von deutscher universität

Donnerstag, 12. Januar 2012, 4.47 Uhr

über den online-katalog der DNB bin ich heute – eigentlich hatte ich nach etwas ganz anderem gesucht – auf ein print-on-demand gestoßen. es handelt sich dabei um eine magisterarbeit, die vom autor auf einer dieser allseits bekannten plattformen für studienarbeiten eingestellt wurde. sie wurde an einer deutschen universität eingereicht und mit der note 2,0 bewertet (das sind die angaben, die auf dem deckblatt stehen). auf der plattform kann man ungefähr das erste fünftel der arbeit lesen, ohne dafür zu bezahlen, via google books noch einiges mehr. weil das thema der arbeit ganz interessant klang, habe ich angefangen, darin zu schmökern.

drei stunden später sitze ich immer noch hier und fixiere in schockstarre das browserfenster. die arbeit ist, um es mal vorsichtig auszudrücken, vollkommen unterirdisch.
das thema an sich ist eigentlich gar nicht mal schlecht und kann durchaus so vergeben werden. daraus geworden ist aber eine katastrophe. da wird zum beispiel eine bestimmte epoche skizziert; und zwar wird lehrbuchwissen erzählt, ohne eine einzige fußnote zu setzen. etwas später werden einzelne vertreter der epoche vorgestellt. zu den lebensläufen: keine fußnote. besprochene primärtexte: keine fußnote, keine literaturangabe im fließtext, nichts. vereinzelt direkte zitate aus den primärtexten: keine fußnote. die interpretation der primärtexte erfolgt in eigenregie, sekundärliteratur wird ignoriert. am ende der arbeit findet sich ein kurzes literaturverzeichnis, in dem handbuchtitel auftauchen, die offensichtlich benutzt, aber nie erkennbar zitiert wurden. die sprache ist unwissenschaftlich, die kommasetzung ist mangelhaft.

für mich ergeben sich hier zwei fragen.
erstens: wie ist es möglich, dass jemand diese arbeit als magisterarbeit einreicht und auch noch im internet veröffentlicht, sich also vermutlich nicht im klaren darüber ist, wie problematisch sie ist?
zweitens: wie ist es möglich, dass jemand diese arbeit als magisterarbeit akzeptiert und auch noch mit der note ›gut‹ bewertet, sich also offensichtlich ebenfalls nicht im klaren darüber ist, wie problematisch sie ist?

