eintrag 829

Dienstag, 31. August 2010, 22.09 Uhr

deutschland. (symbolbild)

und quer drüber so ein graffiti: IT´S BETTER TO BURN OUT THAN TO FADE AWAY (WILHELM HEINRICH WACKENRODER)

quetschenpower

Freitag, 6. August 2010, 13.13 Uhr

bis vor zwei stunden dachte ich noch, max goldt hätte die phänomenale horrorstory über flockenquetschen und das selbstmach-movement mit einem widernatürlichen augenzwinkern durch einen fauligen strohhalm aus den abgründen seiner einbildungskraft heraufgesaugt. doch jetzt habe ich die hölle entdeckt: HIER KLICKEN FÜR EINEN BESUCH IM SCHATTENREICH.
q.e.d. die reproduktion der wirklichkeit schockt mehr als alles phantastische es je vermag.

der trostvolle eintrag

Donnerstag, 22. Juli 2010, 22.34 Uhr

oder anders: wo ein beachtlicher stein placiert werden kann, dort placieret einen beachtlichen stein.

bezüglich des nicht angemeldeten öffentlichen vergnügens zu erlangen frage ich mit moses mendelssohn: »Wie kann aber der Staat zulassen, daß irgend einer seiner nützlichen und geachteten Bürger durch die Gesetze unglücklich werde?«

denn es ist ja so: »According to Mendelssohn’s political philosophy the purpose of the state includes the promotion of the happiness of its citizens.« (Alexander Altmann, Die trostvolle Aufklärung, 1982)

vom behälter aller dinge

Sonntag, 11. Juli 2010, 1.52 Uhr

der ort ist, wie ich bei adelung gelesen habe, »ein wort von vielfachen bedeutungen«. der ort ist ein bestimmter teil des raums, eine ansammlung von punkten (auch: eine ansammlung von trockenen kiefernnadeln, erdkörnchen, aufgescharrt vom staubwühlenden fuß; ameisen). der absolute ort: derjenige raum, welchen ein körper wirklich einnimmt.

[nummer 794]

Freitag, 18. Juni 2010, 22.00 Uhr

vor ein paar tagen war ich mal wieder genau so, wie ich nie sein wollte, nämlich technikpessimistisch und fortschrittsverdrossen. eigentlich sehe ich das thema gar nicht so verbiestert (schließlich ist das aufblühen der antiken philosophie ohne die ZAHL nicht zu denken), aber jetzt habe ich doch sorge, dass die neue jugend nie wieder weinend über dem shelley zusammenbrechen wird.
der technische fortschritt hat nämlich, wie ich durch inquisitorisches ausquetschen meiner kleinen schwester erfahren habe, dazu geführt, dass heutzutage morgens um halb acht nicht mehr seitenlange, rasend schwermütige briefe von backfisch zu backfisch getauscht werden. stattdessen schreiben die sich jetzt sms mit zeichenbegrenzung. für mich, die sich an unzählige mit dem briefeschreiben verbrachte nachmittage erinnern kann, ist das eine höchst irritierende und missmutig stimmende angelegenheit. denn brennt einem, wenn man den werther liest (die kenntnis des waldbruders setze ich ja gar nicht mehr voraus!), nicht eine unbändige lust in den adern, es ihm gleichzutun und alles, was einen bewegt, genüsslich aufs papier zu kotzen, ganz ungeachtet dessen, dass man – im gegensatz zum literarischen vorbild – die adressatin am nächsten tag ohnehin sieht?

von den vermeintlich unnützen essern

Montag, 31. Mai 2010, 23.37 Uhr

bei moses mendelssohn habe ich eine passage über den arbeitsbegriff gefunden. ist zwar schon von 1782, lässt sich aber auch heute noch schön zitieren. so gut wie jedesmal, wenn ich die artikelkommentare auf der faz-seite lese, denke ich mir ungefähr das:

