im korbstuhl

Mittwoch, 10. März 2010, 12.27 Uhr

gestern hatte ich einen dieser seltenen momente, in denen ich mir einbilde, dass sie mir tatsächlich was beigebracht haben an dieser universität. der moment ereignete sich im music&books in der nürnberger innenstadt und war so schön, dass ich mich erstmal in einen korbstuhl setzen musste. ich hatte gerade ein band sealsfield, charles sealsfield, aus dem regal gegriffelt und angefangen, darin herumzuschmökern. während ich also schmökerte, fand ich darin eine vollkommen übertrieben hymne auf walter scott. »Ich kenne wieder keinen Schriftsteller, der von der Heiligkeit seines Berufes mehr durchdrungen gewesen wäre, als Walter Scott es in seinen ersten dreizehn Romanen war.« »In der Mannigfaltigkeit seiner Charaktere ist ihm nur Shakespeare überlegen, in der ruhigen klaren Weltanschauung erreicht ihn nur sein Zeitgenosse, der deusche Göthe.« das ist auch für 1835 eine ziemlich steile these, außerdem ein affront gegen shelley, aber den scheint er sowieso nicht zu mögen, jedenfalls gibt es angeblich keine annehmbare englische faust-übersetzung. einen wahren kern hat das kuriosum aber doch. walter scott war für viele autoren durchaus stilprägend, sogar für heinrich heine, der den scott prinzipiell ganz gerne mochte, obwohl er inhaltlich mit einigem gar nicht einverstanden war. nehmen wir zum beispiel den ersten satz aus scotts ivanhoe: »In that pleasant district of merry England which is watered by the river Don, there extended in ancient times a large forest, covering the greater part of the beautiful hills and valleys which lie between Sheffield and the pleasant town of Doncaster.« dann eine beschreibung von rittersitzen und schlössern. zum vergleich der erste satz aus heines rabbi von bacharach: »Unterhalb des Rheingaus, wo die Ufer des Stromes ihre lachende Miene verlieren, Berg und Felsen, mit ihren abenteuerlichen Burgruinen, sich trotziger gebärden, und eine wildere, ernstere Herrlichkeit emporsteigt, dort liegt, wie eine schaurige Sage der Vorzeit, die finstre, uralte Stadt Bacherach.« dann eine beschreibung von türmchen und zinnen. an all das dachte ich in meinem korbstuhl.

the opera to relax¹

Dienstag, 16. Februar 2010, 1.31 Uhr

endlich wieder ein lebenszeichen von dem nachbarn, der nachts gerne laut opern hört. ich hab mir solche sorgen gemacht!

¹ eine musikgruppe.

in terro bang bang

Sonntag, 14. Februar 2010, 21.19 Uhr

mein lieblingssatzzeichen ist der strichpunkt, das zweitliebste der punkt. ausrufezeichen setze ich spärlich; wenn ich’s tue, ist es meistens ein ironiemarker, mit dem ich überspielte begeisterung zu verschriftlichen suche. zwei oder mehr ausrufezeichen hintereinander sind für mich das geschriebene äquivalent zum tirilierenden handtaschenschlenz, gehen also gar nicht. zumindest war das bisher so. in letzter zeit aber habe ich öfter post von wirklich netten und klugen leuten bekommen, die dazu neigen, ihre briefchen recht heftig mit satzzeichen durchzusalzen, und mich ein bisschen davon anstecken lassen. wisst ihr, wie befreiend es sich anfühlt, ein interrobang zu tippen?! es ist phantastisch! ungefähr so, wie wenn man sich im kino einen kinderfilm anguckt, und es sind so viele kinder im saal, die jubeln und laut lachen, dass man auch jubeln und laut lachen kann, wenn einem danach ist, weil’s eh keinem auffällt, und man ist sorglos, und das gefühl ist ganz groß.

wortkritik

Montag, 25. Januar 2010, 23.03 Uhr

schönes wort mit hässlichem denotat: hirschgeweihlenker.