üblicherweise sind während des studiums bereits in den ersten semestern schriftliche hausarbeiten erforderlich, um einen seminarschein zu bekommen. in den ersten semestern sind die themen dabei noch nicht so anspruchsvoll, weil es in erster linie darum geht, bestimmte arbeitstechniken einzuüben. wenn zum beispiel das thema »das bergwerk in den erzählungen der deutschen romantik« vergeben wird, zu dem es sekundärliteratur in hülle und fülle gibt, dann geschieht das, damit der wissenschaftliche nachwuchs lernt, eben diese sekundärliteratur zu finden und damit zu arbeiten.
bereits nach der ersten hausarbeit wird also klar, ob jemand eine bibliothek benutzen, fußnoten setzen und ein literaturverzeichnis schreiben kann oder nicht. wenn die studierenden das können, ist eigentlich alles tutti. wenn sie es nicht können, dann hat man ihnen – UND DAS JETZT BITTE MITSCHREIBEN UND AUSWENDIG LERNEN – die arbeit mit der bitte um überarbeitung zurückzugeben, damit sie lernen, wie es richtig geht. weil es gerade im grundstudium unerlässlich ist, dass lehrperson und student_in die eingereichte arbeit gemeinsam durchsprechen, sollten scheine nicht kommentarlos im sekretariat hinterlegt, sondern persönlich in der sprechstunde ausgegeben werden. studierende mit schlechten leistungen brauchen hilfe, weil sie oft gar nicht wissen, was sie falsch gemacht haben. ich kenne tatsächlich jemanden, der noch im hauptstudium nicht wusste, dass ein literaturverzeichnis alphabetisch geordnet wird, aber überaus davon profitiert hätte, wenn ihm mal jemand gesagt hätte, dass das so, wie er es macht, einfach nicht geht. natürlich sind studierende erwachsene menschen, die etwas eigeninitiative zeigen sollten, aber wer nicht weiß, wie er sich verbessern kann, weil die benotung nicht transparent war, der wird sich oftmals nicht verbessern. so kommt es zur GAS, zur größten anzunehmenden schrottarbeit. die hemmschwelle, nach einer schlechten note in die sprechstunde zu gehen und nach dem grund dafür zu fragen, ist nach meinen erfahrungen ziemlich hoch. übrigens profitieren auch gute studierende von solchen besprechungen.
ich kenne beide seiten: während meines in den sand gesetzten studiums der politikwissenschaft wäre es ganz phantastisch gewesen, wenn ich mal eine anleitung zum wissenschaftlichen arbeiten bekommen hätte. leider habe ich mich damals nicht getraut, zu jemandem in die sprechstunde zu gehen und danach zu fragen, wie man eigentlich schreibt. und höhere semester, die mir hätten helfen können, kannte ich nicht. später dann, als ich mich neu orientiert hatte und erfolgreich war, war jedes lob und jede einladung zu sommerschulen eine motivation, noch besser zu werden. und bisher habe ich niemanden kennengelernt, der sich darüber beschwert hätte, für ein stipendium vorgeschlagen zu werden.
ein weiteres problem neben dem mangelnden feedback ist die derzeitige praxis der notengebung. natürlich hätte die magisterarbeit, die ich vorhin vorgestellt habe, nie so eingereicht werden dürfen. noch schlimmer ist aber, dass sich ein berufsversager findet, der auf eine arbeit, die jeden grundsatz des wissenschaftlichen arbeitens verletzt, eine 2 gibt. die note ›gut‹ wird nämlich vergeben für – zitat aus so gut wie allen magisterprüfungsordnungen deutschlands – »eine leistung, die erheblich über den durchschnittlichen anforderungen liegt.« zumindest ist das in der theorie so. tatsächlich aber verhält es sich so: während man sich zu schulzeiten noch über eine 2 gefreut hat, ist diese note im studium an vielen fakultäten schon eher der mittlere bis untere durchschnitt (hier eine statistik dazu: http://www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/7769-07.pdf) – zumindest war das in den magisterstudiengängen so.*
trotz dieser noteninflation habe ich noch nie eine so offensichtliche fehlbeurteilung gesehen. so leid es mir tut, die arbeit hätte allein aufgrund des fehlens jeglicher literaturverweise nicht angenommen werden dürfen. wenn ich daran denke, dass dafür vermutlich ein magistergrad verliehen worden ist, kann ich die leute verstehen, die pampig ihre bundesverdienstkreuze zurückgeschickt haben, nachdem sie, vorsicht metapher, angefangen haben, die bei supermarkteröffnungen als werbegeschenk zu verteilen.
vermutlich wäre es dem autor durchaus zuzutrauen, mit etwas übung eine vernünftige magisterarbeit zustandezubringen, die die note ›gut‹ verdient, aber dazu bräuchte es lehrpersonal, das seine verantwortung ernst nimmt und darauf hinweist, dass das, was geschrieben wird, auch belegt werden muss.

* mit der neustrukturierung des studiums, also der einführung von B.A. und M.A., scheint sich das zu ändern. durch meine stelle bekomme ich einige notenübersichten zu sehen, der durchschnitt liegt inzwischen meistens eher bei 2,x, wobei ich diese entwicklung hauptsächlich darauf zurückführen würde, dass in den bachelorstudiengängen wesentlich mehr klausuren und stattdessen weniger hausarbeiten geschrieben werden als früher. dass inzwischen eine realistischere leistungsbewertung stattfindet, ist eine gute entwicklung – dass schriftliche hausarbeiten im grundstudium durch klausuren zumindest teilweise umgangen werden könnten, ist ärgerlich. die fähigkeit, wissenschaftlich zu arbeiten, entwickelt sich nicht durch auswendiglernen, sondern durch routine und behutsam geführter anleitung zur selbständigen problemlösung.

michel-nummer 1178

Montag, 9. Januar 2012, 20.27 Uhr

als ich vor zwei tagen aus unruhigen träumen erwachte, fand ich mich in meinem bett zu einem an briefmarken interessierten menschen verwandelt. meine rückseite hat sogar schon ein wenig klebstoff, den man in diesem fall gummierung nennt.

