von deutscher universität
Donnerstag, 12. Januar 2012, 4.47 Uhrüber den online-katalog der DNB bin ich heute – eigentlich hatte ich nach etwas ganz anderem gesucht – auf ein print-on-demand gestoßen. es handelt sich dabei um eine magisterarbeit, die vom autor auf einer dieser allseits bekannten plattformen für studienarbeiten eingestellt wurde. sie wurde an einer deutschen universität eingereicht und mit der note 2,0 bewertet (das sind die angaben, die auf dem deckblatt stehen). auf der plattform kann man ungefähr das erste fünftel der arbeit lesen, ohne dafür zu bezahlen, via google books noch einiges mehr. weil das thema der arbeit ganz interessant klang, habe ich angefangen, darin zu schmökern.
drei stunden später sitze ich immer noch hier und fixiere in schockstarre das browserfenster. die arbeit ist, um es mal vorsichtig auszudrücken, vollkommen unterirdisch.
das thema an sich ist eigentlich gar nicht mal schlecht und kann durchaus so vergeben werden. daraus geworden ist aber eine katastrophe. da wird zum beispiel eine bestimmte epoche skizziert; und zwar wird lehrbuchwissen erzählt, ohne eine einzige fußnote zu setzen. etwas später werden einzelne vertreter der epoche vorgestellt. zu den lebensläufen: keine fußnote. besprochene primärtexte: keine fußnote, keine literaturangabe im fließtext, nichts. vereinzelt direkte zitate aus den primärtexten: keine fußnote. die interpretation der primärtexte erfolgt in eigenregie, sekundärliteratur wird ignoriert. am ende der arbeit findet sich ein kurzes literaturverzeichnis, in dem handbuchtitel auftauchen, die offensichtlich benutzt, aber nie erkennbar zitiert wurden. die sprache ist unwissenschaftlich, die kommasetzung ist mangelhaft.
für mich ergeben sich hier zwei fragen.
erstens: wie ist es möglich, dass jemand diese arbeit als magisterarbeit einreicht und auch noch im internet veröffentlicht, sich also vermutlich nicht im klaren darüber ist, wie problematisch sie ist?
zweitens: wie ist es möglich, dass jemand diese arbeit als magisterarbeit akzeptiert und auch noch mit der note ›gut‹ bewertet, sich also offensichtlich ebenfalls nicht im klaren darüber ist, wie problematisch sie ist?
üblicherweise sind während des studiums bereits in den ersten semestern schriftliche hausarbeiten erforderlich, um einen seminarschein zu bekommen. in den ersten semestern sind die themen dabei noch nicht so anspruchsvoll, weil es in erster linie darum geht, bestimmte arbeitstechniken einzuüben. wenn zum beispiel das thema »das bergwerk in den erzählungen der deutschen romantik« vergeben wird, zu dem es sekundärliteratur in hülle und fülle gibt, dann geschieht das, damit der wissenschaftliche nachwuchs lernt, eben diese sekundärliteratur zu finden und damit zu arbeiten.
bereits nach der ersten hausarbeit wird also klar, ob jemand eine bibliothek benutzen, fußnoten setzen und ein literaturverzeichnis schreiben kann oder nicht. wenn die studierenden das können, ist eigentlich alles tutti. wenn sie es nicht können, dann hat man ihnen – UND DAS JETZT BITTE MITSCHREIBEN UND AUSWENDIG LERNEN – die arbeit mit der bitte um überarbeitung zurückzugeben, damit sie lernen, wie es richtig geht. weil es gerade im grundstudium unerlässlich ist, dass lehrperson und student_in die eingereichte arbeit gemeinsam durchsprechen, sollten scheine nicht kommentarlos im sekretariat hinterlegt, sondern persönlich in der sprechstunde ausgegeben werden. studierende mit schlechten leistungen brauchen hilfe, weil sie oft gar nicht wissen, was sie falsch gemacht haben. ich kenne tatsächlich jemanden, der noch im hauptstudium nicht wusste, dass ein literaturverzeichnis alphabetisch geordnet wird, aber überaus davon profitiert hätte, wenn ihm mal jemand gesagt hätte, dass das so, wie er es macht, einfach nicht geht. natürlich sind studierende erwachsene menschen, die etwas eigeninitiative zeigen sollten, aber wer nicht weiß, wie er sich verbessern kann, weil die benotung nicht transparent war, der wird sich oftmals nicht verbessern. so kommt es zur GAS, zur größten anzunehmenden schrottarbeit. die hemmschwelle, nach einer schlechten note in die sprechstunde zu gehen und nach dem grund dafür zu fragen, ist nach meinen erfahrungen ziemlich hoch. übrigens profitieren auch gute studierende von solchen besprechungen.