how they scare me when they chime

Montag, 25. Januar 2010, 22.36 Uhr

ach ja, biomasse. eine meiner lieblingsdiskussionen auf indymedia drehte sich dereinst um die frage, welche räumliche position »sich als männer definierende biomänner« auf antisexistischen demonstrationen mit »stark feministischem ansatz« einzunehmen haben. ich lese sie ab und zu nach, um mir in erinnerung zu rufen, dass ohne sakrament auch das sakrileg reizlos ist.

ich-lastiges

Montag, 11. Januar 2010, 23.48 Uhr

insgeheim glaube ich nicht, dass es einen nennenswerten unterschied zwischen virtueller und realer identität gibt; beziehungsweise bin ich der ansicht, dass ich nur 1 identität habe, und meine virtuelle identität auch nix anderes ist als ich halt in echt, wie ich so kram ins internet tippe. daraus folgt, dass ich beispielsweise auch die biomasse eines forentrolls für ein mittelgroßes arschloch halte, weil’s nicht so nett ist, leuten aus spaß an der bosheit sachen kaputtzumachen. leider kann ich diese steile these nicht weiter ausführen, weil ich nun meine foxi-identität ausziehen und mich in die mir eigene telefonidentität hüllen muss, um einen anruf zu erledigen.

bücher scrobbeln

Sonntag, 3. Januar 2010, 19.13 Uhr

wie eine playlist print mit tags aussehen könnte:

  • jane smiley: moo. (campus, usa, lustig)
  • roger peyrefitte: heimliche freundschaften. (katholisch, gay)
  • stefan heym: der könig david bericht. (judaica, historisch, ddr)
  • t cooper: lipshitz. (judaica, postmodern, historisch, usa)
  • annie proulx: das grüne akkordeon. (usa, historisch)
  • leo perutz: nachts unter der steinernen brücke. (judaica, phantastisch, historisch)
  • harry kemelman: am dienstag sah der rabbi rot. (campus, judaica, usa, krimi)
  • italo calvino: der ritter, den es nicht gab (phantastisch, historisch, lustig)
  • zadie smith: on beauty (usa, campus)
  • charles simmons: belles lettres (literaturbetrieb, lustig, slightly gay)
  • myla goldberg: bee season (judaica, usa, lustig)
  • jörg uwe sauer: traumpaar. (campus, lustig)
  • evelyn waugh: helena. (katholisch, historisch)
  • jens sparschuh: der zimmerspringbrunnen. (lustig, ddr)
  • insiderbericht

    Donnerstag, 31. Dezember 2009, 0.42 Uhr

    nehmen wir für einen augenblick an, ich sei dankbares objekt der ehrenwerten fürsorge diverser einrichtungen der begabtenförderung, hätte ergo einblick in gewisse seilschaften. dort hätte man mir eingeschärft, möglichst als zweiter kandidat in eine prüfung zu gehen, denn beim ersten prüfling wird die notenskala noch nicht ausgeschöpft, man kriegt ergo keine eins, und mit jedem späteren termin steigt die wahrscheinlichkeit, dass ein besserer vor einem dran war. nicht, dass das was helfen würde, wenn von einer sehr langen reihe sehr toter germanisten der ältere und der jüngere stephanie, auerbach und hölderlin (wieland und freytag wären auch möglich) komplett durchgeprüft werden. da kann man eigentlich nur scheitern, und dann schnappt das historische fangeisen, das obligatorisches requisit jeder einzelnen radikalprüfung ist, zu, und es steigt ein geruch auf, der ein bisschen an den eines auf einem edelstahltopf scheuernden stahlschwämmchens erinnert. in diesem stilvollen ambiente muss ich dann den unterschied zwischen objektiv und agentiv in einer ziemlich speziellen grammatiktheorie erklären. wenn ich versage, wird mir die kantinenkarte entzogen, und ich werde nie wieder in der palmeria essen können. obwohl ich die frage im wachzustand beantworten könnte, zerbreche ich an dieser drohkulisse.