auch hier ein rückblick auf 2011

Donnerstag, 29. Dezember 2011, 18.32 Uhr

in zahlen
auslandsreisen: 2
vorübergehend adoptierte straßenhunde: 3
neue fahrräder: 2
leute kennengelernt, die mich nicht angerufen haben: 2
leute kennengelernt, die ich nicht angerufen habe: 1
einträge im literaturverzeichnis der magisterarbeit: 107

in worten
das beste lebensmittel: granatapfelsaft
am häufigsten gegessen: hüttenkäse
anschaffung, mit der niemand gerechnet hätte: gym-mitgliedschaft
neu entdecktes talent: knutschflecke überschminken
dieses jahr zum ersten mal gemacht: ein clubspiel besucht

top 5 der gelesenen bücher
danilo kiŝ: ein grabmal für boris dawidowitsch
roberto bolaño: ein stern in der ferne
georges perec: träume von räumen
christian kracht: ich werde hier sein im sonnenschein und im schatten
gore vidal: messias

so ausgesprochen fröhlich

Mittwoch, 26. Oktober 2011, 16.15 Uhr

und zwar wirklich ausgesprochen überfröhlich, denn die sachfahndung war erfolgreich! das schätzchen wurde gefunden!

Das beste Rad der Welt

logogriph vom 26.10.1811

Mittwoch, 26. Oktober 2011, 12.39 Uhr

Ihr liebt im Herbst uns Freudenborne sehr:
Ein Zeichen weg, so liebt ihr uns noch mehr.

Euch bin ich werth
Und hochverehrt. (1)
Lest mich verkehrt,
So muss ich hau´n
Und Häuser baun;
Ja, Mensch und Thier
Erliegen mir. (2)
Lest anders mich,
Wie bin dann ich
So fürchterlich
Bey Jagd und Krieg,
Und schaff´ euch Sieg,
Ach! oder droht
Euch Noth und Tod. (3)
Doch lebet ihr
Gern lang in mir. (4)

–aus dem morgenblatt für gebildete stände–

was man über ursachen wissen kann

Donnerstag, 6. Oktober 2011, 0.24 Uhr

vor wenigen tagen habe ich einige langärmlige kleidungsstücke in herbstfarben erworben. nun gehe ich sozusagen in laub gekleidet. am beginn dieser handlungsekette, die jetzt aber nicht en detail nachvollzogen werden soll, stand der vom deutschen wetterdienst angekündigte wetterumschwung. den meteorologen sei an dieser stelle für die anregung zur erweiterung meiner garderobe herzlich gedankt. weil ich also in einen kaufrausch verfallen war, besuchte ich außerdem meine drei liebsten buchsecondhandläden, um die neueingänge zu überprüfen. es ist anzunehmen, dass jemand in erlangen sich eine schöne voltaire-werkausgabe zugelegt hat, denn ich fand die insel-ausgabe von candide im regal. zack! gekauft und sogleich in der s-bahn gelesen. das buch ist, soweit ich das beurteilen kann, ziemlich gut, allerdings kam ich vorerst nur bis seite 11 (= textseite 3). auf der ersten seite passiert eigentlich noch gar nichts. in recht konventionellem und märchenonkelhaften ton wird dem leser dort der titelgebende protagonist vorgestellt: »er war arglosen gemütes und hatte gesunden menschenverstand, und aus diesem grunde wurde er wohl auch candide genannt.« das ist nicht gerade neu, aber trotzdem ziemlich gut und vor allem traditionsreich. man erinnert sich natürlich sofort an gottfried: »nu heizet triste triure, und von der âventiure sô wart daz kint tristan genant, tristan getoufet al zehant.« super gemacht, voltaire! eine der besten mittelhochdeutschen dichtungen einfach mal en passant anzitieren, gefällt mir! dies waren meine gedanken von erlangen bahnhof bis eltersdorf. irgendwo zwischen eltersdorf und vach blätterte ich um auf textseite 2, wo meine durch den tristanstoff sehr hochgeschraubten erwartungen vollkommen erfüllt wurden. zunächst wird candides familie vorgestellt. das ist nicht so interessant, aber immerhin lustig, und bereitet vor allem überhaupt nicht auf den unglaublich starken satz vor, der sich von textseite 2 auf textseite 3 hinüberschlängelt. der wichtigste teil dieses satzes ist dieser: »er wies in vortrefflicher weise nach, dass es keine wirkung ohne ursache gäbe […].« tief erschüttert dachte ich bis nürnberg hauptbahnhof über meinen agnostizismus nach. es ist nämlich so, dass es tatsächlich keine wirkung ohne ursache geben kann, weil es (so wie geschichte das ist, was geschehen ist) der wirkung an sich bereits inhärent ist, dass sie, aus welchen gründen jetzt auch immer, bewirkt wurde. allerdings ist nihil fit sine cause nur solange richtig, wie es, weil sich die ursachen üblicher- und logischerweise vor den wirkungen ereignen, so etwas wie zeit überhaupt gibt. falls nun der urknall tatsächlich der beginn von zeit und raum ist, wird man die schöpfungsfrage überhaupt nicht lösen können. und tatsächlich geht es im ersten kapitel von candide um den satz vom zureichenden grund. nürnberg hauptbahnhof. fahrgäste bitte alle aussteigen.

