cupido nicht okay

letzte woche habe ich eine stunde zeit in meine karriere im investigativen journalismus investiert und mich bei einem portal angemeldet, auf das ich durch twitter aufmerksam wurde, und das sich »okcupid« nennt.*

doch was hat meine recherche ergeben? hinter okcupid steckt eine maschine, die einerseits vorzüglich schmeichelt, denn ich soll knapp doppelt so nett sein, wie der durchschnittsmaschinennutzer es ist. andererseits hat sie sich gehörig im ton vergriffen. die maschine hat mir nämlich vorgeschlagen, mich mit genau denjenigen leuten zu treffen, für die ich an der uni immer nur ein müdes lächeln übrig hatte. damit meine leser sich etwas darunter vorstellen können, nenne ich diese leute mal »nerds, die optisch und sozial betrachtet echt hilfe brauchen und keine erfahrungen mit alkohol haben.« wer an einer philosophischen fakultät eingeschrieben war oder ist, wird wissen, welchen typus person ich meine. ist nicht schön.

wie aber kommt die maschine auf diesen schrägen trichter? die sache funktioniert so: man beantwortet fragen, und die eigenen antworten werden nach irgendeinem system mit den antworten anderer leute abgeglichen. so will die maschine feststellen, ob man romantisch oder freundschaftsmäßig miteinander harmoniert. das problem dabei ist, dass die fragen nichts taugen. sie lassen sich in drei gruppen einteilen:

#1 die erste gruppe fragen dient dazu, rassisten, homosexuellenhasser und andere miesmenschen auszusortieren. dafür aber brauche ich keine maschine, das schaffe ich auch selbst ganz gut. der trick dabei ist, sich auf partys nicht nur darüber zu unterhalten, dass man !als so ziemlich einziger mensch in der region! radiohead gut findet, um dadurch individuell zu wirken.

#2 durch die zweite sorte fragen lässt sich ermitteln, wer ebenfalls der katholischen sexualmoral folgt. weil das in die rubrik »dinge, die ich über leute nicht wissen will« fällt, habe ich diese fragen recht bald übersprungen.

#3 die restlichen fragen aber sind die schlimmsten. es sind fragen wie zum beispiel »folter durch den staat – ja oder nein?«, die ich nicht mit einem klick beantworten kann, weil man da verschiedene rechtsgüter gegeneinander abwägen und sich entscheiden muss, ob man moralisch oder juristisch argumentieren möchte. aber andererseits: nähme man die frage wörtlich, müsste man auf [ja] klicken. denn genau das ist ja die definition von folter (nach der UN), nämlich (verkürzt formuliert) quälen durch staatliche organe.
wenn also der staat nicht foltert, wer soll es bitte dann tun? ob das portal okcupid diese aufgabe übernehmen kann, werden zukünftige forschungen zeigen.

* mein account ist inzwischen wieder gelöscht.

2 Gedanken zu “cupido nicht okay

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