    jahresrückblick 2/12

    Dienstag, 29. Dezember 2009, 20.27 Uhr

    januar.
    komme schnell darüber hinweg, die neujahrsansprache der bundeskanzlerin verpasst zu haben. stelle außerdem fest, dass die epoche der romantik an sich ein einziger coming-of-age-roman ist. und ich fahre mit einem bus nach erlangen, es ist die linie 30, was mich übellaunig stimmt, denn sie unterbricht die fahrt an jeder haltestelle, um weitere reisende aufzunehmen, deren ausgeatmete luft ich inhalieren muss; diese fahrt erscheint mir ewig. in die beschlagene Scheibe hat jemand mit einem harten gegenstand, vielleicht mit einem schlüssel, »KILL« eingeritzt. vielleicht war es ein abgebrochener fahrradschlüssel; seinen besitzer haben die umstände der busfahrt ebenso verbittert wie mich; viel lieber wäre er mit dem rad nach erlangen gefahren, wobei er sich unsagbar frei gefühlt hätte, vielleicht ein romantiker, doch die zu energische bewegung beim aufsperren des schlosses hat dies verhindert. die gespräche der anderen reisenden fressen sich in meinen gehörgang; wäre mein mp3player funktionsfähig, das heißt, hätte ich daran gedacht, den akku aufzuladen, könnte ich mich diesen gesprächen entziehen und ein hörspiel hören, »vermisste kids und killerpflanzen« beispielsweise böte sich an. die schlagzeile der bildzeitung des bemützten mir schräg gegenüber informiert mich über den gesundheitszustand petra schürmanns. das sprechen ist ihr inzwischen unmöglich, ein schicksal, welches theoretisch auch jeden meiner mitreisenden ereilen könnte. dieser gedanke stimmt mich weniger traurig, als das sittlich-moralische empfinden und meine ausbildung in moralphilosophie auf m.a.-niveau es mir nahelegen. der umstand hingegen, mich nicht in der linie 30E zu befinden, grämt mich sehr, denn die linie 30E hätte mir inzwischen drei minuten dieser busfahrt erspart, welche nun noch vierzehn minuten andauern wird. später im januar ereignet sich in erlangen »die« szene mit hildegard. ich war aber nicht dabei, denn ich habe zuhause im schlafanzug einen tausendwörterbrief über den geschmack von gin verfasst. und abgeschickt. als antwort erhalte ich eine ähnlich lange epistel, die größtenteils aus schmähkritik an meinem idol rufus wainwright besteht.

    sun is the same in a relative way

    Dienstag, 22. Dezember 2009, 13.43 Uhr

    es gibt leute, die nie lernen werden, was gut für sie ist. anscheinend gehöre auch ich dazu, denn ich habe mich gestern allen widerständen zum trotz durch ein in der innenstadt lokalisiertes bekleidungsgeschäft »bewegt«, um mich dort an der zunächst kürzesten, zwei minuten nach meinem eintreffen allerdings bereits längsten schlange für ein schwarzes hemd im warenwert von fünfzehn euro (materialwert geschätzt zwei euro; eigentlich habe ich davon aber keine ahnung, also bitte einfach irgendeine in diesem zusammenhang irrwitzig wirkende zahl ausdenken) anzustellen. ehrlich gesagt hatte ich bereits keinen nerv mehr, weiter in diesem moloch auszuharren, als die schlange noch nicht die allerlängste schlange geworden war, und lediglich bösartigkeit und nichtgönnenwollen haben mich davon abgehalten, meinen warteplatz aufzugeben. auf freudegeräusche von aufatmendem menschenfleisch hinter mir, das häppchenweise eins weiter vor rückt, hatte ich noch weniger lust. und letztlich war es doch ein ganz schönes erlebnis, denn schräg vor mir stand ein mädchen, das offensichtlich auch schwerstens über gefühle von lust und unlust am sinnieren war. ich weiß, dass das kackstmieses deutsch ist, aber ich gönne mir sowas zwischendurch gerne als stilmittel. dafür bin ich nicht gern gesehener stammkunde in den ohnehin spärlich verteilten pommesbuden dieser stadt. nachdem das also geklärt ist, weiter mit dem mädchen. das sagte nämlich folgendes: »irgendwie krass. wenn man keinen bock auf weihnachten hat, geht es voll schnell. und wenn man voll bock drauf hat, geht es echt langsam.« faszinierend! obwohl ich schon sehr viel gesehen habe, zum beispiel technikphilosophen, und auch personen, die einander beim radfahren herzen, umarmen und küssen, bin ich noch nie zuvor zeuge geworden, wie jemand die subjektivität der zeitlichen erfahrung entdeckt hat. aber ich will das öfter erleben. es war wunderschön.