»Was heißt denn nach seinen Begriffen eigentlich Hervorbringer und Verzehrer? Wenn nur derjenige hervorbringet, der etwas Greifbares erzeugen hilft, oder durch seiner Hände Arbeit verbessert; so besteht ja der weit wichtigste und größte Theil des Staats aus blossen Verzehrern. Der ganze Lehr- und Wehrstand bringet, nach diesen Grundsätzen nichts hervor; wenn nicht etwa die Bücher, die von jenem geschrieben werden, eine Ausnahme machen. Beym Nehrstande selbst sind zuförderst Kaufleute, Lastträger, Land- und Wasserfahrer abzurechnen, und am Ende wird die Classe der sogenannten Hervorbringer größtenteils aus Ackerknechten und Handwerksgesellen bestehen; denn die Landeigenthümer und Meister pflegen selten mehr selbst Hand ans Werk zu legen. Sonach bestünde der Staat, außer jenem zwar achtungswerthen, aber doch geringern Theil des Volks, aus Leuten, die durch ihrer Hände Arbeit die Produkte der Natur weder befördern, noch vervollkommnen; also aus blossen Verzehrern, und wie? also auch aus unnützen Mäulern die dem Hervorbringer zur Last werden?
Hier fällt die Ungereimtheit in die Augen, und da die Folgerung richtig ist, so muß der Fehler in den Vordersätzen liegen. Und so ist es auch! Nicht bloß Machen; sondern auch Thun heißt hervorbringen. Nicht nur wer mit den Händen arbeitet; sondern überhaupt, wer nur etwas thut, befördert, veranlasset, erleichtert, das seinem Nebenmenschen zum Nutzen oder Vergnügen gereichen kann, verdient den Namen des Hervorbringers, und er verdient ihn zuweilen um desto mehr, je weniger Bewegung ihr an seinen Extremitäten gewahr werdet.«
(moses mendelssohn, in der vorrede zu marcus herz‹ übersetzung von manasseh ben israels rettung der juden.)

[nummer 807]

Freitag, 28. Mai 2010, 1.36 Uhr

wie ich einmal nach dem umgang der literatur mit dem technischen fortschritt gefragt wurde, und welche antwort ich darauf gegeben habe:

Das Auftreten technischer Neuerungen ist in der Geschichte stets sowohl von ausdrücklicher Bejahung als auch von Kritik und Ablehnung begleitet. Dieses gespaltene Verhältnis zur Technik ist kein genuines Problem des modernen Menschen; es lässt sich nicht nur in der poetischen Literatur ab der beginnenden Moderne und in die Romantik hinein, sondern – kulturgeschichtlich betrachtet – auch weit darüber hinaus aufzeigen. Beispielsweise ist bereits die Einführung des Spinnrads in Europa im 13. Jahrhundert von Verboten begleitet. Die Antriebsfedern der Technik befürwortenden Seite bleiben dabei im Grunde dieselben; die Argumentation kann unter den Schlagworten Fortschritt und Arbeitserleichterung zusammengefasst werden. Die Einwände der Technikskeptiker verlagern sich im Lauf der Jahrhunderte hin zum Individuum. Zunächst wird, wie im Falle des Spinnrads, die Qualität der mechanischen Produktion angezweifelt. Für das Mittelalter und die Frühe Neuzeit muss hierbei allerdings beachtet werden, dass es sich um noch um feudale Ständegesellschaften handelt. Die Kritik, die in Quellen anhand der Verbote nachgewiesen werden kann, spiegelt somit die Interessen elitärer Gesellschaftsschichten und nicht die Interessen derjenigen wider, deren Arbeitsleistung durch das Spinnrad in Frage gestellt wird. Später, mit dem Eintritt in die arbeitsteilig organisierte Gesellschaft, werden soziale Verhältnisse zur Grundlage für Technikkritik, denn „[g]enerell muß jeder Einzelne, um sein Leben zu fristen, eine Funktion auf sich nehmen und wird gelehrt, zu danken, solange er eine hat.“ (Adorno) Die Maschinen, wie etwa der automatische Webstuhl, werden zur Konkurrenz für den Arbeiter, dessen materielle Lebensgrundlage – und daran anknüpfend seine Funktion in der Gesellschaft – nun bedroht ist; eine Entwicklung, die zur Triebkraft der britischen Maschinenstürmer wurde. Der Gedanke, der Stellenwert des Einzelnen in der Gesellschaft korrespondiere mit dessen Arbeitskraft, wird in der heutigen Zeit zusätzlich mit dem Begriff der Würde gekoppelt, wodurch auch eine Anschlussstelle für eine ethische Dimension der Technikkritik geöffnet wird.
Da es sich bei Literatur zwar um ein spezifisch ästhetisches, keineswegs aber um ein von anderen Kräften abgekoppeltes Diskurssystem handelt, positionieren sich poetische Texte zwangsläufig im Spannungsfeld zwischen Affirmation und Kritik. Eine einheitliche inhaltliche Ausrichtung sucht man vergebens – in jeder Epoche lassen sich sowohl Skeptiker als auch Befürworter ausmachen. So steht in der Romantik etwa die Ablehnung der Technik durch August Wilhelm Schlegel, der einwendet, „mit Mechanik, mit Manufakturen, mit Land- und Staatswirtschaft mach[e] man keine Gedichte“, einem Novalis gegenüber, der ungefähr zur selben Zeit notiert, „[a]uch Geschäftsarbeiten [könne] man poetisch behandeln.“
Interessanter als diese Auseinandersetzung auf der Inhaltsebene erscheint darum die Frage nach der Interaktion zwischen Technik und Literatur auf struktureller Ebene; inwiefern also technische Denkfiguren in andere Diskurssysteme einwandern und dort nutzbar gemacht werden. Diese Linie lässt sich anhand der Geschichte der Schreibautomaten und Sprachgeneratoren verfolgen, weil diese jeweils auf dem technischen Stand ihrer Zeit die Fragen nach Autorschaft und der Genese von Text und Textbedeutung verhandeln.

