in meiner schulzeit habe ich gelernt, dass es männliche bzw. stumpfe bzw. starke kadenzen und weibliche bzw. klingende bzw. schwache kadenzen gibt. inzwischen bin ich fertig ausgebildete germanistin, und die kadenzen werden immer noch so bezeichnet. das ist alles so krank, unheilbar krank.

zucker am morgen

nicht nur die rübenzuckerfabrikation ist faszinierend, auch die historischen alternativen zur runkelrübe sind ungemein spannend. eine davon ist natürlich der ahorn. man staune: »die procedur beim einkochen des saftes ist so sehr einfach, dass jeder landsmann sie unternehmen kann.« da aber das anlegen ausreichend großer, geeigneter ahornplantagen mindestens 25 jahre dauern würde, müssen andere pflanzen einer näheren betrachtung unterzogen werden. dies ist erstens der türkische weizen. aus ihm lässt sich einigermaßen gut süßer sirup kochen, und auch trockenen zucker kann man daraus herstellen. ist aber aufwendig und teuer, ein pfund rohzucker aus weizen kostet einen thaler. auch die zuckerherstellung aus bärenklau, weinmost, mangold und birkensaft ist wenig effizient – zu teuer oder mangelnde qualität. mit gelben rüben geht es gar nicht, der zucker aus roten rüben schmeckt nicht gut.
daher nun doch zurück zur runkelrübe. aus 125 pfund rüben (112 stück) erhält man 24 quart violetten, sehr süßen saft, der um ein drittel reduziert, gefiltert und mit 24 quart kalkwasser aufgekocht wird. der nun entstandene weingelbe saft wird nochmals gefiltert und nach dem abkühlen in mit glasstäbchen ausgelegten schalen verdunstet. nach nur acht wochen kristalliert er und legt sich an den stäbchen ab. voila, wir haben braunen zucker produziert, und das im jahr 1799.

auf den fall, daß ich nicht heyrathe

novalis, vorzügliches vorbild für alle lebenslagen, hat sich ja tatsächlich eine liste mit büchern angelegt, die er lesen wollte, auf den fall, daß er nicht heyrathe.
1. scriptores rerum germanicum.
2. sächsische geschichte.
3. gibbon
4. thucydidex.
5. livius.
6. tacitus. sallust.
7. schmidts geschichte der deutschen.
außerdem, falls es schlimmer wird, reisen nach leipzig, bamberg und jena. beruhigend, dass auch ich in diesen städten bei bekannten unterkommen könnte.

michel-nummer 1178

als ich vor zwei tagen aus unruhigen träumen erwachte, fand ich mich in meinem bett zu einem an briefmarken interessierten menschen verwandelt. meine rückseite hat sogar schon ein wenig klebstoff, den man in diesem fall gummierung nennt.

auch hier ein rückblick auf 2011

in zahlen
auslandsreisen: 2
vorübergehend adoptierte straßenhunde: 3
neue fahrräder: 2
leute kennengelernt, die mich nicht angerufen haben: 2
leute kennengelernt, die ich nicht angerufen habe: 1
einträge im literaturverzeichnis der magisterarbeit: 107

in worten
das beste lebensmittel: granatapfelsaft
am häufigsten gegessen: hüttenkäse
anschaffung, mit der niemand gerechnet hätte: gym-mitgliedschaft
neu entdecktes talent: knutschflecke überschminken
dieses jahr zum ersten mal gemacht: ein clubspiel besucht

top 5 der gelesenen bücher
danilo kiŝ: ein grabmal für boris dawidowitsch
roberto bolaño: ein stern in der ferne
georges perec: träume von räumen
christian kracht: ich werde hier sein im sonnenschein und im schatten
gore vidal: messias

logogriph vom 26.10.1811

Ihr liebt im Herbst uns Freudenborne sehr:
Ein Zeichen weg, so liebt ihr uns noch mehr.