    jahresrückblick

    Samstag, 19. Dezember 2009, 23.42 Uhr

    juni.
    verliere meinen arbeitsplatz, weil »der flow nicht mehr stimmt«. darf, ausgleichende gerechtigkeit, exorbitantes schnittchenbuffet niedermachen, frage im rahmen dieses gelages einen leibnizpreisträger, ob er townes van zandt auch so tierisch geil findet. erhalte negative antwort (»Sie halten mich jetzt für einen schlechten menschen, aber ich konnte da nie einen zugang finden«). scheitere außerdem am versuch, die rechenleistung meines gehirns zu bestimmen. kann also nur vermuten, ganz vorne mit dabei zu sein. schreibe zum trost eine fanfiction über novalis. feiere mit der ganzen familie mühlentag. beginne lektüre von peyrefittes alexander und stelle dabei fest, dass die geißelung der epheben nicht zu meinen lieblingsritualen gehört. plane große monographie über den unterschied zwischen glaukon und glaukom, auf welche die fachwelt bis heute warten muss. schreibe stattdessen zumindest im traum eine arbeit über kasusgrammatik, in der ich den unterschied zwischen »kämpfen mit dem messer« und »kämpfen mit dem feind« erläutere. unterschiedliche semantische rollen können im gleichen kasus realisiert werden. ärgerlicherweise kommt es nicht zur veröffentlichung, weil der drucker in der psychiatrischen einrichtung, in der ich lebe, nur gestreiftes endlospapier ausspuckt. schwänze trotz freikarte das größte gartenfest europas, weil ich lieber im schlafanzug in adrians drei quadratmeter großem wohnheimszimmer herumhänge und tagelang mit ihm fernsehe. seine bratkartoffeln sind bis heute ungeschlagen, ob er einen zugang zu townes finden konnte, bleibt ungeklärt.

    das internet informiert

    Montag, 30. November 2009, 21.28 Uhr

    heute: gallertartiger flechtensalat, vereinigung der dreizehn kristallschädel, das herrenkorsett, vesterscher papiercomputer.

    wörter für schnee

    Samstag, 7. November 2009, 15.56 Uhr

    winterzeit ist mandarinenzeit; die blütezeit all derer, die zwar keine lebensmittelneurotiker sind, sich aber gerne wie lebensmittelneurotiker gebärden und minutenlang das mesokarp vom endokarp fitzeln und sich genüsslich der albedoentfernung hingeben, pith die pulpa pirst.

    wie man nicht wie karl may schreibt

    Dienstag, 27. Oktober 2009, 2.03 Uhr

    »Schnuckiherz! Ich bin hier, um dich vor der Einsamkeit zu retten!« sagte Winnetou, als er sich nachts so gegen kurz vor zwei auf meiner Couch materialisierte. Ich legte eine Platte von Kinky Friedman auf. Der überaus attraktive Häuptling der Apachen räkelte sich genüßlich auf dem Sofa und begann, mir aus einem zufällig gut sichtbar auf dem Couchtisch drapierten Band Derrida vorzulesen. Nach drei Seiten unterbrach er die Lesung und sah auf seine topstylische Esprit-Uhr. »Der Zeitplan sieht vor, dass wir jetzt schnuckeln«, informierte er mich.

    Winnetou und Old Shatterhand standen so rum. Zwei Stunden später standen sie immer noch da. Kein Wind. Schweigen. Drei Stunden später immer noch nichts.