[nummer 803]

Mittwoch, 26. Mai 2010, 22.27 Uhr

heute mal wieder einen nicht unbeträchtlichen teil des tages in öffentlichen verkehrsmitteln. dabei st. petri-schnee von leo perutz gelesen. ein roman, in dem zwar nur von berlin nach osnabrück gereist wird (zumindest ist das der unstrittige teil der reise), den ich aber trotzdem zur reiseliteratur im weiteren sinne zählen möchte, weil danach mindestens durch chloroformwolken weitergereist wird. außerdem: »Reisende in Maschinen, in Winterartikeln, in Reißverschlüssen und in Porzellanwaren wurden gesucht«, und das rechtfertigt ja alles.

und, kurz noch, eine religiöse extase wird heraufbeschworen, aber dann passiert das hier:
»Ja, die Glocken läuten, aber sie läuten Sturm und die Bauern singen, aber nicht Marienlieder, sondern die Internationale.«
interessant, weil 1938, fünf jahre nach der veröffentlichung von st. petri-schnee, voegelins politischen religionen erscheinen. natürlich ist die sozialistische idee dem wesen nach keine totalitäre; trotzdem gibt es parallelen zwischen den wirkungsmechanismen von massenbewegungen aller art, insofern auch eine politische ideologie doch immer über sich selbst hinausweist. deus lo vult!

[nummer 801]

Montag, 24. Mai 2010, 12.34 Uhr

entschieden GUT finde ich spambots, die mir namen wie quarnstrom schockley auftischen wollen. wäre eine von quarnstrom schockleys besiedelte welt nicht etwas streichelzart erquickliches?
(und ich muss an squornshellous zeta denken, so irgendwie.)

sonntagsvögel

Sonntag, 23. Mai 2010, 21.35 Uhr

hurtig ist der flug der schwalben/über meinem fenster/tschirrrp tschirrrp
am schreibtisch verwegene träume/mir einen pirol zu fangen/gelb gelb
das habitat der schwanzmeisen/da hinten im wald/szzs szzs

wanderer, kommst du nach fra…

Dienstag, 18. Mai 2010, 22.18 Uhr

bei diesem kieseritzky findet sich schon ganz am anfang eine bedenkenswerte stelle, nämlich: »Unterwegs lese ich immer Reisebücher, was soll man sonst auf Reisen tun, wenn man einen Zug benutzt (..).«
gute idee, dachte ich mir, und so saß ich heute in der acht (ich reiste immerhin ans andere ende der stadt), in yoricks reise des herzens von sterne schmökernd. und auch da gleich am anfang etwas lustiges, von dem ich zunächst dachte, es sei ein ausgedachtes kuriosum, aber es ist mehr oder weniger wahr und soll hier erzählt werden: »Hab und Gut von Fremden (Schweizern und Schotten ausgenommen), die in Frankreich sterben, wird kraft dieses Gesetzes beschlagnahmt, auch wenn der Erbe zur Stelle ist. Da diese zufälligen Einkünfte verpachtet sind, ist an Wiederherausgabe nicht zu denken.«
aber nun keine sorge, »da die Französische Nationalversammlung das Droit d‹Aubaine ganz aufgehoben und für eine Schande der Menschheit erklärt hat« (justus möser 1791 in der berlinischen monatsschrift), lässt es sich in frankreich inzwischen wieder gemütlich dahinscheiden.

apropos do it yourself

Dienstag, 4. Mai 2010, 0.42 Uhr

vorausgesetzt, man beherrscht noch ein wenig meine alte plansprache, ist natürlich auch das hier ziemlich leicht:

UBAAHUTF MMEU VPGQS GIOB

(der größte teil der vokabeln ist aber leider verloren, fürchte ich.)