thomas hobbes erklärt rtl2

Sonntag, 28. August 2011, 10.29 Uhr

»Sudden glory is the passion which maketh those grimaces called laughter; and is caused either by some sudden act of their own that pleaseth them; or by the apprehension of some deformed thing in another, by comparison whereof they suddenly applaud themselves. And it is incident most to them that are conscious of the fewest abilities in themselves; who are forced to keep themselves in their own favour by observing the imperfections of other men. And therefore much laughter at the defects of others is a sign of pusillanimity. For of great minds one of the proper works is to help and free others from scorn, and compare themselves only with the most able.«
– aus dem leviathan –

wie man einen leser neugierig macht

Samstag, 30. Juli 2011, 2.50 Uhr

A n z e i g e n
Es ist den 6ten Mai ein Schreiben von einem Ungenannten mit der Chorener Post an mich eingegangen. Bis jetzo ist meine Mühe, den Absender dieses ohne Namen und Ort an mich gerichteten Schreibens zu erfahren vergeblich gewesen. Ich wähle dahero die öffentlichen Blätter, um dem Absender des an mich gerichteten Schreibens, welcher sich im Dunkeln zu verbergen sucht, hiermit zu antworten, und ihn aufzufordern, sich bei mir in Rakschütz bei Neumarkt in Niederschlesien schriftlich mit Bekanntmachung seines Namens und Wohnortes, oder persönlich zu melden, wo ich ihm das Gegentheil seiner unergründlichen Vermuthungen beweisen werde. Sollte er das Licht scheuen, so erkläre ich hiermit den Inhalt seines Schreibens für das was er ist, für Erdichtung. Rakschütz den 10ten Junii 1802.
von Debschitz
– aus den berlinischen nachrichten von staats- und gelehrten sachen, no. 78. donnerstag, den 1sten julii 1802 –

wie man über andere zeitungen schreibt

Donnerstag, 28. Juli 2011, 22.50 Uhr

Paris, vom 22. Junius

Zuförderst wollen wir bemerken, daß in den neuesten Pariser Zeitungen bis zu obenstehendem Datum, namentlich in dem Amtsblatt der Regierung, dem Moniteur, der in Nantes erschienenen Unterhandlungen des General Leclerc mit Touissant noch mit keinem Worte erwähnt wird, wodurch wir jedoch die Zuverlässigkeit oder auch nur die Wahrscheinlichkeit desselben keineswegs verdächtig machen wollen. Aber auch außerdem enthalten jene neuesten Berichte aus Paris durchaus nichts für das Ausland Merkwürdiges.

– aus den berlinischen nachrichten von staats- und gelehrten sachen, no. 78. donnerstag, den 1sten julii 1802 –

bekenntnisse

Mittwoch, 13. Juli 2011, 1.47 Uhr

verstörend, wie sehr dieser augustinus mich ansaugt. die lektüre der confessiones gleicht einer gehirnwäsche. noch bin ich agnostisch, aber wenn ich so weiterlese, wird in einiger zeit eine epiphanie eintreten. das liegt am satzbau. augustinus ist immer im flow, aber der flow ist an vielen stellen rastlos. er wirft mich beim lesen hin und her, weil widersprüchliche bilder aufgerufen, oft sogar genau benannt werden (süßigkeit wandelt sich in bitterkeit); ruhe tritt nur dann ein, wenn es um gott geht (sein gesetz ist die wahrheit). das ist gut ausgearbeitet, aber logisch: der typ war ja rhetoriker und kann das. er hat keine freundlichen augen, die mich erkennen, aber er fasst meine verlangende hand (zitat intended, vgl. satz 1).