Euch bin ich werth
Und hochverehrt. (1)
Lest mich verkehrt,
So muss ich hau´n
Und Häuser baun;
Ja, Mensch und Thier
Erliegen mir. (2)
Lest anders mich,
Wie bin dann ich
So fürchterlich
Bey Jagd und Krieg,
Und schaff´ euch Sieg,
Ach! oder droht
Euch Noth und Tod. (3)
Doch lebet ihr
Gern lang in mir. (4)

–aus dem morgenblatt für gebildete stände–

was man über ursachen wissen kann

vor wenigen tagen habe ich einige langärmlige kleidungsstücke in herbstfarben erworben. nun gehe ich sozusagen in laub gekleidet. am beginn dieser handlungsekette, die jetzt aber nicht en detail nachvollzogen werden soll, stand der vom deutschen wetterdienst angekündigte wetterumschwung. den meteorologen sei an dieser stelle für die anregung zur erweiterung meiner garderobe herzlich gedankt. weil ich also in einen kaufrausch verfallen war, besuchte ich außerdem meine drei liebsten buchsecondhandläden, um die neueingänge zu überprüfen. es ist anzunehmen, dass jemand in erlangen sich eine schöne voltaire-werkausgabe zugelegt hat, denn ich fand die insel-ausgabe von candide im regal. zack! gekauft und sogleich in der s-bahn gelesen. das buch ist, soweit ich das beurteilen kann, ziemlich gut, allerdings kam ich vorerst nur bis seite 11 (= textseite 3). auf der ersten seite passiert eigentlich noch gar nichts. in recht konventionellem und märchenonkelhaften ton wird dem leser dort der titelgebende protagonist vorgestellt: »er war arglosen gemütes und hatte gesunden menschenverstand, und aus diesem grunde wurde er wohl auch candide genannt.« das ist nicht gerade neu, aber trotzdem ziemlich gut und vor allem traditionsreich. man erinnert sich natürlich sofort an gottfried: »nu heizet triste triure, und von der âventiure sô wart daz kint tristan genant, tristan getoufet al zehant.« super gemacht, voltaire! eine der besten mittelhochdeutschen dichtungen einfach mal en passant anzitieren, gefällt mir! dies waren meine gedanken von erlangen bahnhof bis eltersdorf. irgendwo zwischen eltersdorf und vach blätterte ich um auf textseite 2, wo meine durch den tristanstoff sehr hochgeschraubten erwartungen vollkommen erfüllt wurden. zunächst wird candides familie vorgestellt. das ist nicht so interessant, aber immerhin lustig, und bereitet vor allem überhaupt nicht auf den unglaublich starken satz vor, der sich von textseite 2 auf textseite 3 hinüberschlängelt. der wichtigste teil dieses satzes ist dieser: »er wies in vortrefflicher weise nach, dass es keine wirkung ohne ursache gäbe […].« tief erschüttert dachte ich bis nürnberg hauptbahnhof über meinen agnostizismus nach. es ist nämlich so, dass es tatsächlich keine wirkung ohne ursache geben kann, weil es (so wie geschichte das ist, was geschehen ist) der wirkung an sich bereits inhärent ist, dass sie, aus welchen gründen jetzt auch immer, bewirkt wurde. allerdings ist nihil fit sine cause nur solange richtig, wie es, weil sich die ursachen üblicher- und logischerweise vor den wirkungen ereignen, so etwas wie zeit überhaupt gibt. falls nun der urknall tatsächlich der beginn von zeit und raum ist, wird man die schöpfungsfrage überhaupt nicht lösen können. und tatsächlich geht es im ersten kapitel von candide um den satz vom zureichenden grund. nürnberg hauptbahnhof. fahrgäste bitte alle aussteigen.