das kryptogramm

Montag, 3. Mai 2010, 22.00 Uhr

14 minuten, nachdem ich the book of prefaces bezahlt hatte, bekam ich, das war, als der bus an der dritten haltestelle vorbeifuhr, durch ein hemd, das jemand auf seinen balkon gehängt hatte, den letzten hinweis. wir haben also den folgenden code: rosa – blau – weiß – weiß – rosa. außerdem gehört die 18 dazu, denn ich habe aus ungeduld selbst beschlossen, dass keine weiteren hinweise folgen.

hm, ich glaube, es ist einfach eine anweisung.
the order: do it yourself

(wegen rbwwr, verschlüsselt mit 14/3/18, und dann in die richtige reihenfolge)

another night at the opera

Sonntag, 2. Mai 2010, 2.27 Uhr

der nachbar, der nachts so gerne opern hört, ist genau in diesem moment auf zwölfton umgestiegen.

i will do some magic now

Samstag, 1. Mai 2010, 11.19 Uhr

falls man sich nach den 30 minuten film ärgert, weil es nur eine teure beutelschneiderei war (disclaimer: achten Sie auf das »falls«. wir befinden uns in der zauberwelt des potentialis. ich habe nie behauptet, dass man sich tatsächlich ärgern wird), könnte der kurs funktioniert haben, wäre also doch jeden cent wert (auch hier: ich habe nie etwas gesagt. kaufen Sie doch, was Sie wollen). dann aber müsste man ja wiederum die stufe zum kritischen denker erklommen haben und bemerken, dass man gerade echt viel geld für einen dreißigminütigen film ausgegeben hat. wow, welch fortwährende umwälzung der gedanken. es herrscht permanente revolution in der zauberwelt der möglichkeiten.

cause i get bored in such a hurry

Mittwoch, 28. April 2010, 0.46 Uhr


goethe-kritik (klick)
: streit um die frage, ob goethe an einem todesurteil beteiligt war.

und william shatner covert common people (klick).

wenn ich noch einmal intertextualität höre

Freitag, 23. April 2010, 8.06 Uhr

collage aus artmann-gedichten, zusammengestellt im frühjahr von einer person mit drei fenstern nach osten. und sogar die überschrift ist eigentlich geklaut.

das profil des morgens
leuchtstarkes wühlen
und das schmale bett
mit dem kopf gegen das fenster
so verläuft der blutende zirkel der sonne
raus aus
den federn
tritt der gast
in die umgebenden schatten

späte hand, spätes auge

Mittwoch, 21. April 2010, 14.48 Uhr

wie ich einmal ein buch zu spät gelesen und mich dadurch um einen verweis gebracht, aber trotzdem ein warmes gefühl im nacken bekommen habe, und wie es sich über meine schultern ausgebreitet hat.

»Die Seiten des Buches sollen abhängig von der Anzahl der Leser variieren, dem Lesefluss wird keine Richtung vorgegeben, das Buch hat lediglich einen festen Einband, alles andere befindet sich immer im Fluss. Es handelt sich beim Livre also nicht um ein reguläres Buch, sondern vielmehr um ein virtuelles, um eine Art Hypertext oder eine Performance. […] Mallarmés Vorstellung, ein einziges Buch auf viele unterschiedliche Weisen zur Aufführung zu bringen, korrespondiert […] mit dem maschinellen Webstuhl, der im Frankreich des frühen 19. Jahrhunderts von Jean-Marie Jacquard entwickelt wurde. Dieser unterscheidet sich vom mechanischen Webstuhl durch den Einsatz von Lochkarten, die das automatische Weben von komplexen Mustern ermöglichen. Für konkrete Berechnungen ist der maschinelle Webstuhl freilich nicht zu gebrauchen, aber der Schritt zum Algorithmus ist, wie Charles Babbages – letztlich ebenfalls Vision gebliebene – Analytical Engine zeigt, nicht weit. […] Die Kalkulation des Livre umfasst jedoch nur die formale Rechenebene, die Autorität über den potenziellen Inhalt des Buches, der durch die stetige Variation entsteht, muss der Autor zumindest zum Teil abtreten; er ist wesentlich flüchtiger als beim linearen Text und eröffnet eine um Vielfaches größere Anzahl an möglichen Interpretationen.« (ich, kein titel, nürnberg 2010)

»Das Buch ist dem Handwerkszeug vergleichbar; so vollkommen es auch sein mag, es erfordert eine vollständige technische Beteiligung von seiten des Lesers. Die einfache Kartei gleicht schon einer manuellen Maschine, denn ein Teil der Operationen wird transformiert und virtuell in den Karteikarten aufbewahrt, die nur noch mit Leben erfüllt werden müssen. Die Lochkarten stellen eine weitere Stufe dar, vergleichbar der Stufe der ersten automatischen Maschinen. […] Das gleiche Prinzip hatte Jacquard bei den Webstühlen eingeführt, und es ist merkwürdig, daß es mehr als ein Jahrhundert dauerte, bis das Dokumentationssystem die Stufe erreichte, die in der Weberei schon im 19. Jahrhundert realisiert worden war.« (andré leroi-gourhan: hand und wort. die evolution von technik, sprache und kunst. frankfurt 1988. s. 330.)