ich kenne beide seiten: während meines in den sand gesetzten studiums der politikwissenschaft wäre es ganz phantastisch gewesen, wenn ich mal eine anleitung zum wissenschaftlichen arbeiten bekommen hätte. leider habe ich mich damals nicht getraut, zu jemandem in die sprechstunde zu gehen und danach zu fragen, wie man eigentlich schreibt. und höhere semester, die mir hätten helfen können, kannte ich nicht. später dann, als ich mich neu orientiert hatte und erfolgreich war, war jedes lob und jede einladung zu sommerschulen eine motivation, noch besser zu werden. und bisher habe ich niemanden kennengelernt, der sich darüber beschwert hätte, für ein stipendium vorgeschlagen zu werden.
ein weiteres problem neben dem mangelnden feedback ist die derzeitige praxis der notengebung. natürlich hätte die magisterarbeit, die ich vorhin vorgestellt habe, nie so eingereicht werden dürfen. noch schlimmer ist aber, dass sich ein berufsversager findet, der auf eine arbeit, die jeden grundsatz des wissenschaftlichen arbeitens verletzt, eine 2 gibt. die note ›gut‹ wird nämlich vergeben für – zitat aus so gut wie allen magisterprüfungsordnungen deutschlands – »eine leistung, die erheblich über den durchschnittlichen anforderungen liegt.« zumindest ist das in der theorie so. tatsächlich aber verhält es sich so: während man sich zu schulzeiten noch über eine 2 gefreut hat, ist diese note im studium an vielen fakultäten schon eher der mittlere bis untere durchschnitt (hier eine statistik dazu: http://www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/7769-07.pdf) – zumindest war das in den magisterstudiengängen so.*
trotz dieser noteninflation habe ich noch nie eine so offensichtliche fehlbeurteilung gesehen. so leid es mir tut, die arbeit hätte allein aufgrund des fehlens jeglicher literaturverweise nicht angenommen werden dürfen. wenn ich daran denke, dass dafür vermutlich ein magistergrad verliehen worden ist, kann ich die leute verstehen, die pampig ihre bundesverdienstkreuze zurückgeschickt haben, nachdem sie, vorsicht metapher, angefangen haben, die bei supermarkteröffnungen als werbegeschenk zu verteilen.
vermutlich wäre es dem autor durchaus zuzutrauen, mit etwas übung eine vernünftige magisterarbeit zustandezubringen, die die note ›gut‹ verdient, aber dazu bräuchte es lehrpersonal, das seine verantwortung ernst nimmt und darauf hinweist, dass das, was geschrieben wird, auch belegt werden muss.
* mit der neustrukturierung des studiums, also der einführung von B.A. und M.A., scheint sich das zu ändern. durch meine stelle bekomme ich einige notenübersichten zu sehen, der durchschnitt liegt inzwischen meistens eher bei 2,x, wobei ich diese entwicklung hauptsächlich darauf zurückführen würde, dass in den bachelorstudiengängen wesentlich mehr klausuren und stattdessen weniger hausarbeiten geschrieben werden als früher. dass inzwischen eine realistischere leistungsbewertung stattfindet, ist eine gute entwicklung – dass schriftliche hausarbeiten im grundstudium durch klausuren zumindest teilweise umgangen werden könnten, ist ärgerlich. die fähigkeit, wissenschaftlich zu arbeiten, entwickelt sich nicht durch auswendiglernen, sondern durch routine und behutsam geführter anleitung zur selbständigen problemlösung.