thomas hobbes erklärt rtl2

»Sudden glory is the passion which maketh those grimaces called laughter; and is caused either by some sudden act of their own that pleaseth them; or by the apprehension of some deformed thing in another, by comparison whereof they suddenly applaud themselves. And it is incident most to them that are conscious of the fewest abilities in themselves; who are forced to keep themselves in their own favour by observing the imperfections of other men. And therefore much laughter at the defects of others is a sign of pusillanimity. For of great minds one of the proper works is to help and free others from scorn, and compare themselves only with the most able.«
– aus dem leviathan –

wie man einen leser neugierig macht

A n z e i g e n
Es ist den 6ten Mai ein Schreiben von einem Ungenannten mit der Chorener Post an mich eingegangen. Bis jetzo ist meine Mühe, den Absender dieses ohne Namen und Ort an mich gerichteten Schreibens zu erfahren vergeblich gewesen. Ich wähle dahero die öffentlichen Blätter, um dem Absender des an mich gerichteten Schreibens, welcher sich im Dunkeln zu verbergen sucht, hiermit zu antworten, und ihn aufzufordern, sich bei mir in Rakschütz bei Neumarkt in Niederschlesien schriftlich mit Bekanntmachung seines Namens und Wohnortes, oder persönlich zu melden, wo ich ihm das Gegentheil seiner unergründlichen Vermuthungen beweisen werde. Sollte er das Licht scheuen, so erkläre ich hiermit den Inhalt seines Schreibens für das was er ist, für Erdichtung. Rakschütz den 10ten Junii 1802.
von Debschitz
– aus den berlinischen nachrichten von staats- und gelehrten sachen, no. 78. donnerstag, den 1sten julii 1802 –

wie man über andere zeitungen schreibt

Paris, vom 22. Junius

Zuförderst wollen wir bemerken, daß in den neuesten Pariser Zeitungen bis zu obenstehendem Datum, namentlich in dem Amtsblatt der Regierung, dem Moniteur, der in Nantes erschienenen Unterhandlungen des General Leclerc mit Touissant noch mit keinem Worte erwähnt wird, wodurch wir jedoch die Zuverlässigkeit oder auch nur die Wahrscheinlichkeit desselben keineswegs verdächtig machen wollen. Aber auch außerdem enthalten jene neuesten Berichte aus Paris durchaus nichts für das Ausland Merkwürdiges.

– aus den berlinischen nachrichten von staats- und gelehrten sachen, no. 78. donnerstag, den 1sten julii 1802 –

bekenntnisse

verstörend, wie sehr dieser augustinus mich ansaugt. die lektüre der confessiones gleicht einer gehirnwäsche. noch bin ich agnostisch, aber wenn ich so weiterlese, wird in einiger zeit eine epiphanie eintreten. das liegt am satzbau. augustinus ist immer im flow, aber der flow ist an vielen stellen rastlos. er wirft mich beim lesen hin und her, weil widersprüchliche bilder aufgerufen, oft sogar genau benannt werden (süßigkeit wandelt sich in bitterkeit); ruhe tritt nur dann ein, wenn es um gott geht (sein gesetz ist die wahrheit). das ist gut ausgearbeitet, aber logisch: der typ war ja rhetoriker und kann das. er hat keine freundlichen augen, die mich erkennen, aber er fasst meine verlangende hand (zitat intended, vgl. satz 1).

»Das liebt man an den Freunden, und so sehr liebt man es, daß unser Gewissen sich Vorwürfe macht, wenn es den Wiederliebenden nicht liebt und den Liebenden nicht wiederliebt, ohne von ihm irgend etwas mehr zu verlangen als nur Zeichen seines Wohlwollens. Hierauf gründet sich jene Trauer, wenn ein Freund stirbt, und die finstere Nacht der Schmerzen und das blutende Herz, wenn die Süßigkeit sich in Bitterkeit gewandelt hat und der Tod der Lebenden durch den Verlust des Lebens der Sterbenden. Selig, wer dich liebt und den Freund in dir und den Freund um derentwillen. Der allein verliert keinen teuern Freund, dem sie alle teuer sind in dem, der nie verlorengeht. Das aber ist unser Gott, der Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat und sie erfüllt, weil er ihnen das Dasein gab, indem er sie erfüllte Dich kann nur der verlieren, der dich verläßt, und wer dich verläßt, wohin geht er, wohin flieht er denn als nur von dir, dem Liebevollen, zu dir, dem Zornigen? Wo stößt der Fliehende nicht auf dein Gesetz in seiner Strafe? Und dein Gesetz ist die Wahrheit und die Wahrheit bist du!«