    Während Winnetou einarmige Liegestützen machte und 27 Orks enthauptete, sinnierte er über seine Laktoseintoleranz. Würde er nie wieder Earl Grey mit Milch trinken können? Er zückte das Smartphone, von dem er sich als moderner, christianisierter Häuptling nie trennte, um seine Haushälterin anzurufen. Für Miss Winterbottom, die seit mehr als dreißig Jahren auf dem Stammgut seiner Familie arbeitete, wäre es sicher ein Kinderspiel, geschmacklich akzeptable Sojamilch zu besorgen. Sie war auch die einzige, die von der Geheimidentität des oberhammerst schmucken Mannes wusste, seitdem sie ihn dabei erwischt hatte, wie er blutüberströmt und mit zwölf Elbenleichen in den Armen aus seinem günstig über ebay erstandenen viktorianischen Kleiderschrank gestiefelt war. Denn obwohl Winnetou dem englischen Landadel angehörte, waren über die Jahrhunderte hinweg nur wenige der kostbaren Antiquitäten erhalten geblieben. Seine Vorfahren, die weitaus weniger edel und integer waren als er, hatten so gut wie alles versoffen.

    buchtitelbaukasten

    Freitag, 23. Oktober 2009, 19.55 Uhr

    [der andere] [differenz] [erzählung] [existenz] [identität] [methode] [nichts] [schrift] [sein] [sexualität] [wahrheit] [zeit]

    das aktuelle »freizeitvergnügen«

    Montag, 19. Oktober 2009, 20.49 Uhr

    freizeit gibt es nicht (siehe sechster august), geschenkt. aber es gibt diese mußeminütchen am kopierer, in denen ich durchschnaufe und versuche, mich tiefenintensiv zu entspannen, damit ich nicht ausflippe, weil das scheißding sich mal wieder für mich unvermittelt auf 142% gestellt hat. eigentlich wollte ich anlässlich dieser zermürbenden erfahrung was technikpessimistisches von august wilhelm schlegel zitieren, aber es fällt mir gerade nicht ein.
    (und jetzt, wo ich den rest des eintrags schreibe, immer noch nicht.)
    deswegen sei nur erwähnt, dass aw gerne »glacéhandschuh« getragen hat. das berichtet¹ jedenfalls heinrich heine und macht sich darüber lustig, obwohl er selbst angibt, bei dieser begegnung eine »rote mütze« und einen »weißen flauschrock« getragen zu haben. zwar ausdrücklich »keine handschuhe«, aber trotzdem klingt das ähnlich beknackt.
    (heines verhältnis zu weißen flauschröcken bleibt mir übrigens ein rätsel. im dritten teil der reisebilder schreibt er nämlich über einen musiker, der sowas trägt. die passage ist stark korrigiert, und in einer der verworfenen fassungen heißt es, der musiker trüge besagten weißen flauschrock »vielleicht aus ironie oder armuth«. warum diese flauschröcke? warum armut? ist das eine anspielung auf das voß-gedicht? weiß beloved henri nicht, dass man auf weißen klamotten jeden dreck sieht?)
    dem freizeitvergnügen aber spielen die nachtseiten der technik in die hände. der kopierer nämlich ist nicht nur zu mir gemein, sondern konfrontiert so gut wie alle, die ihn benutzen, mit seinem grundlegend widerborstigen naturell, weswegen seine peripherie üblicherweise von sorgsam geknüllten fehlkopien geziert wird. was für andere wie eine trendy kunstinstallation aussieht, ist für mich ein versprechen.

    ¹in heinrich heine: die romantische schule

    wie dunkel ist das dunkel

    Donnerstag, 15. Oktober 2009, 0.54 Uhr

    achtet auf kastanienstände in der stadt. kauft crème de marrons. dann david sylvian hören. how little we need to be happy. wer lesen mag, soll levinas lesen.¹ es ist kein erkennen, es ist keine extase, und danach ist man so angenehm beschämt. auch max frisch ist gut für den herbst, denn da ist so vieles möglich.

