jemand wartet

menschen, die sich einsam fühlen, erzählt man ja gerne, dass irgendwo jemand auf sie wartet. in meinem fall stimmt das tatsächlich: in erlangen wartet die institutsbibliothek darauf, dass ich eine b-signatur zurückbringe. aufklärung und moderne 20, ein band über kanonbildung und kulturelle identität. es geht darin unter anderem um die abhandlung de la littérature allemande von friedrich 2, »mit der er seine inkompetenz auf dem gebiet der deutschen literatur auf peinliche weise dekuvrierte.« schöner satz!

auch schön ist aber das labyrinth oder reise durch deutschland in die schweiz 1789 von jens baggesen, das ich glücklicherweise noch nicht wieder herausrücken muss, weil es offensichtlich nie nachgefragt wird. das wiederum ist schade, denn baggesens reisebeschreibung ist nicht nur unterhaltsam und angenehm zu lesen, sondern auch ein subversives stück text.

die reise beginnt in kopenhagen. zunächst muss ein pass ausgestellt werden – dieser vorgang erstreckt sich über sechs buchseiten und dauert damit länger als beispielsweise ein aufenthalt in einer stadt wie heidelberg. nun habe ich baggesens labyrinth nicht zufällig gelesen. ich war vor allem an seiner schilderung der frankfurter judengasse interessiert, und tatsächlich war das ein glückstreffer. obwohl es beim überfliegen der einschlägigen textstellen so wirkt, als liefere baggesen eine recht konventionelle beschreibung, steckt doch mehr dahinter. auf den ersten blick unterscheidet sich baggesens text wenig von anderen zeitgenössischen darstellungen jüdischer wohnverhältnisse, wie man sie etwa in goethes dichtung und wahrheit findet. bei goethe nämlich:

»Die Enge, der Schmutz, das Gewimmel, der Akzent einer unerfreulichen Sprache, alles zusammen machte den unangenehmsten Eindruck, wenn man auch nur am Tore vorbeigehend hineinsah.«

enge, schmutz und gewimmel/wimmeln sind in diesem zusammenhang typische kollokationen. das heißt, diese wörter finden sich überdurchschnittlich oft in solchen beschreibungen und bilden, wenn man sich das menschliche gehirn bildlich vorstellt, gemeinsam mit judengasse ein denkwölkchen.

obwohl goethes text ungefähr 20 jahre älter ist als das labyrinth,* können wir davon ausgehen, dass dieses denkwölkchen auch baggesen bekannt war. man erkennt das an folgender stelle:

»Ich habe Jerusalem niemals gesehen; doch – ob es nun von den geschmacklosen Häusern, den engen Straßen, dem großen Schmutz und den vielen Juden kommt, von denen es hier wimmelt, oder was immer die Ursache sein mag – gewiß ist, daß mir der Gedanke nicht aus dem Kopf will, Judas berühmte Hauptstadt müsse dieser Stadt sehr ähnlich gewesen sein […].«

hier wird also die gängige beschreibung einer judengasse auf das historische jerusalem übertragen. das bild ist natürlich schief, denn »judas berühmte hauptstadt« ist die königsstadt davids und salomos, in der es häuser aus zedernholz und mehrere tausend stellplätze für die wagenpferde des königs gegeben haben soll. im ersten buch der könige lässt sich nachlesen, wie prachtvoll dieses jerusalem war. andererseits aber ist das bild so schief vielleicht doch nicht. denn baggesen beschreibt hier gar nicht seinen eindruck von der frankfurter judengasse, sondern die stadt hamburg. das aber ist, hier die nächste wende, auch wieder falsch, weil es in hamburg kein ghetto gab, das mit dem frankfurter vergleichbar gewesen wäre. mir scheint es, als wäre es absicht, dass das negative jerusalembild bei baggesen nicht funktioniert, denn so lässt sich zeigen, wie unbegründet die zeitgenössische ansichten über juden sind. während in anderen texten aus dieser zeit behauptet wird, der zustand zum beispiel der frankfurter judengasse entspräche einem ›jüdischen naturell‹, wird das hier mit anderen gedanken kontrastiert, nämlich der historischen blüte des antiken judentums und dem schmutz der (christlichen!) handelsstadt hamburg. eine faszinierende, doppelbödige stelle innerhalb der reisebeschreibung, die ästhetisch gesehen interessanter ist als diejenigen, an denen baggesen offen partei ergreift. ich zitiere nun trotzdem aus einem dieser politisch-programmatischen abschnitte, weil baggesen da einige gedanken bringt, die man gar nicht oft genug lesen kann:

»Ist es möglich, daß man noch in unserem Jahrhundert – dem achtzehnten seit der Verkündung der Gesetze der allgemeinen, menschenbrüderlichen Liebe Jesu Christi – ein ganzes Volk, in Generationen von Generationen, mit all seinen geborenen und ungeborenen Individuen, für der menschlichen Gesellschaft nicht zugehörig ansehen kann? Ist es möglich, daß man noch in unserem Zeitalter eine Nation, welche physische und moralische Existenz mit allen anderen gemeinsam hat, für politisch nicht existent und zu ewigen Verbannung bestimmt ansehen kann?

nun aber doch noch zu baggesens eindruck von der frankfurter judengasse. um typische kollokationen ging es ja gerade schon. neben denen, die ich vorhin genannt habe, gibt es noch eine andere besonderheit, die in solchen beschreibungen gehäuft auftritt: die tiermetapher. tiermetaphern sind übrigens nicht grundsätzlich negativ. wer mal etwas über metaphern gelernt hat, wird sich vielleicht an den in der literatur gerne verwendeten beispielsatz achilles ist ein löwe erinnern. dass wir diese metapher als positiv empfinden, liegt an den attributen, die dem löwen zugeschrieben werden. er ist stark, mutig und majestätisch – metaphorisch zusammengefasst: der löwe ist der könig der tiere. im zusammenhang mit juden findet man aber ganz andere tiermetaphern. der bösartigste schnitt der deutschen filmgeschichte: ein fliegenschwarm am fenster. schon zu baggesens zeit: immer tiere, die im kollektiv auftreten. immer tiere, die beschwerlich fallen. ungeziefer. wer diese metaphern benutzt, will bewusst dehumanisieren.

baggesen aber ist ein echter fuchs. er hält sich an gewisse standards der gängigen tiermetaphorik und unterläuft sie gleichzeitig, indem er andere insekten wählt:

»Der entsetzliche Eingang zu diesem Frankfurter Gosen, den ich nicht besser als mit dem Flugloch eines Bienenkorbs zu vergleichen weiß – man betrachte ein solches recht genau und stelle sich die ein- und ausschwärmenden Bienen zu Husarenstaturen vergrößert vor!«

wie funktioniert diese metapher?
es gibt eine bestimmte quelldomäne, nämlich den bienenkorb oder, allgemeiner, bienen. dann gibt es die zieldomäne, die dadurch beschrieben werden soll, hier natürlich die judengasse oder, wieder allgemeiner, juden. der leser weiß über bienen, dass sie staatenbildende insekten sind. die naheliegendste eigenschaft der bienen ist ihr fleiß. sie werden »vom menschen gewartet« (so in adelungs wörterbuch) und sind dadurch nutztiere. das unterscheidet sich nicht nur gewaltig von der in vielen anderen texten üblichen ungeziefer-metapher; die bienen-metapher spielt gleichzeitig auf die zu dieser zeit öffentlich geführte diskussion über die rechtliche gleichstellung der jüdischen bevölkerung an. der bienenkorb des imkers entspricht in diesem bild der fürsorgepflicht des schützenden staates, der für alle untertanen verantwortlich ist. trotz dieser positiven richtung ist die bienen-metapher nicht vollkommen entfernt von bestimmten aspekten der negativmetaphern, denn auch bienen leben in schwärmen, sie brummeln, surren und wimmeln. daher muss ein unaufmerksamer leser sich an dieser stelle nicht stoßen. er kann darüber hinweglesen und dabei im günstigsten fall wohlwollende assoziationen aufschnappen, die vielleicht in seinem bewusstsein verbleiben.

und nun komme ich endlich zur conclusio: lest baggesen, leute! ER WARTET AUF EUCH!

* als dichtung und wahrheit veröffentlicht wurde, gab es die frankfurter judengasse nicht mehr (der ghettozwang wurde nach dem brand 1796 aufgehoben). goethe erzählt hier eine jugenderinnerung, die unter anderem von der lektüre der jüdischen merckwürdigkeiten johann jacob schudts geprägt sein könnte (die ich hier nicht verlinke, obwohl darin unter anderem erklärt wird, wie man drachenblut verwendet).

2 Gedanken zu “jemand wartet

  1. Pingback: Der Umblätterer » Friedwart Pfaiffenberger (1787): »Gottgetreu, oder die verhinderte Unthat«

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