bekenntnisse

verstörend, wie sehr dieser augustinus mich ansaugt. die lektüre der confessiones gleicht einer gehirnwäsche. noch bin ich agnostisch, aber wenn ich so weiterlese, wird in einiger zeit eine epiphanie eintreten. das liegt am satzbau. augustinus ist immer im flow, aber der flow ist an vielen stellen rastlos. er wirft mich beim lesen hin und her, weil widersprüchliche bilder aufgerufen, oft sogar genau benannt werden (süßigkeit wandelt sich in bitterkeit); ruhe tritt nur dann ein, wenn es um gott geht (sein gesetz ist die wahrheit). das ist gut ausgearbeitet, aber logisch: der typ war ja rhetoriker und kann das. er hat keine freundlichen augen, die mich erkennen, aber er fasst meine verlangende hand (zitat intended, vgl. satz 1).

»Das liebt man an den Freunden, und so sehr liebt man es, daß unser Gewissen sich Vorwürfe macht, wenn es den Wiederliebenden nicht liebt und den Liebenden nicht wiederliebt, ohne von ihm irgend etwas mehr zu verlangen als nur Zeichen seines Wohlwollens. Hierauf gründet sich jene Trauer, wenn ein Freund stirbt, und die finstere Nacht der Schmerzen und das blutende Herz, wenn die Süßigkeit sich in Bitterkeit gewandelt hat und der Tod der Lebenden durch den Verlust des Lebens der Sterbenden. Selig, wer dich liebt und den Freund in dir und den Freund um derentwillen. Der allein verliert keinen teuern Freund, dem sie alle teuer sind in dem, der nie verlorengeht. Das aber ist unser Gott, der Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat und sie erfüllt, weil er ihnen das Dasein gab, indem er sie erfüllte Dich kann nur der verlieren, der dich verläßt, und wer dich verläßt, wohin geht er, wohin flieht er denn als nur von dir, dem Liebevollen, zu dir, dem Zornigen? Wo stößt der Fliehende nicht auf dein Gesetz in seiner Strafe? Und dein Gesetz ist die Wahrheit und die Wahrheit bist du!«

– augustinus: confessiones. buch 4, kapitel 9 –

One thought on “bekenntnisse

  1. Ja, er lässt die Gedanken mehr strömen, als dass er sie »philosophisch« durchdenkt oder wirklich nach »Klarheit« strebt, weil ihm ja sowieso schon alles klar ist. Mit fällt die hypnotisierende Verbindung von Einfachheit und Verwirrung auf, wobei sich der Schreiber auch ein bisschen selbst verwirrt, das ist ihm aber egal, der »flow« ist ihm wichtiger. »… wenn es den Wiederliebenden nicht liebt« ist ja beispielsweise sehr merkwürdig, denn gemeint ist ja wohl der Widerliebende«, nicht der wiederholt Liebende (»…si non amaverit redamantem aut si amantem non redamaverit«). Aber was kann einen bedrücken, wenn man den Widerliebenden nicht liebt? A: »Ich liebe dich«. B: »Ich dich auch.« A (zur Seite, so dass A es nicht hören kann): »Ach so, ja, nein, Missverständnis, ich dich nicht.« Geht mir nicht so richtig in den Schädel ;)

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