– augustinus: confessiones. buch 4, kapitel 9 –

wie man sich richtig unterhält

»Darauf gingen wir in die Fakultät für Sprachen, wo drei Professoren darüber berieten, die Sprache ihres eigenen Landes zu verbessern. Das erste Projekt bestand darin, die Rede dadurch abzukürzen, daß man vielsilbige Wörter zu einsilbigen beschneidet und Verben und Partizipien ausläßt, da alle vorstellbaren Dinge in Wirklichkeit ja doch nur Hauptwörter seien. Das zweite Projekt war ein Plan zur völligen Abschaffung aller Wörter überhaupt, und man machte geltend, daß das außerordentlich gesundheitsfördernd und zeitsparend wäre. Denn es ist klar, daß jedes Wort, das wir sprechen, in gewissem Maße eine Verkleinerung unserer Lungen durch Abnutzung bedeutet und folglich zur Verkürzung unseres Lebens beiträgt.«
– aus jonathan swift: gullivers reisen –

was man über kisten wissen muss

Am Hafen von Genua sind Facchini thätig, die kleine Papp-Kisten in ein Boot verladen. Das Verladungs-System ist ebenso prompt wie einfach. Man wirft die Kisten die kleine Steintreppe herunter, an deren Fuß das Boot hält. Können sie aber dabei nicht ins Wasser fallen? Gewiß, das können sie, und das thun sie auch öfter. Dann werden sie mit großem Lärm herausgefischt, und die Heiterkeit unter den wackeren Hafenarbeitern erreicht ihren Höhepunkt. Der wahre Humor von der Sache aber ist ihnen nicht zugänglich. Dieser wahre Humor besteht nämlich darin, daß auf jede dieser Kisten, die die Steintreppe herunterkugeln, in deutscher Sprache das Wort »Z e r b r e c h l i c h!« gemalt ist.
– aus paul goldmann: ein sommer in china –

cavazzoni: mitternachtsabitur

»Das kennt man doch aus Träumen: Plötzlich soll man das Abitur nachholen.« – so beginnt der text, der mir den kauf von ermanno cavazzonis mitternachtsabitur schmackhaft machen soll.
aber ja doch, das nehme ich mit, denn tatsächlich leide auch ich unter dieser krankheit: schon lange bin ich für germanistik eingeschrieben und cresciere, floriere, brilliere. aber vorsicht, die ständeklausel! auf dem höhepunkt meines schaffens angelangt, stellt sich heraus, dass ich in wirklichkeit gar kein abitur habe. in biologie durchgefallen. der gesamte biologieunterricht ab der achten klasse inklusive der abiturprüfung muss jetzt wiederholt werden, und die tragödie nimmt ihren lauf.
seit letzter nacht aber bin ich rekonvaleszent. das erste mal überhaupt in diesen träumen musste ich nicht wieder in die schule gehen, sondern nur die abiturprüfungen wiederholen. ich interpretiere also noch einmal nelly sachs, diskutiere noch einmal das für und wider der fraktionsdisziplin, übersetze einen englischen text über einwanderungspolitik und stöpsle in der mündlichen prüfung irgendwas über das ökosystem wasser zusammen. jemand, den ich gut finde, holt mich vom prüfungsmarathon ab, und es stellt sich heraus, dass ich alles mit 1,0 bestanden habe. ja weißt du, sage ich zur netten begleitung, das ist doch kein wunder. ich bin jetzt 28 und fühle mich langsam zu alt für diesen quatsch. natürlich kann ich das alles. noch nie habe ich mich so erwachsen gefühlt. jede zelle meines körpers ist graduiert.
und letztendlich habe ich cavazzoni zitiert, in diesem befreienden traum: »Das ist doch Quatsch«, sage ich, »hören Sie auf!«

riefenstahl und rockmusik

zur stunde erbauen zehntausende fanatische anhänger der rockmusik in nürnberg eine gigantische zeltstadt. alljährlich versammelt sich die jugend des partyvolks am reichsparteitagsgelände, um den kultfilm triumph des willens an den historischen originalschauplätzen nachzustellen.
– von harry giese gesprochen –