»Das liebt man an den Freunden, und so sehr liebt man es, daß unser Gewissen sich Vorwürfe macht, wenn es den Wiederliebenden nicht liebt und den Liebenden nicht wiederliebt, ohne von ihm irgend etwas mehr zu verlangen als nur Zeichen seines Wohlwollens. Hierauf gründet sich jene Trauer, wenn ein Freund stirbt, und die finstere Nacht der Schmerzen und das blutende Herz, wenn die Süßigkeit sich in Bitterkeit gewandelt hat und der Tod der Lebenden durch den Verlust des Lebens der Sterbenden. Selig, wer dich liebt und den Freund in dir und den Freund um derentwillen. Der allein verliert keinen teuern Freund, dem sie alle teuer sind in dem, der nie verlorengeht. Das aber ist unser Gott, der Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat und sie erfüllt, weil er ihnen das Dasein gab, indem er sie erfüllte Dich kann nur der verlieren, der dich verläßt, und wer dich verläßt, wohin geht er, wohin flieht er denn als nur von dir, dem Liebevollen, zu dir, dem Zornigen? Wo stößt der Fliehende nicht auf dein Gesetz in seiner Strafe? Und dein Gesetz ist die Wahrheit und die Wahrheit bist du!«

– augustinus: confessiones. buch 4, kapitel 9 –

wie man sich richtig unterhält

Samstag, 2. Juli 2011, 20.15 Uhr

»Darauf gingen wir in die Fakultät für Sprachen, wo drei Professoren darüber berieten, die Sprache ihres eigenen Landes zu verbessern. Das erste Projekt bestand darin, die Rede dadurch abzukürzen, daß man vielsilbige Wörter zu einsilbigen beschneidet und Verben und Partizipien ausläßt, da alle vorstellbaren Dinge in Wirklichkeit ja doch nur Hauptwörter seien. Das zweite Projekt war ein Plan zur völligen Abschaffung aller Wörter überhaupt, und man machte geltend, daß das außerordentlich gesundheitsfördernd und zeitsparend wäre. Denn es ist klar, daß jedes Wort, das wir sprechen, in gewissem Maße eine Verkleinerung unserer Lungen durch Abnutzung bedeutet und folglich zur Verkürzung unseres Lebens beiträgt.«
– aus jonathan swift: gullivers reisen –

in hoc signo usw.

Freitag, 1. Juli 2011, 0.27 Uhr

seitdem ich vor ein paar tagen im plattenladen nach vinyl-veröffentlichungen von cherbourg gefragt habe, bin ich auch so indie.

was man über kisten wissen muss

Sonntag, 12. Juni 2011, 1.04 Uhr

Am Hafen von Genua sind Facchini thätig, die kleine Papp-Kisten in ein Boot verladen. Das Verladungs-System ist ebenso prompt wie einfach. Man wirft die Kisten die kleine Steintreppe herunter, an deren Fuß das Boot hält. Können sie aber dabei nicht ins Wasser fallen? Gewiß, das können sie, und das thun sie auch öfter. Dann werden sie mit großem Lärm herausgefischt, und die Heiterkeit unter den wackeren Hafenarbeitern erreicht ihren Höhepunkt. Der wahre Humor von der Sache aber ist ihnen nicht zugänglich. Dieser wahre Humor besteht nämlich darin, daß auf jede dieser Kisten, die die Steintreppe herunterkugeln, in deutscher Sprache das Wort »Z e r b r e c h l i c h!« gemalt ist.
– aus paul goldmann: ein sommer in china –

