späte hand, spätes auge
wie ich einmal ein buch zu spät gelesen und mich dadurch um einen verweis gebracht, aber trotzdem ein warmes gefühl im nacken bekommen habe, und wie es sich über meine schultern ausgebreitet hat.
»Die Seiten des Buches sollen abhängig von der Anzahl der Leser variieren, dem Lesefluss wird keine Richtung vorgegeben, das Buch hat lediglich einen festen Einband, alles andere befindet sich immer im Fluss. Es handelt sich beim Livre also nicht um ein reguläres Buch, sondern vielmehr um ein virtuelles, um eine Art Hypertext oder eine Performance. […] Mallarmés Vorstellung, ein einziges Buch auf viele unterschiedliche Weisen zur Aufführung zu bringen, korrespondiert […] mit dem maschinellen Webstuhl, der im Frankreich des frühen 19. Jahrhunderts von Jean-Marie Jacquard entwickelt wurde. Dieser unterscheidet sich vom mechanischen Webstuhl durch den Einsatz von Lochkarten, die das automatische Weben von komplexen Mustern ermöglichen. Für konkrete Berechnungen ist der maschinelle Webstuhl freilich nicht zu gebrauchen, aber der Schritt zum Algorithmus ist, wie Charles Babbages – letztlich ebenfalls Vision gebliebene – Analytical Engine zeigt, nicht weit. […] Die Kalkulation des Livre umfasst jedoch nur die formale Rechenebene, die Autorität über den potenziellen Inhalt des Buches, der durch die stetige Variation entsteht, muss der Autor zumindest zum Teil abtreten; er ist wesentlich flüchtiger als beim linearen Text und eröffnet eine um Vielfaches größere Anzahl an möglichen Interpretationen.« (ich, kein titel, nürnberg 2010)
»Das Buch ist dem Handwerkszeug vergleichbar; so vollkommen es auch sein mag, es erfordert eine vollständige technische Beteiligung von seiten des Lesers. Die einfache Kartei gleicht schon einer manuellen Maschine, denn ein Teil der Operationen wird transformiert und virtuell in den Karteikarten aufbewahrt, die nur noch mit Leben erfüllt werden müssen. Die Lochkarten stellen eine weitere Stufe dar, vergleichbar der Stufe der ersten automatischen Maschinen. […] Das gleiche Prinzip hatte Jacquard bei den Webstühlen eingeführt, und es ist merkwürdig, daß es mehr als ein Jahrhundert dauerte, bis das Dokumentationssystem die Stufe erreichte, die in der Weberei schon im 19. Jahrhundert realisiert worden war.« (andré leroi-gourhan: hand und wort. die evolution von technik, sprache und kunst. frankfurt 1988. s. 330.)