels Sprache recht schön durch diese W-Fragen darstellen lässt. Wer hat was getan, wann und wo ist es passiert, wodurch wurde das Ereignis ausgelöst, wozu führt es bzw. welcher Zustand ergibt sich daraus?
    Aus dieser Struktur kann ich mich nicht lösen. Genausowenig, wie ich mir Ereignisse ohne Ursache vorstellen kann, kann ich mir vorstellen, dass die Platzhalter für Ort und Zeit nicht gefüllt sind. Es gibt historische Ereignisse, von denen das nicht genau weiß (z.B. wissen wir nicht, in welchem Jahr und an welchem Ort Karl der Große geboren wurde), aber dann sind diese Daten eben »unbekannt« (und nicht »nicht existent«, weil Karl, ausgehend von allem, was wir über die Welt wissen, zwingend ein Geburtsdatum und einen Geburtsort haben muss). Die Platzhalter bleiben leer, werden aber nicht gestrichen.
    Trotzdem wage ich die vorsichtige Vermutung, dass es außerhalb dieser Weltwahrnehmung doch irgendetwas gibt. Aber um das zu beschreiben, gibt es eben keine Sprache. Beziehungsweise gibt es überhaupt kein Zeichensystem, das sowas leisten könnte (wenn es das gäbe, »dürfte« man durch Null teilen).
    Ich behaupte also, dass es eine Realität geben könnte, die ich nicht wahrnehmen kann. Wobei sich hier die Katze in den Schwanz beißt: Dass ich das postuliere, liegt nämlich genau an meiner Unfähigkeit, mir vorzustellen, die Welt könnte schlichtweg EINFACH SO aus NICHTS entstanden sein.

  4. »Aus dieser Struktur kann ich mich nicht lösen.« Ja, das ist wohl richtig. Selbst die größten Mystiker und sonstigen Anhänger magischer oder sogar non-kausaler Vorgänge bis hin zum »geistigen Heilen« kommen nicht umhin, ihre Ansichten so zu formulieren, dass sie Antworten auf solche W-Fragen geben. Oder wie Karl Kraus mal sagte: »Der Bürger duldet nichts Sinnloses im Haus«. (oder so ähnlich sagte er es, weiß nicht mehr)

    »Trotzdem wage ich die vorsichtige Vermutung, dass es außerhalb dieser Weltwahrnehmung doch irgendetwas gibt.« Auch diese Vermutung ist ein Resultat der üblichen Kategorien und der Erfahrung. Wir wissen: Es gibt immer etwas »dahinter«, hinter der Grenze, hinter dem Horizont. Also vermutet man auch etwas hinter dem Sichtbaren. Vielleicht muss man sich nicht fragen, wie man die Richtigkeit der Vermutung beweisen könnte, sondern nur, wie man die Berechtigung der Vermutung begründet.
    Mit würde dazu nur einfallen, dass die menschliche Grammatik mit ihrer Erfahrungs- und abstrakten Logik ein Evolutionäres Produkt ist, also ein Stück irdische Natur. Der menschliche Verstand ist demnach nichts außerhalb der Natur (nichts »Göttliches«), sondern ist evolutionär mit den Naturgesetzen verbunden. Das gibt dem Verstand seine gewisse Qualität als Erkenntnisinstrument innerhalb dieser Erfahrungswelt, an die er sich angepasst hat. An andere Welten, wenn es sie gibt, hat er sich nie anpassen müssen, da gäbe es sozusagen ein Entwicklungsdefizit.

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