cavazzoni: mitternachtsabitur

Samstag, 4. Juni 2011, 18.02 Uhr

»Das kennt man doch aus Träumen: Plötzlich soll man das Abitur nachholen.« – so beginnt der text, der mir den kauf von ermanno cavazzonis mitternachtsabitur schmackhaft machen soll.
aber ja doch, das nehme ich mit, denn tatsächlich leide auch ich unter dieser krankheit: schon lange bin ich für germanistik eingeschrieben und cresciere, floriere, brilliere. aber vorsicht, die ständeklausel! auf dem höhepunkt meines schaffens angelangt, stellt sich heraus, dass ich in wirklichkeit gar kein abitur habe. in biologie durchgefallen. der gesamte biologieunterricht ab der achten klasse inklusive der abiturprüfung muss jetzt wiederholt werden, und die tragödie nimmt ihren lauf.
seit letzter nacht aber bin ich rekonvaleszent. das erste mal überhaupt in diesen träumen musste ich nicht wieder in die schule gehen, sondern nur die abiturprüfungen wiederholen. ich interpretiere also noch einmal nelly sachs, diskutiere noch einmal das für und wider der fraktionsdisziplin, übersetze einen englischen text über einwanderungspolitik und stöpsle in der mündlichen prüfung irgendwas über das ökosystem wasser zusammen. jemand, den ich gut finde, holt mich vom prüfungsmarathon ab, und es stellt sich heraus, dass ich alles mit 1,0 bestanden habe. ja weißt du, sage ich zur netten begleitung, das ist doch kein wunder. ich bin jetzt 28 und fühle mich langsam zu alt für diesen quatsch. natürlich kann ich das alles. noch nie habe ich mich so erwachsen gefühlt. jede zelle meines körpers ist graduiert.
und letztendlich habe ich cavazzoni zitiert, in diesem befreienden traum: »Das ist doch Quatsch«, sage ich, »hören Sie auf!«

langsamer brüter

Freitag, 3. Juni 2011, 2.40 Uhr

ich starre seit einer ewigkeit so konzentriert auf dieses wort, als wäre es rauhfasertapete. aber ich kann es nicht lesen.

riefenstahl und rockmusik

Donnerstag, 2. Juni 2011, 21.38 Uhr

zur stunde erbauen zehntausende fanatische anhänger der rockmusik in nürnberg eine gigantische zeltstadt. alljährlich versammelt sich die jugend des partyvolks am reichsparteitagsgelände, um den kultfilm triumph des willens an den historischen originalschauplätzen nachzustellen.
– von harry giese gesprochen –

give me my task and let me do it right

Donnerstag, 26. Mai 2011, 21.58 Uhr

#1 johnny cash – I corinthians 15:55
just let me sail into your harbor of lights…

#2 woven hand – the good hand
i am nothing without his ghost within…

(muss fortgesetzt werden)

drittklassaufsatz

Dienstag, 24. Mai 2011, 22.09 Uhr

»Am Samstag fuhr Herr Taschenbier eine Woche allein ins Gebirge. Er dachte daß das Sams zuhause war und machte sich daher darüber keine weiteren Gedanken. Er war so müde daß er es sich auf den Rücksitzen des Autos bequem machte und einschlief. Und gerade das war ein Fehler. Wenn er nämlich den Kofferraum geöffnet hätte, dann hätte er sicher bemerkt daß das Sams nicht zuhause war. Es hatte sich nähmlich in den Kofferraum gelegt, was Herr Taschenbier nicht bemerkt hatte.«
– sehr dramatisch gelesen –

über das listenwesen

Donnerstag, 12. Mai 2011, 20.22 Uhr

»Jonathan Margin, Chefredakteur des literarischen Schnarchblatts Belles Lettres, hofft darauf, uns alle mit seiner Version der fünfundzwanzig besten Autoren Amerikas zu wecken. Laß gut sein, Margin. Wir können sie im Schlaf herbeten. Los geht’s bei Bellow und endet bei Updike, und die Zehn-zu-Eins-Wette gilt, daß Charles Bukowski es mal wieder nicht schafft. Schnarcht weiter in Frieden, oh gläubige Leser der Schönen Literatur!«
– aus charles simmons: belles lettres –

jemand wartet

Montag, 9. Mai 2011, 22.32 Uhr

menschen, die sich einsam fühlen, erzählt man ja gerne, dass irgendwo jemand auf sie wartet. in meinem fall stimmt das tatsächlich: in erlangen wartet die institutsbibliothek darauf, dass ich eine b-signatur zurückbringe. aufklärung und moderne 20, ein band über kanonbildung und kulturelle identität. es geht darin unter anderem um die abhandlung de la littérature allemande von friedrich 2, »mit der er seine inkompetenz auf dem gebiet der deutschen literatur auf peinliche weise dekuvrierte.« schöner satz!