    ¹ ich empfehle ihn momentan oft.

    tageslosung #2709

    Sonntag, 27. September 2009, 9.19 Uhr

    »die geistlichkeit herrschte im dunkeln durch die verdunkelung des geistes.«

    zum wahltag ein henri heine.

    tageslosung

    Mittwoch, 23. September 2009, 10.17 Uhr

    »ich muss immer noch männlicher mit mir umgehen – mir was zutrauen – nicht kindisch zagen und weich tun und mich verziehen.«

    deswegen energischer blick beim exzerpte kritzeln.

    tales of the city

    Sonntag, 13. September 2009, 0.01 Uhr

    wenn sie lustig oder philosophisch oder beides werden, erzählen leute gerne mal komisches zeug. das ist zunächst gute unterhaltung, aber irgendwann ausgereizt, wenn es immer das gleiche komische zeug ist. ein dauerbrenner ist diese üffes-geschichte, die jeder von uns schon mal ganz in echt, ehrlich, also jetzt fei¹ wirklich, selbst erlebt hat. aber für schlechte partys (das sind die, auf denen ich nur durchhalte, wenn ich mir meinen eigenen gesprächspartner aus dem persönlichen geek-fundus mitbringe) mag sie taugen. um einiges weniger erträglich sind diese ätzenden linguistischen pseudoweisheiten, mit denen man als germanist zwangsläufig irgendwann, etwa auf schlechten partys, konfrontiert wird.
    da gibt es zum beispiel diese geschichte über den schnee. sie geht zurück auf ein buch von franz boas (the mind of primitive man), in dem er schreibt: »As another example of the same kind, the words for »snow« in Eskimo may be given. Here we find one word expressing »snow on the ground«; another one, »falling snow«; a third one, »drifting snow«; a fourth one, »a snowdrift«.« ja nun. das ist schon ganz interessant (wenngleich nicht völlig korrekt), ungefähr so interessant, wie dass es im deutschen ein wort für »schnee, der über ein jahr lang irgendwo herumliegt« gibt. es heißt firn. und die plastikdinger am ende eurer schuhbändchen heißen benadelung.
    vor ein paar tagen habe ich bei cassirer sowas ähnliches gefunden. er erklärt da unter anderem, dass die bakairi keinen gattungsbegriff für papageien haben, sondern stattdessen die einzelnen arten benennen. als quelle auf verweist er auf »unter den naturvölkern zentral-brasiliens« von karl von den steinen. ich hab mal nachgeschlagen, und von den steinen schreibt das tatsächlich: »Jeder Papagei hat seinen besonderen Namen und der allgemeine Begriff Papagei fehlt vollständig, ebenso wie der Begriff Palme fehlt.« allerdings unterschlägt cassirer, der beweisen will, dass »das Bestreben der Sprache, ehe sie zur Schaffung bestimmter Klassenbezeichnungen und Gattungsbegriffe gelangt, vor allem auf die Bezeichnung der Varietäten gerichtet« ist, dass es sehr wohl »ein Wort für Vogel [gibt], das wahrscheinlich geflügelt bedeutet […]«. und borges kennt klassenbegriffe für tiere, die dem kaiser gehören, und tiere, die mit einem sehr feinen kamelhaarpinsel gezeichnet sind. kamele gibt es bei cassirer in diesem zusammenhang aber auch, denn: »Hammer² hat in einer eigenen Abhandlung nicht weniger als 5744 Namen für das Kamel im Arabischen zusammengestellt, die je nach dem Geschlecht, nach dem Alter oder nach irgendwelchen individuellen Kennzeichen des Tieres variieren.« das ist auch wieder ganz interessant, vielleicht vergleichbar mit den wörtern, die wir für hund kennen, von afghane bis zwergdackel; darunter auch die genaue bezeichnung für einen kleinen, im folkloristischen umfeld süddeutschlands lebenden hund, den man ein zamperl heißt. und dann gibt es da noch einen buchstaben, den man das gimel nennt. ich kenne ihn aus den hebräischkursen meines besten freundes; und das gimel ist ein stilisiertes kamel.

    ¹ modalpartikel, süddeutsch.
    ² bezieht sich auf hammer-purgstall: das kamel. das nächste exemplar steht leider in münchen in der stabi.