[nummer 807]

wie ich einmal nach dem umgang der literatur mit dem technischen fortschritt gefragt wurde, und welche antwort ich darauf gegeben habe:

Das Auftreten technischer Neuerungen ist in der Geschichte stets sowohl von ausdrücklicher Bejahung als auch von Kritik und Ablehnung begleitet. Dieses gespaltene Verhältnis zur Technik ist kein genuines Problem des modernen Menschen; es lässt sich nicht nur in der poetischen Literatur ab der beginnenden Moderne und in die Romantik hinein, sondern – kulturgeschichtlich betrachtet – auch weit darüber hinaus aufzeigen. Beispielsweise ist bereits die Einführung des Spinnrads in Europa im 13. Jahrhundert von Verboten begleitet. Die Antriebsfedern der Technik befürwortenden Seite bleiben dabei im Grunde dieselben; die Argumentation kann unter den Schlagworten Fortschritt und Arbeitserleichterung zusammengefasst werden. Die Einwände der Technikskeptiker verlagern sich im Lauf der Jahrhunderte hin zum Individuum. Zunächst wird, wie im Falle des Spinnrads, die Qualität der mechanischen Produktion angezweifelt. Für das Mittelalter und die Frühe Neuzeit muss hierbei allerdings beachtet werden, dass es sich um noch um feudale Ständegesellschaften handelt. Die Kritik, die in Quellen anhand der Verbote nachgewiesen werden kann, spiegelt somit die Interessen elitärer Gesellschaftsschichten und nicht die Interessen derjenigen wider, deren Arbeitsleistung durch das Spinnrad in Frage gestellt wird. Später, mit dem Eintritt in die arbeitsteilig organisierte Gesellschaft, werden soziale Verhältnisse zur Grundlage für Technikkritik, denn „[g]enerell muß jeder Einzelne, um sein Leben zu fristen, eine Funktion auf sich nehmen und wird gelehrt, zu danken, solange er eine hat.“ (Adorno) Die Maschinen, wie etwa der automatische Webstuhl, werden zur Konkurrenz für den Arbeiter, dessen materielle Lebensgrundlage – und daran anknüpfend seine Funktion in der Gesellschaft – nun bedroht ist; eine Entwicklung, die zur Triebkraft der britischen Maschinenstürmer wurde. Der Gedanke, der Stellenwert des Einzelnen in der Gesellschaft korrespondiere mit dessen Arbeitskraft, wird in der heutigen Zeit zusätzlich mit dem Begriff der Würde gekoppelt, wodurch auch eine Anschlussstelle für eine ethische Dimension der Technikkritik geöffnet wird.
Da es sich bei Literatur zwar um ein spezifisch ästhetisches, keineswegs aber um ein von anderen Kräften abgekoppeltes Diskurssystem handelt, positionieren sich poetische Texte zwangsläufig im Spannungsfeld zwischen Affirmation und Kritik. Eine einheitliche inhaltliche Ausrichtung sucht man vergebens – in jeder Epoche lassen sich sowohl Skeptiker als auch Befürworter ausmachen. So steht in der Romantik etwa die Ablehnung der Technik durch August Wilhelm Schlegel, der einwendet, „mit Mechanik, mit Manufakturen, mit Land- und Staatswirtschaft mach[e] man keine Gedichte“, einem Novalis gegenüber, der ungefähr zur selben Zeit notiert, „[a]uch Geschäftsarbeiten [könne] man poetisch behandeln.“
Interessanter als diese Auseinandersetzung auf der Inhaltsebene erscheint darum die Frage nach der Interaktion zwischen Technik und Literatur auf struktureller Ebene; inwiefern also technische Denkfiguren in andere Diskurssysteme einwandern und dort nutzbar gemacht werden. Diese Linie lässt sich anhand der Geschichte der Schreibautomaten und Sprachgeneratoren verfolgen, weil diese jeweils auf dem technischen Stand ihrer Zeit die Fragen nach Autorschaft und der Genese von Text und Textbedeutung verhandeln.

One Response to “[nummer 807]”

  1. dö Man Says:

    »Kann man das Gequatsche mal leiser drehen?« (oft erfolglose Denkfigur)

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