eine affäre

Sonntag, 18. April 2010, 9.57 Uhr

glaubt man lavater, so besitze ich wenig frauenzimmerkunstfertigkeit und kein genie, bin dafür aber voll dreistigkeit und verstand. das hat lavater ganz gut erkannt, denn bereits in der grundschule wurden in textilarbeit/werken hauptsächlich die handarbeitsfähigkeiten meiner oma bewertet, die mir heimlich löwen gehäkelt und eierwärmer gestrickt hat, während ich an sowas einfachem wie glatten, rechten maschen gescheitert bin. so nimmt es nicht wunder, dass meine beurteilung lavaters zwar nicht sonderlich originell, aber immerhin doch ganz akzeptabel, weil gängig ist.

lavater hat seiner teilübersetzung der palingénésie philosophique von bonnet, die er als philosophische untersuchung der beweise für das christentum veröffentlicht hat, ein widmungsschreiben an mendelssohn vorangestellt. allein das wirkt eigentlich ganz nett, aber man muss sich die widmung näher ansehen. sie ist wenig liebenswürdig. lavater fordert mendelssohn darin öffentlich auf, die beweise für das christentum zu widerlegen. sollte mendelssohn an dieser aufgabe scheitern, schlägt lavater vor, er solle sich sokrates zum vorbild nehmen (der vergleich zwischen mendelssohn und sokrates ist, wie sich später vor allem aus nachrufen entnehmen lässt, nicht unüblich) und gewisse konsequenzen ziehen. obwohl damit natürlich nicht der schierlingsbecher, sondern die konversion gemeint ist, bleibt’s eine frechheit. auch der lavater scheint mir hier ordentlich voll mit dreistigkeit!
fies, oder vielleicht auch nur nervtötend, ist erstens der bekehrungsversuch überhaupt. man kann lavater dabei eventuell zugute halten, dass dafür wohl tatsächlich theologische beweggründe hat. er ist nämlich anhänger des institutum judaicum zu halle, das an der judenmission arbeitet, weil dort der vom pietismus geprägte glaube herrscht, die rückkehr des messias habe die judenbekehrung zur vorbedingung.
fies, und das ist jetzt wirklich fies, ist zweitens, dass der bekehrungsversuch öffentlich stattfindet. lavater mangelt es hier nachhaltig an takt. er ignoriert, dass mendelssohn überhaupt nicht in der lage ist, eine heftig negative antwort zu schicken, weil er von dem, was man heute einen offenen und freien diskurs nennen würde, abgeschnitten ist. er besitzt nämlich kein bürgerrecht in berlin (und hat es zeitlebens nie erhalten), sondern lebt dort als außerordentlicher schutzjude. vor seiner antwort an lavater hat er sogar die zuständige zensurbehörde informiert. deren antwort, man vertraue darauf, dass mendelssohn nichts schreiben würde, was öffentliches ärgernis geben könnte, ist nichts besseres als eine subtile drohung.
mendelssohn also: »wer die verfassung kennt, in welcher wir uns befinden, und ein menschliches herz hat, wird hier mehr empfinden, als ich sagen kann.«
lavater kriegt ordentlich prügel von lessing und anderen, auch bonnet selbst findet die angelegenheit nicht so toll, und nimmt sein ansinnen im nächsten brief (ja, es gibt einen nächsten brief) halbherzig zurück. als aufklärer (oder jemand, der sich für einen hält) muss er zugestehen, es gebe mehrere wege zum seelenheil, denn wer gott »fürchtet und recht thut, der ist ihm angenehm.« dann kommt aber trotzdem ein kniff, der preisgibt, wie es in wirklichkeit um seine toleranz bestellt ist, denn er drängt mendelssohn erneut dazu, den »kürzesten Weg zur höchsten tugend und seligkeit« zu betreten, womit natürlich das christentum gemeint ist. auf dem weg zur erlösung gibt es anscheinend stufen.

seltsamer typ, dieser lavater. wer mehr über mendelssohn lesen will, sei auf die 2009 erschienene biographie von shmuel feiner verwiesen.

1510, ein ostertraum

Donnerstag, 8. April 2010, 23.23 Uhr

sie führen mich in einen raum mit uhren. ich fühle die unendlichkeit gewisser entscheidungen, während ich durch eine sanduhr fließe.