auch schön ist aber das labyrinth oder reise durch deutschland in die schweiz 1789 von jens baggesen, das ich glücklicherweise noch nicht wieder herausrücken muss, weil es offensichtlich nie nachgefragt wird. das wiederum ist schade, denn baggesens reisebeschreibung ist nicht nur unterhaltsam und angenehm zu lesen, sondern auch ein subversives stück text.

die reise beginnt in kopenhagen. zunächst muss ein pass ausgestellt werden – dieser vorgang erstreckt sich über sechs buchseiten und dauert damit länger als beispielsweise ein aufenthalt in einer stadt wie heidelberg. nun habe ich baggesens labyrinth nicht zufällig gelesen. ich war vor allem an seiner schilderung der frankfurter judengasse interessiert, und tatsächlich war das ein glückstreffer. obwohl es beim überfliegen der einschlägigen textstellen so wirkt, als liefere baggesen eine recht konventionelle beschreibung, steckt doch mehr dahinter. auf den ersten blick unterscheidet sich baggesens text wenig von anderen zeitgenössischen darstellungen jüdischer wohnverhältnisse, wie man sie etwa in goethes dichtung und wahrheit findet. bei goethe nämlich:

»Die Enge, der Schmutz, das Gewimmel, der Akzent einer unerfreulichen Sprache, alles zusammen machte den unangenehmsten Eindruck, wenn man auch nur am Tore vorbeigehend hineinsah.«

enge, schmutz und gewimmel/wimmeln sind in diesem zusammenhang typische kollokationen. das heißt, diese wörter finden sich überdurchschnittlich oft in solchen beschreibungen und bilden, wenn man sich das menschliche gehirn bildlich vorstellt, gemeinsam mit judengasse ein denkwölkchen.

obwohl goethes text ungefähr 20 jahre älter ist als das labyrinth,* können wir davon ausgehen, dass dieses denkwölkchen auch baggesen bekannt war. man erkennt das an folgender stelle:

»Ich habe Jerusalem niemals gesehen; doch – ob es nun von den geschmacklosen Häusern, den engen Straßen, dem großen Schmutz und den vielen Juden kommt, von denen es hier wimmelt, oder was immer die Ursache sein mag – gewiß ist, daß mir der Gedanke nicht aus dem Kopf will, Judas berühmte Hauptstadt müsse dieser Stadt sehr ähnlich gewesen sein […].«

hier wird also die gängige beschreibung einer judengasse auf das historische jerusalem übertragen. das bild ist natürlich schief, denn »judas berühmte hauptstadt« ist die königsstadt davids und salomos, in der es häuser aus zedernholz und mehrere tausend stellplätze für die wagenpferde des königs gegeben haben soll. im ersten buch der könige lässt sich nachlesen, wie prachtvoll dieses jerusalem war. andererseits aber ist das bild so schief vielleicht doch nicht. denn baggesen beschreibt hier gar nicht seinen eindruck von der frankfurter judengasse, sondern die stadt hamburg. das aber ist, hier die nächste wende, auch wieder falsch, weil es in hamburg kein ghetto gab, das mit dem frankfurter vergleichbar gewesen wäre. mir scheint es, als wäre es absicht, dass das negative jerusalembild bei baggesen nicht funktioniert, denn so lässt sich zeigen, wie unbegründet die zeitgenössische ansichten über juden sind. während in anderen texten aus dieser zeit behauptet wird, der zustand zum beispiel der frankfurter judengasse entspräche einem ›jüdischen naturell‹, wird das hier mit anderen gedanken kontrastiert, nämlich der historischen blüte des antiken judentums und dem schmutz der (christlichen!) handelsstadt hamburg. eine faszinierende, doppelbödige stelle innerhalb der reisebeschreibung, die ästhetisch gesehen interessanter ist als diejenigen, an denen baggesen offen partei ergreift. ich zitiere nun trotzdem aus einem dieser politisch-programmatischen abschnitte, weil baggesen da einige gedanken bringt, die man gar nicht oft genug lesen kann:

»Ist es möglich, daß man noch in unserem Jahrhundert – dem achtzehnten seit der Verkündung der Gesetze der allgemeinen, menschenbrüderlichen Liebe Jesu Christi – ein ganzes Volk, in Generationen von Generationen, mit all seinen geborenen und ungeborenen Individuen, für der menschlichen Gesellschaft nicht zugehörig ansehen kann? Ist es möglich, daß man noch in unserem Zeitalter eine Nation, welche physische und moralische Existenz mit allen anderen gemeinsam hat, für politisch nicht existent und zu ewigen Verbannung bestimmt ansehen kann?

nun aber doch noch zu baggesens eindruck von der frankfurter judengasse. um typische kollokationen ging es ja gerade schon. neben denen, die ich vorhin genannt habe, gibt es noch eine andere besonderheit, die in solchen beschreibungen gehäuft auftritt: die tiermetapher. tiermetaphern sind übrigens nicht grundsätzlich negativ. wer mal etwas über metaphern gelernt hat, wird sich vielleicht an den in der literatur gerne verwendeten beispielsatz achilles ist ein löwe erinnern. dass wir diese metapher als positiv empfinden, liegt an den attributen, die dem löwen zugeschrieben werden. er ist stark, mutig und majestätisch – metaphorisch zusammengefasst: der löwe ist der könig der tiere. im zusammenhang mit juden findet man aber ganz andere tiermetaphern. der bösartigste schnitt der deutschen filmgeschichte: ein fliegenschwarm am fenster. schon zu baggesens zeit: immer tiere, die im kollektiv auftreten. immer tiere, die beschwerlich fallen. ungeziefer. wer diese metaphern benutzt, will bewusst dehumanisieren.

baggesen aber ist ein echter fuchs. er hält sich an gewisse standards der gängigen tiermetaphorik und unterläuft sie gleichzeitig, indem er andere insekten wählt:

»Der entsetzliche Eingang zu diesem Frankfurter Gosen, den ich nicht besser als mit dem Flugloch eines Bienenkorbs zu vergleichen weiß – man betrachte ein solches recht genau und stelle sich die ein- und ausschwärmenden Bienen zu Husarenstaturen vergrößert vor!«

wie funktioniert diese metapher?
es gibt eine bestimmte quelldomäne, nämlich den bienenkorb oder, allgemeiner, bienen. dann gibt es die zieldomäne, die dadurch beschrieben werden soll, hier natürlich die judengasse oder, wieder allgemeiner, juden. der leser weiß über bienen, dass sie staatenbildende insekten sind. die naheliegendste eigenschaft der bienen ist ihr fleiß. sie werden »vom menschen gewartet« (so in adelungs wörterbuch) und sind dadurch nutztiere. das unterscheidet sich nicht nur gewaltig von der in vielen anderen texten üblichen ungeziefer-metapher; die bienen-metapher spielt gleichzeitig auf die zu dieser zeit öffentlich geführte diskussion über die rechtliche gleichstellung der jüdischen bevölkerung an. der bienenkorb des imkers entspricht in diesem bild der fürsorgepflicht des schützenden staates, der für alle untertanen verantwortlich ist. trotz dieser positiven richtung ist die bienen-metapher nicht vollkommen entfernt von bestimmten aspekten der negativmetaphern, denn auch bienen leben in schwärmen, sie brummeln, surren und wimmeln. daher muss ein unaufmerksamer leser sich an dieser stelle nicht stoßen. er kann darüber hinweglesen und dabei im günstigsten fall wohlwollende assoziationen aufschnappen, die vielleicht in seinem bewusstsein verbleiben.

und nun komme ich endlich zur conclusio: lest baggesen, leute! ER WARTET AUF EUCH!

* als dichtung und wahrheit veröffentlicht wurde, gab es die frankfurter judengasse nicht mehr (der ghettozwang wurde nach dem brand 1796 aufgehoben). goethe erzählt hier eine jugenderinnerung, die unter anderem von der lektüre der jüdischen merckwürdigkeiten johann jacob schudts geprägt sein könnte (die ich hier nicht verlinke, obwohl darin unter anderem erklärt wird, wie man drachenblut verwendet).